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Windows Phone 7 Microsoft setzt neue Standards

Warum Microsoft mit dem neuen Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 beste Chancen hat, Apple, Android, Blackberry und Nokia das Leben wieder schwer(er) zu machen. Gadget-Inspektor Thomas Kuhn, hat dem neuen iPhone-Jäger unter die Haube geschaut.

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Messestand von Microsoft Quelle: AP

Glaubt man den Erzählungen beteiligter Entwickler dann muss es ein ziemliches Management-Gemetzel gewesen sein, was sich da in der Führungsetage von Microsofts Mobilfunksparte abgespielt hat. Der gerüchteweise nicht ganz freiwillige Abgang von Robbie Bach, dem ebenso eloqenten wie langjährigen Chef von Microsofts Entertainment & Devices Division, Ende Mai war wohl nur der augenfälligste Schlusspunkt des Großreinemachens.

"Da sind reihenweise die Köpfe gerollt", sagt einer der sich heute in Redmond um die Trümmer des einst leidlich erfolgreichen Handygeschäft des Windows-Riesen kümmern soll.  Nach einem desaströsen Niedergang dümpelte Microsofts lang vor allem bei Unternehmenskunden geschätzte Handy-Software Windows Mobile zuletzt bei nur noch fünf Prozent Marktanteil im wachstumsstarken Smartphone-Segment.

Von nun an soll das alles wieder ganz anders werden; und der 11. Oktober für Microsoft der Markstein der Wende zum Besseren. Zeitgleich präsentiert der Software-Riese in New York und in Hamburg eine ganze Armada neuer Mobiltelefone, die teilweise bereits in wenigen Tagen, spätestens aber zum kommenden Weihnachtsgeschäft in die Shops der Mobilfunkunternehmen kommen sollen - und tunlichst die Kundschaft begeistern.

"Da muss es mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Markt nicht deutlich für uns verändern", hatte Achim Berg schon vor Monaten im wiwo.de-Interview die Marschroute ausgegeben. Seit April verantwortet Microsofts Ex-Deutschlandchef als als höchstrangiger deutscher Manager im IT-Konzern weltweit die Geschäftsentwicklung und das Marketing aller mobilen Produkte bei Microsoft.

Windows Phone 7: Potenzial für die Führungsposition

Einmal abgesehen davon, dass es angesichts der desolaten Lage für Microsofts Handygeschäft ohnehin kaum noch schlechter, dafür aber vergleichsweise leicht besser werden kann: Die neue Software – etwas sperrig "Windows Phone 7" genannt –, mit der die Softwerker aus Redmond nun um Kundschaft buhlen, sie macht nicht nur optisch einiges her. Sie hat auch das Potenzial Microsoft aus der Rolle des verstauben Nachahmers bei Design und Funktionalität ziemlich schlagartig in eine Führungsposition zu katapultieren, die mit Apples iPhone-Bedienkonzept mindestens mithalten kann.

Auch weil Microsoft mit dem alten, augenfällig an die Bedienkonzepte klassischer PCs angelehnten, Vorgänger Windows Mobile 6.5 radikal gebrochen hat. Die winzigen, bestenfalls mit Eingabestiften bedienbaren - und erschreckend oft in unübersichtlichen Untermenüs vergrabenen - Funktionen und Anwendungsprogrammen hat Win Phone 7 rein gar nichts mehr zu tun. Der Schlussstrich unter der Vergangenheit ist so dick und so rot, dass keine für eine der Vorgängerversionen je geschriebene Handy-App unter Version 7 mehr lauffähig ist. "Das mag manchen Entwickler und den einen oder anderen Firmenkunden grämen", sagt ein hochrangiger Microsoft-Mobilfunker, "aber die Karre war so tief im Dreck. Es war unumgänglich, ganz von vorne anzufangen."

Es hat sich gelohnt. Denn erfreulicherweise hat Joe Belfiore, der Design und Funktionen von Win Phone 7 verantwortet, gar nicht erst versucht, Apples iPhone-Optik nachzuahmen. Statt Apples zwar Weg weisende, inzwischen aber auch schon leicht angegraute Optik mit seiner Vielzahl von (inzwischen zumindest in Ordnern konzentrierbaren) Programmsymbolen zu kopieren, hat Belfiore einen neuen Weg kreiert, mit dem - dieses Mal - Microsoft Standards setzen kann.

