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Wirtschaft von oben #130 – Sitze der Techkonzerne Hier verwaisen die Zentralen von Google, Facebook und Paypal

Auf dem Mitarbeiterparkplatz von Paypal steht kaum ein Auto. Quelle: LiveEO/Skywatch

Die großen Techunternehmen residieren im Silicon Valley in schillernden Gebäuden samt eigenen Sportplätzen und Schwimmbädern. Aufnahmen aus dem All zeigen, wie sehr die Areale aktuell in der Pandemie vereinsamen. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

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Wer bei dem US-Bezahldienstleister Paypal arbeitet, startete bereits am vergangenen Donnerstagabend ins Wochenende. Egal auf welchem Teil der Erde. Egal in welcher Position. Alle acht Wochen genießen die Paypal-Mitarbeiter die Vorzüge einer Vier-Tage-Woche, am Freitag war wieder mal frei. Die Maßnahme sei ein „Ausgleich zum Arbeitsalltag, um abzuschalten und Energie zu tanken“, heißt es vom Unternehmen. „Wellness-Tage“ nennt Paypal diese zusätzlichen Urlaubstage, die das Unternehmen mitten in der Pandemie einführte. Am Firmensitz im kalifornischen San José sind die Flure an den freien Tagen dann menschenleer, auf den Parkplätzen stehen kaum Fahrzeuge.

Bloß: So sieht es hier am Firmensitz, direkt neben dem Flughafen der Millionenstadt im Silicon Valley, im Moment ständig aus. Nicht nur alle acht Wochen. Paypal ist wie so viele Techkonzerne in den USA im Homeofficemodus – und wird das wohl noch länger bleiben: „Ich denke nicht, dass wir jemals wieder zu einem Zustand wie vor der Pandemie zurückkehren“, sagte Paypal-Chef Dan Schulman in einem Interview mit dem US-Medium „Bloomberg“. „Einige Leute werden für immer zu Hause sitzen, andere häufiger im Büro sein“, doch die große Mehrheit der Mitarbeiter werde in einem hybriden Modell samt zwei bis drei Tagen im Büro arbeiten.

Zur genauen Auslastung der Firmenzentrale oder zu den Regularien für das Homeoffice möchte sich Paypal auf Anfrage der WirtschaftsWoche nicht äußern. Aus dem All aber lässt sich erkennen, dass am Firmensitz kaum etwas lost ist. Wurde die Suche nach einer freien Lücke auf dem Firmenparkplatz noch im Oktober 2019 zur Herausforderung, ist der Parkplatz aktuell fast menschen- oder besser gesagt: autoleer. Das zeigen Satellitenbilder von LiveEO.


Während sich noch im Oktober 2019 auf dem Parkplatz, der das Firmengebäude umgibt, die Autos eng aneinanderreihten, lassen sich Ende September 2021, anderthalb Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie, nur rund 20 Umrisse von Autos erkennen.

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Standort erkennen

    Dass sich Paypal zur aktuellen Auslastung nicht äußert, hat seinen Grund: Die Debatte über eine Rückkehr ins Büro wurde in den Vereinigten Staaten deutlich emotionaler geführt als hierzulande. Der iPhone-Konzern Apple beorderte die Mitarbeiter schnell wieder zurück ins Büro: Sie sollten an drei Tagen in der Woche wieder verpflichtend vor Ort arbeiten, teilte Chef Tim Cook der Belegschaft im Sommer in einer E-Mail mit: an Montagen, Dienstagen und Donnerstagen. Die Mitarbeiter rebellierten, verlangten von der Chefetage mehr Flexibilität.

    Die Arbeit in den eigenen vier Wänden spaltet die Unternehmenslandschaft im Silicon Valley. Ausgerechnet diese Unternehmen, die sich gerne als so fortschrittlich und mitarbeiternah inszenieren, arbeiten sich seit dem Ausbruch der Pandemie an diesen Fragen ab: Büro oder Homeoffice? Und wenn Homeoffice: Wie viel ist erlaubt? „Die Flexibilität, die Arbeitnehmer in der Krise für sich entdeckt haben, wollen sie nicht mehr hergeben“, sagt David Rouven Möcker, der beim Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) die Immobilienberatung in Deutschland leitet. Auf Arbeitgeber kämen laut Möcker nun vor allem kulturelle Fragen zu: „Wie wichtig ist es den Arbeitgebern, dass die Mitarbeiter auch mal an einem gemeinsamen Standort zusammentreffen, sich hier austauschen? Möchte ich die Kollegen verpflichtend wieder in die Zentrale zurückbeordern, um eine gemeinsame Atmosphäre zu schaffen oder ist es mir völlig egal, wo in der Welt meine Belegschaft sitzt?“

