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Wirtschaft von oben #138 – Lithium aus Europa Hier versandet gerade Europas Lithiumboom

Rund um den Ort Covas do Barroso im Norden Portugals vermuten Geologen bis zu 60.000 Tonnen Lithium. Das britische Bergbau-Unternehmen Savannah Resources will diesen Schatz heben, doch Bürgerinitiativen laufen Sturm gegen die geplanten Minen. Quelle: LiveEO/Skywatch

Europa braucht Lithium für den Bau von Elektroautos – ist bisher aber komplett auf Importe angewiesen. Die EU-Kommission will den Abbau europäischer Vorkommen vorantreiben. Doch die Projekte stagnieren, wie Satellitenbilder zeigen. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.

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Bürgerproteste legen die Entwicklung mehrerer aussichtsreicher Lithium-Förderstellen in Europa lahm. Das zeigt die Analyse neuester Satellitenaufnahmen von LiveEO. In Serbien etwa, wo das bislang wichtigste europäische Abbauprojekt im Entstehen war, haben an mehreren Wochenenden im Dezember tausende Demonstranten Straßen und Autobahnen in Belgrad und anderen Städten blockiert.

Stein des Anstoßes hier: Die geplante Lithiummine nahe des Ortes Loznica im Westen des Landes. Umweltschützer fürchten, dass sie Ackerböden, Grundwasser und naheliegende Flüsse verschmutzen wird. Die Proteste zeigten Wirkung: Die serbische Regierung legte zwei geplante Gesetzesvorlagen auf Eis, die das Bergbauprojekt vorantreiben sollten.

Auch der Stadtrat von Loznica setzte einen Entwicklungsplan für das Minenprojekt vorerst aus. Der britisch-australische Bergbaukonzern Rio Tinto, der hinter dem Rohstoffvorhaben steht, bemüht sich nun um Schadensbegrenzung. Man wolle mit den Anwohnern stärker in Dialog treten, heißt es, und das Projekt vorantreiben.

Die Satellitenbilder zeigen nun, dass Rio Tinto zwar in den vergangenen Jahren schon Vorbereitungen für den Lithiumabbau getroffen hat: Auf Äckern entstanden eines Tages Zufahrtswege durchs Grün, klafften offene Stellen in der Landschaft, an denen der Konzern Probebohrungen vornehmen konnte. Doch seitdem wächst schon wieder Gras über die Anlagen, wurden diese Wege den Aufnahmen zufolge von Landwirten wieder umgepflügt.


Das Vorhaben östlich von Loznica ist aber nur eines von vielen Lithiumprojekten, die in Europa groß angekündigt wurden – nun aber kaum vorankommen. Überall stoßen die Vorhaben auf Widerstand von Anwohnern und Umweltschützern, die um ihre Äcker und Einkommen bangen und um den Erhalt der Natur.

In Brüssel dürfte das manchen Beamten Sorgen machen. Schließlich hatte die EU-Kommission im vergangenen Herbst einen Aktionsplan vorgestellt, der Europas Rohstoffversorgung sicherer machen sollte. Bis 2030, hieß es, werde Europa 18-mal mehr Lithium benötigen, um Akkus für Elektroautos und Energiespeicher herzustellen. Zugleich will die EU mit der European Battery Alliance die heimische Batteriefertigung für Elektroautos massiv ankurbeln.

Aktuell bezieht die EU einen Großteil des Lithiums aus China, wo es aus Rohmaterial raffiniert wird. Das Rohgestein wiederum wird vor allem in Nord- und Südamerika sowie Australien abgebaut, wo die weltweit größten Lagerstätten liegen. Weil nun weltweit die Nachfrage nach dem Element massiv steigt, werden aber kleinere europäische Lithiumvorkommen für Investoren und Bergbaukonzerne attraktiv.

(Lesen Sie auch unsere große Analyse: Der Rohstoffhandel wird immer wichtiger. Wer weltweit die Fäden zieht – und wer am Preisboom besonders verdient.)

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    In Portugal etwa: 60.000 Tonnen Lithium vermuten Geologen hier. Damit hat das Land die weltweit neuntgrößten Reserven nach Simbabwe und Brasilien. Das britische Bergbau-Unternehmen Savannah Resources will diesen Schatz heben: Im Jahr 2017 haben sich die Briten Abbaurechte für eine Lagerstätte rund um den Ort Covas do Barroso in Nordportugal gekauft.