Das "Metro" genannte Designkonzept der Bedienoberfläche ist - statt auf Einzelprogramme - konsequent auf Nutzungsszenarien ausgerichtet. Fünf parallele und mit Anwendungskacheln belegte Startseiten, die sogenannten Live Tiles für Kontakte, Bilder, Spiele, Musik & Video, Marketplace sowie Office, ermöglichen je nach Wunsch den Zugriff auf alle wichtigen Funktionen.

Sehr gefällig ist dabei die Eigenschaft, dass sich die jeweiligen Schaltflächen dynamisch verändern können. Das Telefonsymbol auf der Startseite etwa zeigt die Zahl der in Abwesenheit eingegangenen Anrufe an, der E-Mail-Button die der neuen Nachrichten im Postfach. Und das Facebooksymbol blendet beispielsweise fortlaufend wechselnd die Portraits der letzten Kommentatoren in meinem Profil ein.

Achim Berg ist als Leiter der Quelle: dpa

Insofern sind die Live Tiles weniger Platzhalter für einzelne Programme sondern vielmehr Aggregatoren für Informationen aus mehreren anderen Apps. Während andere Handys beispielsweise getrennte Programme für den Zugriff auf die Facebook App, die Kontaktliste sowie E-Mail- und SMS-Dienste anbieten, laufen diese bei Microsoft in einer Applikation zusammen. Die Kontaktliste umfasst nicht nur die Kontaktdaten der jeweiligen Personen, sondern auch Statusmeldungen von Facebook oder Windows Live. Ähnlich funktionieren auch die anderen Kacheln. Beispielsweise integriert der Bildbetrachter auch Facebook Alben und zeigt dann auch Kommentare zu den Bildern.

Das sieht nicht nur sehr gefällig aus. Es bedient sich auch - nach kurzer - Eingewöhnung sehr flüssig und in weiten Teilen fast selbst erklärend. Zumindest so lange sich der Nutzer nicht allzu sehr in die Tiefen der Gerätesteuerung begiebt, lassen sich  die neuen Smartphones erfreulich stringent managen. Bei ersten Tests, noch mit Vorserienmodellen, bin ich auf keine ernsthaften Mängel gestoßen. Wenn man einmal davon absieht, dass die allererste Softwareversion von Win Phone 7 es aller Voraussicht nach noch nicht erlauben wird, Textelemente, Rufnummern oder Webseiten-Inhalte aus einer Anwendung auszuschneiden und in andere zu kopieren. Die sogenannte "copy and paste" Funktion nämlich hatte Microsoft offenbar zunächst nicht vorgesehen und erst so spät noch ins Lastenheft der Entwickler geschrieben, dass sie wohl erst im ersten Betriebssystemupdate nachgeliefert wird.

Rigide Vorgaben für Hardwarepartner

Gesteuert werden die neuen Win-Phone-7-Handys mehrheitlich über einen berührungsempfindlichen Bildschirm der kapazitativen Sorte, der also auf Veränderungen in der Oberflächenspannung reagiert. Die ältere, preiswertere aber weniger robuste Variante mit resistiven, also druckempfindlichen Displays hat Microsoft den Handyproduzenten untersagt.

So wie der Konzern seinen Hardwarepartnern überhaupt recht rigide Vorgaben bei der Gerätegestaltung gemacht hat. Alle Geräte müssen mindstens eine Fünf-Megapixel-Kamera mit Blitz mitbringen. GPS-Empfänger, Beschleunigungssensor, Kompass und Helligkeitssensor geben ihnen ein Gefühl für ihre Umwelt und das, was der Nutzer mit ihnen anstellen will. Schließlich sollen sich die Telefone über die Integration von Teilen der Xbox-Software-Plattform auch als mobile Spielekonsolen nutzen lassen.

Für die nötige Rechen- und Grafikpower sowie ausreichend Programm- und Datenspeicher sorgen unter anderem ein mindestens 800 Megahertz schneller Prozessor und wenigsten acht Gigabyte Flashspeicher. Dazu kommen drei Standardtasten unterhalb des Touchscreens, um aus und in jeder Anwendung zurück springen, das Startmenü öffnen und die Suche im Telefon aufrufen zu können.

Welche Kreativität Microsofts Handy-Partner trotz dieser Vorgaben noch in ihre neuen Geräte integrieren konnten zeigt sich am Montag, wenn Microsoft-Chef Steve Ballmer in New York und sein Handy-Man Achim Berg in Hamburg auf zwei gleichzeitigen Pressekonferenzen die Neuheiten enthüllen.

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