    Facebook, das neuerdings unter dem Namen Meta auftritt, beantwortet diese Fragen zumindest etwas weniger streng als Apple. Bis Januar 2022 können die Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, heißt es auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Wessen Arbeit es erlaubt, der könne auch darüber hinaus eine vollständige Heimarbeit beantragen. Mitarbeiter, die zumindest teilweise ins Büro zurückkehren, müssen jedoch mit einer verpflichtenden Regelung rechnen: „Sobald unsere Büros wieder mit voller Kapazität geöffnet sind, sollten Mitarbeiter, die ins Büro gehen, zumindest die Hälfte ihrer Zeit im Büro verbringen“, teilt der Konzern mit.


    Aktuell nämlich ist die Zentrale von Meta in Menlo Park, die direkt am Wasser liegt, mit „reduzierter Kapazität“ geöffnet, so das Unternehmen. Wer ins Büro kommen will, braucht neben Schutzmaske auch eine Schutzimpfung. Dass die Mitarbeiter des Konzerns offenbar Gefallen am Homeoffice gefunden haben, zeigen auch die Satellitenbilder: Aus dem All ließ sich noch im Oktober 2019 beobachten, wie zahlreiche Autos der Mitarbeiter die Gebäude in der Mitte des Firmengeländes förmlich einengen. Nur wenige Parkplätze waren frei.

    Mitten in der Pandemie, Ende September dieses Jahres nämlich, ist die Parkplatzsituation eine völlig andere: Sogar aus dem All lassen sich nun die Markierungen für die Parkplätze erkennen, die die vielen Fahrzeuge vor der Pandemie noch weitgehend verdeckten.

    Das prominenteste Firmenareal im Silicon Valley gehört wohl der Alphabet-Tochter und Suchmaschinenfirma Google: Nur gut zehn Autominuten von Facebooks Campus entfernt liegt der Googleplex in Mountain View. Neben Bürogebäuden, Brunnen und Schwimmbädern findet sich auf dem Gelände auch ein Dinosaurier-Skelett. Während hier viele der Autos unterirdisch parken, liegen im Nordosten des Geländes vier Gebäude samt eigenem Parkplatz an der Crittenden Lane.


    Ende September 2019 standen selbst in den abgelegenen Parklücken zahlreiche Autos akkurat nebeneinander. Zwei Jahre später tummeln sich vor allem nah am Gebäude einige Fahrzeuge. Viele andere Plätze sind frei. Bei Google können die Mitarbeiter auf der ganzen Welt freiwillig bis zum 10. Januar 2022 von zu Hause aus arbeiten. „Der aktuelle Plan ist, dass wir ab dann zu einer Regelung mit drei Tagen im Büro und zwei Tagen Homeoffice zurückkehren“, heißt es von Google auf Anfrage.

    Zur genauen Auslastung in Mountain View aber will sich der Konzern ebenfalls nicht äußern. Seit Juni allerdings bietet Google den Mitarbeitern die Möglichkeit, online vollständige Heimarbeit oder den Wechsel des Arbeitsstandorts zu beantragen. Rund 10.000 Mitabreiter hätten sich dafür in der ersten Welle beworben, teilte der Konzern mit. 85 Prozent der Anfragen seien nach einer mehrstufigen Prüfung auch bewilligt worden. Etwas weniger als die Hälfte der Bewerbungen zielten laut der Antwort des Unternehmens auf das vollständige Homeoffice ab, die Mehrheit der Bewerber wollte den Standort wechseln.

    Einige Kilometer südlich des Silicon Valleys sitzt ein Konzern, dessen Geschäft die Pandemie in ganz besonderer Weise beflügelte: Der Videostreamingdienst Netflix konnte während der Pandemie die Zahl seiner Abonnenten um fast 17 Prozent steigern und beschäftigt aktuell gut zehn Prozent mehr Mitarbeiter als noch vor der Coronapandemie. Der Aktienkurs hat sich deshalb fast verdoppelt. Am Firmensitz im kalifornischen Los Gatos allerdings wurde es in dieser Zeit nur leerer, wie die Satellitenbilder zeigen.


