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Wirtschaft von oben #136 – Krim Hier sichert Russland die Infrastruktur und Versorgung auf der Krim

Knapp 20 Kilometer lang, mit vierspuriger Autobahn und zweigleisiger Eisenbahnstrecke: Die Krim-Brücke über der Straße von Kertsch. Quelle: LiveEO/ESA

Europa überlegt, mit welchen Sanktionen es Russland vom Einmarsch in die Ukraine abhalten könnte. Nun belegen Satellitenbilder, wie wenig bisherige Blockaden das Land daran gehindert haben, sich die 2014 annektierte Krim auch infrastrukturell einzuverleiben. Siemens-Technik spielte dabei eine unrühmliche Hauptrolle. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

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Wladimir Putin demonstriert gerade die ganze militärische Macht seines Reichs. 175.000 russische Soldaten könnten mit Beginn des neuen Jahres an der Grenze zur Ukraine stehen. Bereit zum Einmarsch. Während die Nato-Staaten rätseln, ob der Aufmarsch diesmal mehr ist als eine Drohgebärde, beraten sie darüber, welche Sanktionen Russland diesmal wirklich treffen – und von der Grenzüberschreitung abhalten würden. Denn neueste Satellitenaufnahmen von LiveEO zeigen, wie es Putin seit dem Einmarsch auf der Halbinsel Krim 2014 trotz aller möglicher Sanktionen gelungen ist, den damals annektierten Landesteil nach und nach von der Ukraine abzukoppeln und ans eigene Territorium anzubinden.

Inzwischen ist die Krim, das belegen die Aufnahmen, wirtschaftlich von der Ukraine unabhängig. Das war anfangs anders. Die Halbinsel bezog zum Zeitpunkt der Annexion 70 Prozent ihres Strombedarfs vom ukrainischen Festland. Danach stellte die Ukraine die Lieferungen ein, 2015 gab es sogar Sprengstoffanschläge auf Strommasten. Zeitweise waren 2,3 Millionen Menschen ohne Strom. Auch aufgrund dieser Krise ließ Putin ein Unterseekabel zur Krim verlegen.

Und nicht nur das: Russland stellte eine direkte Straßen- und Schienenverbindung zwischen der Krim und dem russischen Festland her, baute zwei gewaltige Kraftwerke, investierte in Infrastruktur mit dem Ziel, die Versorgung der Halbinselbewohner zu sichern – und um sie ruhigzustellen.

Das wohl wichtigste Projekt dabei war die Krim-Brücke über die Straße von Kertsch, denn bis vor drei Jahren gab es keine Landverbindung zum russischem Festland. Schon in den Jahren vor der Intervention hatten die beiden Staaten geplant, die Meerenge zu überbrücken. Unter dem Druck der Versorgungskrise gab Putin die Brücke in Auftrag, knapp 20 Kilometer lang, mit vierspuriger Autobahn und zweigleisiger Eisenbahnstrecke.


Umgerechnet rund drei Milliarden Euro flossen aus dem russischen Staatshaushalt in das Projekt. Bei der offiziellen Eröffnung 2018 ließ Putin sich am Steuer eines orangefarbenen Baustellenfahrzeugs ablichten. Doch im Herbst passierten Pannen: Erst rammte ein Schwimmkran die Brücke, verbog das Geländer. Dann stürzte ein Teil der Eisenbahnstrecke ins Wasser.

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    Neueste Satellitenaufnahmen zeigen, dass inzwischen auch Güterzüge Waren über diese Route auf die Halbinsel bringen können. Davor mussten diese entweder per Schiff oder über den Landweg durch die Ukraine – und damit über einen der drei nach der Annexion eingerichteten Grenzübergänge – transportiert werden. Jährlich zehn Millionen Tonnen Güter wie Düngemittel für die Landwirtschaft und Baustoffe werden vom russischen Festland auf die Krim geliefert. 75 Prozent davon per Lkw, die jetzt deutlich schneller auf der Halbinsel sind. Ohne die neue Anbindung hätten wichtige Bauprojekte niemals so schnell umgesetzt werden können, und die Baukosten wären deutlich höher als im Rest des Landes. Russland müsste noch mehr Geld in die defizitäre Region überweisen.


