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Von Nullen und Einsen

Faserlos

In Deutschland streiten man sich gerade darüber, wie man die lange vernachlässigten ländliche Regionen am besten ans Netz anschließen könnte - schon Minibandbreiten würden ausreichen, heißt es von Seiten der Politik. In anderen Ländern Europas und in Asien ist man bereits viel weiter: Lahme Kupferleitungen gehören dort der Vergangenheit an.

DSL-Anschluss der Deutschen Quelle: AP

Seit einigen Tagen fällt morgens gegen 3 Uhr aus unerfindlichen Gründen immer meine DSL-Verbindung aus. Ich stelle das daran fest, dass am nächsten Tag die Fehlerdatei meines Routers vollgeschrieben ist und sich irgendwelche E-Mail-hassende US-Kollegen darüber beschweren, dass sie mir mitten in der europäischen Nacht mal wieder kein Fax per Internet-Telefonie schicken konnten.

Das allein könnte mir ja eigentlich wurscht sein, schließlich sollte ich um diese Zeit sowieso gemütlich im Bettchen schlummern - mein Schlafrhythmus ist  sowieso schon bescheiden genug. Allerdings nehmen die Probleme inzwischen auch tagsüber zu. Meine ADSL 2+-Leitung, die von einer Telekom-Tochter stammt, bietet längst nicht mehr die Bandbreite, die sie einmal hatte. Von anfänglich 17 Megabit sind inzwischen 14 bis 15 übrig geblieben.

Die Erklärung: Bei jeder neuen Verbindung wird die Leitungsqualität erneut ausgehandelt. Und wenn, wie hier bei mir tief in der Berliner Innenstadt, viele Tausend Nutzer ihren fetten Breitbandanschluss wollen, gibt es eben Engpässe in den Verteilerkästen und entsprechende Einstrahlungen, die die Signalqualität mindern. Schuld daran ist die schlichte Tatsache, dass auch unser tolles High-Speed-Internet noch immer über simple Kupferdrähte ins Haus kommt. Selbst beim ach so genialen (und aktuell eher minderausgelasteten) VDSL rückt der Netzknoten nur etwas näher an die Kundschaft heran, die letzten 100, 150 Meter bis zum Teilnehmer fließen die Daten wie zu Zeiten Alexander Graham Bells.

Grund dafür ist die scheinbar nicht zu knackende Verweigerungshaltung der meisten hiesigen Telekommunikationsunternehmen vor einem radikalen Technologiewechsel. Der hört auf den Namen Glasfaser bis zum Kunden und könnte Deutschland, das Breitband-technisch aktuell immer mehr ins untere Mittelfeld absackt, potenziell die Internet-Zukunft von Morgen bescheren. Anfangs dreistellige Megabit-Übertragungsraten, wenig später sogar Gigabits wären damit möglich, wenn wir das Kupfer endlich aufgäben. Stattdessen wird versucht, die alte Technik bis aufs Letzte auszureizen.

Dass es auch anders geht, zeigt etwa Japan. Dort führte man Glasfaser bis ins Haus bereits Ende des letzten Jahrhunderts flächendeckend ein. Inzwischen surft man dort im Land mit durchschnittlich fast 70 Megabit pro Sekunde, in Tokio sind es sogar rund 80, in Ausbaugebieten 1 Gigabit. Mein Lieblingsbeispiel stammt aber aus Skandinavien. Dort werden inzwischen einzelne Inseln mit nur wenigen Tausend Kunden bereits entsprechend verkabelt, in dem man einfach Leerrohre in Unterseetunneln mitbenutzt. Das führte neulich im Urlaub zur paradoxen Situation, dass ich in einem 250 Seelen-Ort die potenziell mehr als sechsfache Geschwindigkeit meines heimischen Kupferanschlusses in der Millionenstadt Berlin hätte nutzen können.

Natürlich gibt es neben Glasfaser noch Alternativen, beispielsweise die Vernetzung per TV-Kabel, die dank Koax höhere Bandbreiten als das einfache Telefon-Kupfer verspricht. Auch der UMTS-Nachfolger LTE verspricht neue Bandbreitenrekorde, die sogar drahtlos wären. Allerdings werden all diese Technologien durch die heimische Glasfaser geschlagen, die, wenn sie als Infrastruktur einmal liegt, noch viele, viele Jahre mittels neuer Modulationsverfahren aufgepeppt werden könnte - schließlich läuft nicht unähnliche Leitungen auch der richtig fette Internet-Netzknoten-Verkehr.

Und was macht die deutsche Politik, der wir bekanntlich an diesem Sonntag eine neue Richtung geben könn(t)en? Für Super-Highspeed interessiert die sich nicht, bittet und bettelt dagegen bei Telekom und Co., endlich die noch immer unterversorgten ländlichen Regionen mit Netz zu versorgen. Die bis Ende 2010 angestrebte "Grundversorgung" liegt bei einem läppischen Megabit pro Sekunde, was Technologie von Vorvorgestern ist und selbst das Surfen auf YouTube zur Qual machen kann.

Und wenn mir jetzt jemand damit kommt, die Glasfaser-Anbindung einzelner Häuser sei zu teuer: Kupfer und TV-Kabel liegen doch bekanntlich auch nahezu überall, was dereinst ebenso viele Bemühungen und Gelder gekostet hat. Diese klitzekleine Anstrengung sollten wir uns dann vielleicht gönnen, um wirklich zukunftsfähig zu werden.

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