    In den vergangenen Jahren haben die Bergbauunternehmer rund um Covas do Barroso schon viel Staub aufgewirbelt: Die Satellitenbilder zeigen, wie der Konzern in den vergangenen Jahren an mehreren Stellen Straßen und Bohrstellen angelegt hat, um das Vorkommen zu untersuchen.

    Doch in den letzten zwei Jahren ist hier nicht mehr viel passiert, zeigen die Aufnahmen. Der Konzern wartet auf grünes Licht für den Abbau des Lithiums von der portugiesischen Umweltbehörde. Dieses Frühjahr will sie zu einem Urteil kommen.


    Die portugiesische Regierung will mit dem Lithiumabbau eine neue Industrie aufziehen und vom Megatrend Elektromobilität profitieren. Aber auch hier stoßen die Abbaupläne auf massive Proteste. Zwar verspricht der Minenbetreiber Hunderte neue Jobs für die Region. Die Anwohner aber fürchten, dass die meisten Arbeiter von außerhalb kommen werden – und abends wieder nach Hause fahren.

    Der bestehenden Wirtschaft in der Region werde die geplante Mine dagegen nur schaden, fürchten Gegner des Projekts, die sich in einer Bürgerinitiative zur Verteidigung von Covas do Barroso zusammengeschlossen haben. In der noch recht urtümlichen bergigen Agrarlandschaft betreiben Bauern vergleichsweise nachhaltige Landwirtschaft, züchten Barrosa-Rinder, die Anfang der 90er-Jahre noch vom Aussterben bedroht waren. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hat die Gegend zu einem global bedeutenden Agrarkulturerbe ernannt, einem von nur sieben in Europa.


    Dieses Erbe sehen die Bewohner nun in Gefahr. Der Bergbau, fürchten sie, werde eine Wunde in die Landschaft reißen, das Grundwasser belasten, die Natur verschmutzen. Imkerei, Landwirtschaft, Tourismus würden bedroht. Beteuerungen von Savannah Resources, sich an Umweltstandards zu halten, hält die Bürgerinitiative für „Propaganda“.

    Rund 250 Kilometer Luftlinie südöstlich, in der spanischen Region Extremadura, findet ein ähnliches Ringen zwischen Minengegnern und Lithiumschürfern statt. Nur ein Kilometer vor den Toren der mittelalterlichen Stadt Cáceres, die seit 1986 Unesco-Welterbe ist, will das australische Unternehmen Infinity Lithium ein Vorkommen erschließen, das für mehr als zehn Millionen Elektroautos reichen soll. Der Stadtrat hat bisher die Genehmigung verweigert, doch das Unternehmen hat das Projekt noch nicht aufgegeben, will juristisch die Erlaubnis erstreiten.


    Es geht nicht nur um den Lithiumabbau, sondern um die ganze Wertschöpfungskette. Das spanische Unternehmen Phi4tech will in Cáceres auch gleich eine Kathodenfertigung für 200 Millionen Euro aufbauen.

    Etwa eine Fahrstunde entfernt, in der Stadt Badajoz, plant Phi4tech zudem eine Batteriefabrik, in die noch einmal 400 Millionen Euro fließen sollen. 2023 soll sie Batterien mit einer Gesamtkapazität von zwei Gigawattstunden produzieren, 2025 dann schon zehn Gigawattstunden.


    Das Lithium möchte Phi4tech ganz aus der Nähe beziehen – vom Anbieter Lithium Iberia. Der will beim Ort Cañaveral, 40 Kilometer von Cáceres, eine Lithiummine ausheben. Regionalpolitiker hoffen hier auf neue Jobs. Doch auch in Cañaveral macht ein Aktionsbündnis namens „Nein zur Mine“ Sturm gegen das Projekt. Auf dem Land soll die Umwelt verschmutzt werden, damit der Verkehr in den Städten sauberer wird, so sehen sie das hier. Europas Schwenk zur Elektromobilität, das ist klar, wird nicht ohne Konflikte ablaufen.

    Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.

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