    Die Ukraine nennt die Krim-Brücke illegal. Vor wenigen Monaten belegte sie zwei Dutzend Firmen und einige Einzelpersonen, die sich am Bau beteiligt hatten, mit Sanktionen. Ein ähnliches Wirtschaftsembargo existiert auch von Seiten der Europäischen Union. Erst am vergangenen Donnerstag verlängerte sie die Sanktionen um ein halbes Jahr. Die EU und ihre Verbündeten könnten Russland zudem vom internationalen Abkommen über den Zahlungsverkehr namens Swift ausschließen. Russische Banken wären dann von Geschäften in US-Dollar und Euro abgeschnitten. Das würde den Außenhandel erheblich stören. (Eine ausführliche Analyse dazu lesen Sie hier: Die ultimative Sanktionswaffe gegen Russland)

    Möglichkeiten, Russland wirtschaftlich zu schwächen, gibt es viele. Doch immer steht die Frage, wie sehr die eigene Abhängigkeit etwa von russischem Gas Sanktionen gegen Russland zuwiderläuft. Davon abgesehen ist das Land in vielen Bereichen in der Lage, mit eigener Produktion Ausfälle zu kompensieren – oder das Embargo zu umgehen, wie der Fall Siemens beweist.


    Das russische Energieministerium hatte schon im April 2014 im Kreml Pläne präsentiert, die den Bau zweier Elektrizitätswerke auf der Halbinsel vorsahen. Sanktionen sollten verhindern, dass das Land dabei europäische Hilfe bekommt. Doch am Ende bestückten Siemens-Gasturbinen die Kraftwerke in Sewastopol und Semferopol. Russland hat sich diese dem Konzern zufolge durch einen Trick gesichert, indem das Land dem Exporteur offenbar vorgaukelte, die Anlagen für ein Kraftwerk auf dem russischen Festland zu benötigen. Die Sanktionen hatten zwar Geschäfte auf der Krim untersagt. Nicht aber den Handel mit Russland.

    Deutsche Medien merkten 2017 an, dass zu Vertragsschluss im März 2015 russische Zeitungen bereits schrieben, die Turbinen seien für die Krim bestimmt. Siemens hatte zwar im Vertrag festgehalten, dass diese nicht auf der Krim eingesetzt werden dürften. Russland allerdings hätte sich demzufolge daran schlicht nicht gehalten.

    Ein Sprecher von Siemens Energy, zu dem der damals zuständige Siemens-Geschäftsbereich heute gehört, sagte auf Anfrage der WirtschaftsWoche, die Turbinen seien „vertragswidrig und ohne Wissen und Wollen von Siemens durch den staatlichen Kunden auf die Krim verbracht worden“. Gegen die Vertragsverletzung habe Siemens sich vor Gericht gewehrt, ohne Erfolg. Wegen gewerbsmäßigen Verstoßes gegen das Krim-Embargo ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg nach eigenen Angaben inzwischen gegen vier Deutsche und einen Schweizer.


    Wo am östlichen Stadtrand von Simferopol Ende 2014 noch ein Acker war, entstand seit 2015 eines der beiden Werke. Zwei der vier Siemens-Turbinen dürften in diesem untergekommen sein. Dafür spricht, dass die Satellitenaufnahmen auf dem Hauptgebäude deutlich zwei Schornsteine zeigen. Auch das nahezu baugleiche Kraftwerk, dass östlich von Sewastopol entstanden ist, besitzt zwei Schornsteine. Die identischen Gebäude und Anlagen sind hier räumlich nur etwas anders angeordnet.

    Doch nicht nur im internationalen Kontext muss Russland Mittel und Wege finden, die Menschen auf der Krim zufrieden zu stellen. Putin erkannte das früh, versuchte jene, die ihm kritisch gegenüber standen, einzubeziehen. Wie die Krimtataren, eine traditionell russlandfeindliche Volksgruppe. Deren Mitglieder und ukrainische Aktivisten standen unter Verdacht, 2015 für die Sprengungen von Strommasten zur Krim verantwortlich zu sein. Führende Krimtataren hatten zuvor zur zivilen Blockade der Halbinsel aufgerufen. Über Monate hielten Tataren etwa Lastwagen auf, die Lebensmittel auf die Krim bringen sollten.


    Etwa zu dieser Zeit zeigen Satellitenbilder die ersten Bagger an jener Stelle, wo später mit Moskaus Hilfe eine riesigen Moschee für die Krim entsteht, die Kuppel 30 Meter hoch, die Minarette etwa 50 Meter, eine der größten solchen Bauten in Osteuropa. Sie ist ein deutliches Zeichen des Entgegenkommens an die Krimtataren, ein den Türken nahestehendes Volk. Den Bildern zufolge ist die Freitagsmoschee in Simferopol mittlerweile weitgehend fertig – zumindest äußerlich. In dem Gebetshaus sollen um die 3000 Gläubige Platz finden.

    Mitarbeit: Maxim Kireev

    Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.

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