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Von Nullen und Einsen

Handy-Androiden mit Persönlichkeitsspaltung

Googles Smartphone-Betriebssystem ist auf einem Siegeszug sondergleichen: Mittlerweile werden Tag für Tag 300.000 Geräte mit Android aktiviert. Allerdings laufen die nicht alle mit der gleichen Version, werden von Netzbetreibern und Herstellern mit manch unverständlicher Sonderfunktion ausgestattet und weisen gerne Bedienprobleme auf. wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan erinnert das mittlerweile ganz leicht an Ärger a la Windows.

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Galaxy Tab von Samsung Quelle: dapd

Als ich neulich für einen Hörfunksender das Galaxy Tab von Samsung besprechen sollte, musste ich ein Gerät mit in die Sendung nehmen. Da der unter Android laufende iPad-Konkurrent einen Mobilfunkempfangsteil besitzt und Tontechniker Mikrofonstörungen durch Handy-Signale auf den Tod nicht ausstehen können, versuchte ich, einen Flugmodus zu aktivieren. Das war gar nicht so einfach: In den Einstellungen befand sich die Funktion auf den ersten Blick nicht. Erst als ich eine Infoleiste nach unten zog, sah ich den Namen des Netzbetreibers aufblitzen. Daneben befand sich ein Knopf mit einer allerdings wenig vertrauenserweckenden Bezeichnung: "Löschen".

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn man beim Galaxy Tab Ruhe vor Anrufern haben will, muss man zu offenkundigen Rabiatmethoden greifen. (Das Signal war später zum Glück wieder da.) Natürlich, die Knopfbezeichnung kann auch ein schlichter Übersetzungsfehler gewesen sein. Doch die Geschichte ist ein Paradebeispiel dafür, was meiner Meinung nach bei Googles Smartphone-Betriebssystem herzlich schief läuft. Alle Hersteller - von Sony Ericsson bis Motorola, von HTC bis LG - nehmen die Technik als Basis und bügeln dann aber nach Lust und Laune irgendwelche Oberflächen und Features darüber. Und die sehen manchmal so aus, als hätten die Entwickler einen über den Durst getrunken.

Nutzerfrustration auf der Suche nach Software

Und die Gerätefabrikanten sind nur ein Teil des Übels. Fast noch schlimmer sind Netzbetreiber, die Android-Geräte nach Belieben "branden" können. Das führt dann dazu, dass Nutzer irgendwelche Apps auf ihrem Gerät vorfinden, die sie nicht oder nur mit Expertenmethoden gelöscht bekommen, gleichzeitig aber die Batterielaufzeit senken und Betriebssystem-Updates erschweren, die nicht nur aus Sicherheitsgründen enorm wichtig sind.

Man kann Apple für die Geschlossenheit seiner iOS-Plattform kasteien und ich persönlich fluche regelmäßig und ausgiebig über Steve Jobs' merkwürdige Haltung zur Presse- und Meinungsfreiheit. Aber wenigstens kann man bei den Geräten sicher sein, dass man nicht von Mobilfunk-Carriern genervt wird, die meinen, sie seien mehr als dumme Leitungen.

Das Problem der Fragmentierung bekommen auch Entwickler zu spüren. So wurde der Superhit "Angry Birds" nicht etwa über Googles Software-Laden Android Market vertrieben, sondern über den Zusatz-Store GetJar. Mittlerweile betreibt jeder Tom, Dick und Harry seine eigene Vertriebsplattform, seien es nun Gerätehersteller, Netzbetreiber oder E-Commerce-Konzerne. Was bleibt, ist Nutzerfrustration auf der Suche nach Software, die funktioniert.

Android ist enorm erfolgreich

Google bietet zwar mittlerweile ein zweites Leuchtturmgerät an, das diesmal von Samsung kommt. Der Konzern betont aber, dass er die Möglichkeit für Dritte, Android bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, für eine Basis jeglicher Offenheit hält. Dass die bei Nutzern nicht ankommt - Beispiel nicht deinstallierbare Apps - ist dem Internet-Riesen dabei egal.

Android ist dennoch enorm erfolgreich. Mittlerweile sind die 300.000 Aktivierungen pro Tag erreicht. Für mich wird Android damit zu etwas wie Windows: Es ist eine Art Universalstandard, auf den sich alle einigen können, von dem aber alle wissen, dass er nicht perfekt ist.

Google sorgt zwar mit immer wieder angegangenen Aktualisierungsprojekten für Schub - so sieht "Gingerbread", die jüngste Android-Version, höchst interessant aus und "Honeycomb", die Tablet-fähige Variante, die für Frühjahr 2011 erwartet wird, dürfte Apple beim iPad endlich echte Konkurrenz machen.

Dem Nutzer kann man dabei nur empfehlen, sich sein Android-Gerät genau auszusuchen und gegebenenfalls Marketingmaßnahmen mit möglicherweise hübsch aussehenden Software-Oberflächlichkeiten geflissentlich zu ignorieren. Googles Nexus S sieht da z.B. gar nicht verkehrt aus, ist es doch die "reinste" Android-Erfahrung. Doch angesichts der Preise für Simlock-freie Geräte werden hier wohl zunächst nur Profis zuschlagen.

Tablets will Google übrigens nicht selbst kreieren, sagte Android-Boss Andy Rubin kürzlich. Eventuell wäre das gar nicht so schlecht, wenn ich meine Erfahrungen mit dem - Hardware-technisch übrigens durchaus interessanten - Galaxy Tab nochmals erwähnen darf.

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