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Web 3.0 Internet der Zukunft verheißt Ende der Suche

Googeln war gestern. Im Großprojekt „Theseus“ arbeiten deutsche Spitzenforscher und Experten von Technologieunternehmen am Web 3.0, dem intelligenten Internet der Zukunft.

Einmal hoch, einmal quer – Leonard McCoy, der Bordarzt des Fernseh-Raumschiffs Enterprise, diagnostizierte jede Krankheit praktisch im Handumdrehen. „Der Doktor musste seinen Analysatorstab nur ein paar Mal vor dem Patienten herumschwenken und schon spuckte der Bordcomputer massenweise Daten und eine Reihe von Behandlungsvorschläge aus“, erinnert sich Alexander Cavallaro, Radiologe am Universitätsklinikum Erlangen an Szenen aus dem Science-Fiction-Klassiker Star Trek, der im 23. Jahrhundert spielt. So lange will Cavallaro nicht mehr auf die computerunterstützte Diagnose warten. Der bekennende Star-Trek-Fan, Röntgenarzt und klinische Koordinator des Imaging Science Institute an der nordfränkischen Uniklinik will die fantastische Zukunft schon in wenigen Jahren Gegenwart werden lassen. Mit Kollegen arbeitet der 41-jährige Mediziner an einem Entwicklungsprogramm zum medizinischen Einsatz von Informationstechnologie, das weltweit einmalig ist. Im Rahmen des Medico-Projekts wollen Mediziner der Uni Erlangen mit Forschern des Siemens-Konzerns, Wissenschaftlern der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und der Fraunhofer Gesellschaft in spätestens fünf Jahren ein rechnergestütztes Assistenzsystem für die Erkennung und Diagnose von Krankheiten entwickeln. Läuft alles nach Plan, wird der Rechner nicht nur selbst Röntgenbilder und Aufnahmen aus dem Computertomografen auswerten. „Die Medico-Software kann in den Bildern zudem medizinische Auffälligkeiten erkennen, wird die Daten automatisch katalogisieren, Vergleichsbilder und Behandlungsberichte aus Datenbanken in aller Welt zusammentragen und dem Arzt so alle relevanten Daten und Therapievorschläge liefern“, skizziert Cavallaro die Aufgabenstellung. „Damit kämen wir McCoys Analysator ziemlich nahe.“ Der Computer als Freund und Helfer: In einem der größten deutschen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in der Informationstechnologie (IT) soll die Vision nun endlich Wirklichkeit werden. Theseus heißt das Projekt, in das Bundeswirtschaftsministerium, Forschungsinstitute und Industrieriesen wie Bertelsmann, Siemens oder SAP in den kommenden fünf Jahren rund 200 Millionen Euro investieren wollen. Der Name ist Programm: Ähnlich dem Helden der griechischen Mythologie, der am berühmten Ariadne-Faden wieder aus dem Labyrinth des Minotaurus fand, sollen künftig Nutzer des Internets blitzschnell den Weg zu den für sie relevanten Informationen im Netz finden. „Die Anwender dürsten nach Wissen und drohen bei der Recherche im Web heute in der Informationsflut zu ertrinken“, umschreibt Stefan Wess, Geschäftsführer des Theseus-Konsortialführers Empolis die Ausgangslage. Gemeinsam mit Hunderten deutscher Spitzenforscher und IT-Entwickler will die auf Wissensmanagement spezialisierte Arvato-Bertelsmann-Tochter im Rahmen von Medico und fünf weiteren Theseus-Teilprojekten hoch innovative Softwaretechnologien und Computerprogramme für die Vernetzung digitalen Wissens zur Marktreife bringen. „Was wir entwickeln, sind die Werkzeuge für die nächste Generation des Internets“, sagt Professor Wolfgang Wahlster, der Chef des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. „Wir schaffen die Basis für das Web 3.0.“ Die Palette möglicher Anwendungen reicht von Cavallaros medizinischem Assistenten über eine automatische Wissens- und Beratungsplattform für Unternehmen bis hin zu Softwareagenten – Computerprogrammen, die im Auftrag der Nutzer das Web nach Daten durchforsten und dabei auf Wunsch selbstständig komplexe Aufgaben übernehmen. Lutz Heuser, Forschungschef des Theseus-Partners SAP bringt es auf den Punkt: „Theseus ist der Anfang vom Ende der Suche im Web.“ Theseus ist aber auch ein Versuch, den Wissens- und Forschungsstandort Deutschland international in der Internet-Industrie nach vorne zu bringen, „nachdem wir die hauptsächlich von den Nutzern selbst auf- » gebauten Angebote des Web 2.0, wie die Videoplattform Youtube, die Fotodatenbank Flickr oder die Online-Kontaktbörse MySpace, anderen überlassen haben“, kritisiert DFKI-Chef Wahlster. Beim Web 3.0 stehe die Entwicklung noch ganz am Anfang. „Dieses Mal müssen wir die Chance nutzen und endlich technologische Standards definieren“, fordert auch Karlheinz Brandenburg, der Leiter des Fraunhofer Instituts für Digitale Medientechnologie und Miterfinder der Musik-Komprimierungstechnologie MP3. „Im globalen Wettbewerb um die Technologieführerschaft im Internet der Zukunft haben wir die einmalige Gelegenheit, die Marken zu setzen“, sagt Andreas Goerdeler, verantwortlicher Referatsleiter beim Bundeswirtschaftsministerium (BMWi), das Theseus in der gerade angelaufenen ersten Phase mit 90 Millionen Euro unterstützt. Weitere 90 Millionen Euro investieren die Industriepartner und Forschungsinstitute.

