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Vorstellung der Boeing 747-8 Hoffnungsvoll in Seattle

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Triebwerk der 747-8 Quelle: dapd

Mit Engagement erklären die beiden den Gästen das Programm und wie sie die zwei kleinen Luftballons zu Thundersticks aufblasen, die dann alle unter kräftigem Lärm gegeneinander schlagen. „Ein einfaches 17-Punkte-Programm für gute Laune“, kalauern sie – und verschwinden wieder. Nach 15 Minuten Classic Rock lesen beide vom Teleprompter das Programm fast wortgleich noch einmal ab – inklusive dem tanzenden Elefanten und dem 17-Punkte-Programm-Kalauer.

Als nach einer weiteren Viertelstunde die Halle endlich voll ist, folgt noch lautere Musik und endlich kommt Steve Raible auf die Bühne steigt. Der Mann ist als Fernsehmoderator und Stadionsprecher eine lokale Größe und sofort steigt die Stimmung sowie der Lärm der Thundersticks. „Eine Party mit 10 000 unserer engsten Freunde“, sagt er und erntet lauten Beifall. Leider beginnt sofort auch sein Mikrofon zu knacken. „Wir und die Technik“, lästert einer der einfachen Boeing-Mitarbeiter, die am Rande der VIP-Zone stehen. „Ach was“, sagt ein anderer, „wir lösen Probleme doch noch schneller als sie entstehen.“

Auf Raible folgt ein Film über die Vorstellung des Jumbojets damals im Sommer 1968 – und dann Boeing-Zivilchef Albaugh. Der hagere Mann, der freilich auch nach ein paar Jahren im Zivilgeschäft noch immer wie ein Militär wirkt, versucht es immerhin erst gar nicht mit Witzchen, sondern mit großen Gefühlen. „Kein Unternehmen hat das 20. Jahrhundert so geprägt wie unsere Boeing“, sagt er. „Denkt nur an die Kampfflugzeuge des Zweiten Weltkriegs, die Mondlandung und den Jumbojet.“ Die Halle jubelt. „Darum begrüße ich hier eine Legende – den Vater der 747, Joe Sutter.“ Es folgt stehender Beifall für den 89jährigen Ingenieur, der damals den Bau durchsetze, organisierte und sich bis heute zu Wort meldet – gerade wenn er wie derzeit wenig hält vom Kurs der Konzernführung, die ihm zu sehr auf Kosten und zu wenig auf Ingenieursleistung setzt. „Ja“, sagt Albaugh „Ihr da draußen seid bis heute die besten Arbeiter der Branche.“ Und dann begrüßt er nicht nur die klassischen Ehrengäste, sondern ebenso enthusiastisch fünf Gewerkschaftsführer und erneut ist der Beifall etwas lauter.

Boeing 747-8 ist in rot lackiert

Etwas leiser ist er als Programmchefin Lund auf die Bühnen tritt. Zuerst lobt sie wieder die Boeingmitarbeiter als das tollste Team der Welt. Dann nimmt sie rasch die bislang hinter dem Rücken verschränkten Arme hervor und lobt hastig das Flugzeug. „Keines fliegt schneller und sparsamer“, sagt sie im Hinblick auf die wichtigste Konkurrenz ihres Jumbos, dem europäischen Airbus A380. Gnädigerweise zeigen die Bildschirme in dem Moment nicht ihren Hauptkunden, den Lufthanseaten Buchholz. Denn der lächelt nur höflich, hat er doch noch am Vortag der Weltpresse mitgeteilt, dass aus seiner Sicht die A380 sparsamer fliegt.

Dann endlich sind die Reden vorbei und es wird kurz still. Mitten in die Ruhe platzt ein lauter  Paukenwirbel, dann hüpfen zwei Geiger auf die Bühne und traktieren ihre Instrumente wie Rockstars ihre Gitarren.

Ihnen folgt Pat Shanahan – der Chef aller Boeing Flugzeugprogramme und nach drei Sätzen fällt endlich der Vorhang. Dahinter steht die 747-8 und laut brandet der Jubel auf.

Aber er gerät sofort kurz in Stottern. Denn der Hoffnungsvogel sieht anders aus, als erwartet.

Shanahan und Lund haben den Vogel statt in das bisher übliche tiefe Boeingblau in einem kräftigen Rot lackieren lassen. Das hat Shanahan wohl geahnt. „Ja, das Flugzeug ist rot“, sagt er. „Natürlich ist Boeingblau meine Lieblingsfarbe, aber rot ist das Zeichen von Aufbruch, Dynamik und Wohlstand.“

Das überzeugt nicht jeden - „aber nicht bei uns, sondern vor allem in China“, kommentiert einer der Gäste trocken. Aber am Ende überwältigt dann doch der Blick auf den Riesenvogel alle.

Es folgt ein Blitzlichtgewitter der vielen Pressefotografen und Privatleute mit ihren Handys. Dann stürmen alle nach vorne, um dem Riesen ganz nahe zu sein: viele Pensionäre, ein Mechaniker, der mit seinem Gipsbein auf einer Art Roller nach vorne fährt, ganze Familien sind heute da, Großeltern im Rollstuhl und kleine Kinder. Vorne an den vordersten Rädern hebt ein Vater seine vielleicht achtjährige Tochter hoch und sie streichelt den Rumpf wie ein Pony.

Doch kaum eine Viertelstunde später ist dann doch alles wieder vorbei. „Wir bitten alle Besucher, wieder möglichst bald zu ihren Bussen zu gehen“, tönt es aus den Lautsprechern. Dann geht wie im Kino das übliche grelle Fabriklicht an und alle gehen aus der Halle genauso schnell wie sie gekommen sind.

Sie erwartet eine ernüchternde Fahrt. Denn der Weg zur Autobahn führt vorbei an mehr als 30 Maschinen des Hoffnungsträgers 787, die halbfertig auf dem Gelände stehen und warten, dass sie nach der letzten Panne nachgearbeitet und endlich an die Kunden geliefert werden.

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