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Verkehr Wie Autobahn-Staus künftig vermieden werden sollen

Auf Autobahnbaustellen wird immer noch gearbeitet wie vor 50 Jahren. Straffe Abläufe wie in der Fabrik sollen jetzt Bauzeiten verkürzen und die Zahl der Staus halbieren.

Ärgernis für Autofahrer: Quelle: dpa

Die sechs Männer der Schwarzkolonne haben einen heißen Job. Nicht etwa, weil die Beschäftigten des Straßenbauers Kirchhoff schwarzarbeiten, sondern weil der schwarze Asphalt, den sie mit der Maschine auf die Straße auftragen, bis zu 130 Grad heiß ist. Neuerdings machen sie mit ihrer gelben Asphaltiermaschine 300 Tonnen Asphalt pro Stunde platt, fast doppelt so viel wie früher – da schafften sie jede Stunde nur etwa 180 Tonnen.

Deshalb war die vier Kilometer lange Strecke der Autobahn A8 bei Wurmberg bei Pforzheim in Rekordzeit neu asphaltiert: Statt etwas über zwölf Tage brauchten die Arbeiter nur rund sieben Tage. Für die geplagten Autofahrer bedeutete dies, dass sich die Zahl der Staus um rund 40 Prozent verringerte. Damit hat die Unternehmensberatung Porsche Consulting im Auftrag des drittgrößten deutschen Straßenbauers Kirchhoff aus Leinfelden bei Stuttgart erstmals gezeigt, dass allein eine bessere Baustellenplanung Millionen Staukilometer pro Jahr verhindern würde.

Baustellen werden noch zunehmen

Jeder Autofahrer steht pro Jahr durchschnittlich 58 Stunden im Stau, hat der Stauforscher Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen ausgerechnet. Und das ist teuer: Auf rund 122 Milliarden Euro schätzt Jörg Kaiser von Porsche Consulting den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden. Etwa ein Drittel davon, also 37 Milliarden Euro, gehen dabei auf das Konto von Baustellen. Ende Mai registrierte der Automobil Club Europa bundesweit mehr als 1.900 Kilometer Baustellen – fast 300 Kilometer mehr als noch Ende April.

Die Zahl der Baustellen wird in den nächsten Monaten noch deutlich zunehmen. Denn viele Straßen gleichen Holperstrecken, weil löchrige Beläge und marode Brücken in den vergangenen Jahren aus Geldmangel seltener geflickt wurden. Erst durch das Konjunkturpaket der Bundesregierung fließt wieder mehr Geld in den Straßenbau.

Das verursacht noch mehr Stau. Doch wie die Porsche-Consulting-Studie zeigt, lassen sich gerade Autokolonnen an Baustellen deutlich reduzieren. Kaiser hat bei drei Baustellen des Auftraggebers Kirchhoff exemplarisch sämtliche Arbeitsabläufe unter die Lupe genommen und drei Hauptgründe für Verzögerungen bei den Autobahnbaustellen gefunden:

Schlechter Zeitplan: Viele Baustellen werden zunächst oft erst einmal eingerichtet, um den Auftraggeber zufriedenzustellen. Aber gebaut wird nicht, weil Geräte oder Arbeiter noch anderswo eingesetzt werden.Miese Planung: Mal sind keine Lastwagen mit frischem Asphalt verfügbar, mal stauen sich fünf auf einer Baustelle und lassen den Asphalt abkühlen.Keine Absprachen: Die Betreiber der Asphaltmischwerke wissen oft nicht, wie viel Asphalt auf den einzelnen Baustellen benötigt wird. So kommt es immer wieder zu Verzögerungen, weil nicht genug Material vorhanden ist.Mangelnde Übersicht: Niemand im Unternehmen hat einen Überblick darüber, wie viele Baustellen der Straßenbauer gerade unterhält, welche Maschinen eingesetzt werden, wie viele Arbeiter wo sind und welches Material benötigt wird.

Wenige Handgriffe könnten Abhilfe schaffen

Diese Probleme sind so ähnlich in praktisch allen deutschen Straßenbauunternehmen zu finden. In der Branche wird gearbeitet wie vor 50 Jahren. Dabei lässt sich die schlechte Planung mit wenigen Handgriffen beheben: Bei Kirchhoff erhält nun jeder Lastwagenfahrer eine Art Fahrplan. So ist garantiert, dass neuer Asphalt beispielsweise jede halbe Stunde angeliefert wird. Solche Taktzeiten orientieren sich an der Autoindustrie, wo Bauteile erst dann ans Montageband geliefert werden, wenn sie gebraucht werden.

Bevor die Baustelle eröffnet wird, setzen sich zudem alle Akteure zusammen und besprechen sämtliche Abläufe: Disponenten, die den Einsatz des Materials, der Maschinen und Arbeiter planen, sowie die Bauleiter. „Das ist ein enormer Sprung für eine Branche, in der jeder Bauleiter gewohnt ist, seine Baustelle alleine zu planen und abzuwickeln“, sagt Bauingenieur Kaiser.

Für die Unternehmen lohnt der Aufwand, der keine Investitionen in Technik, Gerät oder mehr Arbeitszeit erfordert: Sie können Energiekosten von bis zu 40 Prozent sparen. Und Autofahrer profitieren doppelt. Sie stehen nicht mehr so lange im Stau. Und sie spüren die schnellere Baustelle auch körperlich: Asphalt, der zügig und noch warm verlegt wird, ist deutlich leiser und glatter.

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