Das Semantic Web ist das Ideal, auf das die Forscher hinarbeiten. Der Begriff steht für eine neue Qualität des Umgangs mit Daten und Informationen – sowohl im weltweiten Web (WWW) als auch in Unternehmensnetzen, den sogenannten Intranets. Was die Entwickler ihren Rechnern beibringen wollen, ist nicht mehr und nicht weniger als ein nahezu kognitives Verständnis für das komplette in den Netzen verfügbare Wissen. Dazu soll neben die sichtbaren Online-Daten „eine zweite, unsichtbare Informationsebene treten, sogenannte semantische Annotationen“, erläutert Christian Maaß, Forschungschef beim Web-Dienstleister und Theseus-Partner Lycos Europe. Diese Metadaten enthalten genaue Definitionen der online publizierten Daten und der Zusammenhänge zwischen den Informationen. „Bei einem Text über den Begriff ,Golf‘ könnte der Rechner anhand dieser Erläuterungen erkennen, ob es sich um einen Autotest, die Sportart oder eine Meeresbucht handelt“, beschreibt Lycos-Mann Maaß. Das klingt theoretisch, bringt den Nutzern aber – wenn es funktioniert – immense Vorteile: „Wir vollziehen gerade den Schritt von den Such- zu den Antwortmaschinen“, verspricht DFKI-Chef Wahlster. „Statt wie heute Zehntausende von Verweisen zu den eingegebenen Suchbegriffen liefert eine Anfrage im künftigen, semantischen Web direkt eine präzise Antwort.“ Noch sind die Computer von derlei Perfektion weit entfernt: Denn so hilfreich die auf den Milliarden von WWW- und Intranet-Seiten veröffentlichten Informationen für menschliche Web-Surfer auch sein mögen, so ahnungslos blicken die Suchroboter von Google & Co. auf die digitalen Texte, Fotos oder Filme. Während es für die menschliche Intelligenz ein Leichtes ist, aus den Dokumenten sinnvolle Informationen herauszufiltern, stellen dieselben Texte und Dateien für Computer nur bedeutungsleere Ansammlungen von Buchstaben oder Bildpunkten dar. Die Elektronenhirne können nur Wörter zählen und Verweise auf andere Seiten aufnehmen. Für eine intelligente Nutzung des Wissens im Web ist das zu wenig. Nötig wäre eine semantische Kennzeichnung der Daten.

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