WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

"Wir kämpfen um unsere Existenz" Ein Mittelständler in den Fängen von Hackern

Seite 2/2

"Wir haben Ihre Rechnung erhalten, aber den Auftrag nie erteilt"

28. Oktober: Unser Produzent in China liefert die erste Charge für Togo aus und übergibt sie an UPS. Wir schreiben umgehend die Rechnung. Herr Bernard besteht auf einen Versand per E-Mail. Das ist durchaus üblich. Wir schicken die E-Mail, parallel geht die Rechnung aber auch per Brief nach Paris.

30. Oktober: Herr Richard*, Controller in der französischen Niederlassung, meldet sich um 11.05 Uhr telefonisch, kurz darauf auch per E-Mail. Der Inhalt trifft uns mit voller Wucht: „Wir haben Ihre Rechnung erhalten, aber den Auftrag nie erteilt.“ Richard erklärt auf Nachfrage, dass Herr Bernard tatsächlich Einkaufsleiter im Unternehmen ist. Das Unternehmen sei aber Opfer eines Hackerangriffs geworden. Dabei sei offensichtlich auch die Identität des Einkaufsleiters gestohlen worden. Die Rechnung will Richard auf keinem Fall bezahlen.

Verbrechen 4.0 - das ist möglich

Während des Telefonats rufen wir live die Tracking-Nummer unserer Ware auf der UPS-Webseite auf. Wir sehen: Die UPS-Maschine mit den USB-Sticks an Bord hebt gerade in Richtung Lomé ab. Fast zeitgleich legt die zweite Charge für den Senegal gerade ihren Zwischenstopp in Frankfurt ein. Wir können die Übergabe der Ware noch stoppen. Eine zweite Hiobsbotschaft wirft uns aber vollständig aus der Bahn. Der Kreditversicherer teilt mit, dass Betrug nicht abgedeckt ist. Wir schalten unseren Anwalt ein. Uns drohen Schäden in Höhe von 160.000 Euro. Das wäre der Todesstoß für ein Unternehmen unserer Größe.

31. Oktober: Nach einer schlaflosen Nacht gucken wir uns den Schriftverkehr noch mal genau an. Die vom Betrüger Bernard genutzte Domain unterscheidet sich marginal von der offiziellen Webadresse. Auch die Signatur der E-Mail ist professionell gefälscht. Hinter dem Firmennamen folgt – wie bei Konzernen durchaus üblich – der Zusatz „-france“. Bis dahin gab es keine Indizien, dass irgendetwas faul sein könnte. Angemeldet hatte Herr Bernard die gefälschte Domain natürlich mit seiner Firmen-Identität. Die Bankverbindung ist natürlich auch falsch. Merkwürdig: Dem Versicherer ist das nicht aufgefallen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Mittelstand und Weltmarktführer



    2. November: Wir halten weiter Kontakt zum Betrüger und erstatten Anzeige bei der Polizei in Meerbusch. Wir könnten Lockvogel spielen und helfen, die Bande – etwa durch Fangschaltungen – aufzuspüren. Doch der Kommissar winkt ab. Das seien Profis – da seien sie machtlos. Der Schaden sei auch nicht hoch genug, um eine europaweite Fahndung einzuleiten.

    4. November: Wir ordnen den Rückversand der Ware nach Deutschland an und haben Glück im Unglück. Der Hersteller in China ist sehr kulant und streckt die Zahlungsziele bis weit ins Jahr 2016. Die 50.000 USB-Sticks füllen jetzt ein Lager im Schwarzwald. Uns bleibt nur eine Hoffnung: Wir müssen die USB-Sticks so schnell wie möglich an andere Kunden verkaufen. Nur so können wir unseren Schuldenberg abtragen. Wir starten einen Notverkauf und verschleudern die USB-Sticks zum Stückpreis – je nach Menge – zwischen 3,80 und 5,00 Euro.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    Zur Startseite
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%