    Im Oktober 2019 standen sogar auf dem obersten Deck eines Parkhauses, rechts neben den vier zusammenhängenden Bürogebäuden, einige Fahrzeuge. Im September dieses Jahres allerdings war dieses Deck komplett leer, während auch der restliche Parkplatz um die Gebäude herum deutlich mehr freie Stellplätze bietet.

    Hinter den Homeoffice-Regelungen stecken für die Konzerne neben den leeren Parkplätzen jedoch auch finanzielle Herausforderungen. Denn bleiben auch Flächen im Inneren der schillernden und bestens ausgestatteten Gebäude auf Dauer leer, kostet das die Firmen Geld. „In Techkonzernen, Handelsunternehmen oder sogar in der öffentlichen Verwaltung lässt sich ein Großteil der Büroarbeit mit vergleichsweise wenig Aufwand ins Homeoffice verlagern“, sagt David Rouven Möcker. Bauen die Unternehmen die überschüssige Fläche ab, lohne sich das branchenunabhängig, so Möcker. In einer Studie zeigte Möcker mit seinen Kollegen von PwC bereits, dass sich die Umgestaltung der Büros für Unternehmen trotz Umbaukosten, der Restlaufzeit des Mietvertrages und des Mietzinses schon bei einem Abbau von acht Prozent der Fläche lohne. Bei einem Flächenabbau von 20 Prozent seien innerhalb von zehn Jahren Einsparungen von bis zu 12 Prozent der immobilienbezogenen Kosten drin.

    Das Dilemma der großen Namen

    Illusionen macht sich Möcker jedoch nicht: „Es ist völlig klar, dass die riesigen Unternehmenszentralen nicht von heute auf morgen schrumpfen oder untervermietet werden.“ Statt zu verkaufen, sagt Möcker, dürften in den Gebäuden der Techkonzerne erst einmal Kollaborationsflächen entstehen, „da viele Unternehmen die Gebäude als Teil der Unternehmenskultur begreifen – zumindest im Moment noch“.

    So sind etwa auf dem Campus von Google die Farben des Google-Schriftzugs (blau, rot, grün und gelb) omnipräsent. Schwer vorstellbar, dass sich zahlreiche andere Unternehmen, die nicht zum Mutterkonzern Alphabet gehören, auf dem Google-Campus breitmachen. „Mitarbeiter aus Außenstandorten könnten etwa in die Zentrale geholt werden, statt neuen Mietern, also anderen Unternehmen, Einzug zu gewähren“, sagt Möcker.

    Und tatsächlich: Die Firmengelände „waren das Herzstück unserer Google-Community und die Mehrheit unserer Mitarbeiter möchte immer noch zeitweise auf dem Campus sein“, heißt es von Google. Das Unternehmen errichte nun neue Arten von konfigurierbaren Räumen für die Zusammenarbeit im Innen- und Außenbereich.

    „Anders als noch bei unserer Umfrage im letzten Jahr, geht aktuell nur noch ein Drittel der Unternehmen tatsächlich von einem Flächenabbau aus“, sagt auch Möcker. „Die anderen Unternehmen verkaufen oder vermieten die Flächen nicht, sondern errichten dort Räume und Bereiche zur gemeinsamen Nutzung oder zur Förderung des Wohlbefindens der Belegschaft.“ Dann entstünden etwa Kindertagesstätten, Sportgelegenheiten oder Kaffeebars.

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    Solche Vorhaben lassen sich allerdings aktuell nicht immer mit bester Gewissheit umsetzen. „Gerade zeigen die stark steigenden Infektionszahlen ja, wie unvorhersehbar die pandemische Lage ist“, sagt Möcker. Mietverträge würden die Unternehmen heute deutlich flexibler gestalten: „Statt Mietverträge und Untermietungsverträge über zehn oder zwanzig Jahre abzuschließen, begrenzen sie diese, in der Regel auf weniger als fünf Jahre“, so Möckers Erfahrung. Damit könnten die Unternehmen zumindest etwas flexibler auf äußere Entwicklungen wie eine Pandemie reagieren.

    Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört. 

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