"Wir kämpfen um unsere Existenz" Ein Mittelständler in den Fängen von Hackern

Hacker treiben ein kleines Unternehmen fast in den Konkurs: Sie stehlen die Identität eines Managers aus der Datenbank eines Großkonzerns und vergeben fortan perfekt fingierte Aufträge. Das Protokoll einer Attacke.

Daniel Meffert (l), Carsten Lenz (r) Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Wegen eines Cyberangriffs in die Insolvenz schlittern? „Nein, dass die Schäden so hoch sein können, hätten wir nicht für möglich gehalten.“ Carsten Lenz und Daniel Meffert sitzen im Konferenzraum ihrer Meerbuscher Firma und schütteln den Kopf. Links und rechts stapeln sich Werbeartikel mit Logos von Unternehmen, die ihren Kunden vor Weihnachten noch ein kleines Präsent zukommen lassen: Notizblöcke, Kugelschreiber, Kaffeetassen, Smartphone-Halter. Doch dies ist im Moment nebensächlich. Denn die Geschäftsführer der S&P Werbeartikel GmbH kämpfen derzeit dagegen, nicht als erstes Unternehmen in Deutschland von Hackern in den Ruin getrieben zu werden.

Ja, man hat das schon häufiger gehört: Die Netzökonomie bringt nicht nur viele neue Möglichkeiten, sondern auch große Risiken. Und viele Unternehmen sind nicht richtig gegen Cyberkriminalität geschützt. Dabei ist schon jedes zweite Unternehmen in Deutschland Opfer eines Hackerangriffs geworden. Doch so gut wie nie wollen sich die Betroffenen äußern, zu groß ist die Angst vor Reputationsschäden. Die beiden Mittelständler aus Meerbusch aber wollen – und schildern die Chronik ihres Falls so:

Diese Branchen sind am häufigsten von Computerkriminalität betroffen

3. September 2015: Wir öffnen extrem optimistisch unsere Werbeartikel-Messe. Der Tag läuft super. Viele Geschäftspartner besuchen unseren Stand, eine Stammkundin, die für Deutschland verantwortliche Marketingchefin eines amerikanischen Konzerns, will uns ihren Kollegen in Paris empfehlen. Mit denen könnten wir weltweit expandieren.

10. September: Aus Paris meldet sich Herr Bernard* per E-Mail. Er nimmt Bezug auf unsere langjährigen Geschäftsbeziehungen und fragt an, ob wir auch größere Mengen USB-Sticks ohne Vorkasse mit einem Rechnungsziel 30 Tage liefern würden. Ich rufe umgehend zurück. Bernard stellt sich als Einkäufer für das französischsprachige Afrika vor. Er braucht für eine größere Werbeaktion 20.000 USB-Sticks. Wert: 60.000 Euro. Die sollen wir nach Togo liefern.

“Datenklau 2015” - Die Ergebnisse im Überblick

25. September: Die Bestellung geht per E-Mail ein. Alles läuft sehr korrekt ab. Die Formulare mit den Logos des Auftraggebers, der Unterschrift und dem Firmenstempel sehen exakt so aus wie bei früheren Aufträgen. Wir bedanken uns telefonisch bei der deutschen Tochtergesellschaft für die Empfehlung. Herr Bernard ist unserer Stammkundin bestens bekannt. Alle Rückfragen zeigen: Bernard kennt das Geschäft. Trotzdem gehen wir auf Nummer sicher und wenden uns an einen Kreditversicherer, der unsere Forderung absichert.

28. September: Wir bestellen 20.000 USB-Sticks bei einem Produzenten in China. Per Luftfracht soll die Ware in vier Wochen zuerst nach Frankfurt am Main und dann weiter nach Lomé, der Hauptstadt von Togo, ausgeliefert werden.

2. Oktober: Herr Bernard lockt mit einem Folgeauftrag. Eine Promotion wie in Togo sei jetzt auch im Senegal geplant. Weil der Markt größer sei, benötige er dort 30.000 USB-Sticks. Der Kreditversicherer segnet auch diesen Auftrag ab.

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