Wirtschaft von oben #159 – Gasimporte Katar ist nicht genug: Tief im Meer vor Westafrika liegen die Gashoffnungen Europas

Quelle: LiveEO/Sentinel

Die Energiepartnerschaft mit Katar bleibt vage. Und so rücken andere Länder in den Fokus: Etwa Senegal, vor dessen Küste gerade ein großes Gasfeld erschlossen wird – und wo sich zugleich an Land eine erstaunliche Erfolgsgeschichte abspielt. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

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Die ersten Schiffe sind schon da. Genau an der Meeresgrenze zu Mauretanien, zehn Kilometer von der senegalesischen Küstenstadt Saint-Louis entfernt, verrichten sie derzeit die letzten Arbeiten für das, was die Wirtschaft des Landes in eine neue Sphäre befördern soll – und nebenbei eines der drängendsten Probleme Europas entschärfen könnte. Die Rohre liegen, zu drei Vierteln seien die Arbeiten an der Gas-Verladestation bereits abgeschlossen, so hieß es jüngst. Exklusive Satellitenbilder von LiveEO zeigen den rasanten Fortschritt des Projekts in den vergangenen Monaten. Ende des Jahres soll es dann losgehen mit der Förderung von Flüssiggas vor der Küste Westafrikas.

Insgesamt knapp 425 Milliarden Kubikmeter Erdgas befinden sich laut Angaben des Betreibers BP in dem Feld Greater Tortue Ahmeyim, an dem neben Senegal auch Mauretanien Anteile hält. Insgesamt könnten dort sogar bis zu 2,83 Billionen Kubikmeter Gas schlummern. Das ist zwar deutlich weniger als beim bevorzugten Gaspartner Deutschlands, Katar, der insgesamt auf Reserven von 24 Billionen Kubikmeter Gas sitzt. Doch die Verhandlungen mit dem Emir verlaufen zäh, auch die jüngst geschlossene Energiepartnerschaft kommt über allgemeine Bekenntnisse nicht hinaus. Und so setzt sich die Erkenntnis durch, dass es für eine Befreiung aus der Gas-Umklammerung Russlands nicht genügen wird, sich allein auf den Golfstaat zu verlassen. 

Vor zwei Wochen benannte die EU-Kommission Senegal neben Angola und Nigeria als eines der Länder, zu denen Europa nun seine Beziehungen intensivieren wolle, um sich von Russland unabhängiger zu machen. Auch für Deutschlands ist das relevant: Bei seinem Besuch in der Hauptstadt Dakar beschlossen Bundeskanzler Olaf Scholz und Staatspräsident Macky Sall eine Gas-Partnerschaft. Aber es dürfte auch um die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte gegangen sein, die sich hier, gleich angrenzend an den Problemstaat Mali, gerade abspielt.

Unter der Regierung von Präsidenten Sall nämlich, der bereits seit 2012 die Geschäfte führt, wurde im Senegal ein Investitionsprogramm aufgesetzt, das auf dem Kontinent seinesgleichen sucht. Auch das dokumentieren die Satellitenfotos.

Aus der Luft ist gut zu erkennen, dass sich die Arbeiten für die Gasförderung voll im Zeitplan befinden. Nachdem das Feld zwischen 2014 und 2017 erkundet wurde, hieß es zunächst, dass die Förderung im Jahr 2023 beginnen solle, schon das schien ambitioniert. Denn die Gasvorkommen sind schwer zugänglich, das Meer über dem Feld ist gut 2,8 Kilometer tief, so tief wie über keinem anderen Gasfeld weltweit. Doch der Zeitplan hält, könnte vielleicht sogar übererfüllt werden. Zuletzt teilte das Betreiberkonsortium, zu dem neben BP auch der Konzern Kosmos gehört, die Förderung könne schon im vierten Quartal dieses Jahres starten.


Große Teile der Infrastruktur sind bereits vollendet sind. Gut zu erkennen ist auf den Satellitenaufnahmen der Wellenbrecher im Westen, der gut einen Kilometer lang ist. Er ist nötig, weil die Förderstation selbst nicht fest im Boden verankert sein wird, sondern schwimmt. Diese Technik namens Floating Liquid Natural Gas (FLNG) hatte Shell seit 2012 für insgesamt fast zwölf Milliarden Dollar entwickelt, seit 2017 ist das Schiff Prelude im Einsatz.

Jetzt nutzt auch BP eine solche schwimmende Plattform. Die Plattform selbst ist noch nicht vor Ort, die vorbereitenden Arbeiten aber laufen bereits, wie auf dem Bild gut zu erkennen ist, zahlreiche Pylone fürs Festmachen sind bereits arretiert. Von der schwimmenden Station aus kann das Flüssiggas dann ab dem kommenden Jahr verladen und in alle Welt verschifft werden.

Unter der Plattform selbst ist das Meer nur rund 30 Meter tief, gefördert wird das Gas fast 115 Kilometer weiter vom Ufer entfernt. Dort wird eine Untersee-Förderstation das Gas aus dem Boden holen und in eine Pipeline einspeisen. Ungefähr nach zwei Dritteln der Strecke wird ein an der Meeresoberfläche festgemachtes Schiff das Gas vorbehandeln, Wasser entfernen und es so filtern, dass es an der FLNG-Station verteilt werden kann. Dieses FPSO (Floating Production Storage and Offloading)-Schiff wird derzeit in einer Werft in Shanghai gebaut.


Wenn am Feld Greater Tortue Ende 2022 die Gasförderung beginnt, dann dürfte das einen Aufbruch weiter befeuern, der im Senegal ohnehin im Gange ist. Zum einen, weil parallel zur Gasförderung auch die Förderung von Öl anläuft: Auf dem Feld Sangomar, rund 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Dakar. Auch hier soll die Förderung im nächsten Jahr starten.

Und auch hier zeigen die Satellitenbilder, dass das gelingen könnte:


Zu sehen ist das Schiff Black Rhino, dass derzeit dabei ist, die insgesamt 23 Bohrlöcher zu präparieren, so dass Ende des Jahres die Produktion losgehen kann. Schon sehr bald also wird sich für die Regierung von Macky Sall die Frage stellen, wie die fossilen Einnahmen möglichst nachhaltig investiert werden können. Und die Chancen stehen durchaus gut, dass das klappt. Zum einen, weil Senegal zu den stabilsten Demokratien auf dem Kontinent zählt, seit der Staatsgründung sind alle Machtübernahmen im Land friedlich abgelaufen. Zum anderen, weil das Land bereits seit einigen Jahren große Infrastrukturinvestitionen anschiebt – und auch erfolgreich zu Ende bringt.

Bereits kurz nach seinem Amtsantritt hatte Sall 2014 seinen Plan Sénégal Emergent vorgestellt, einen Entwicklungsplan, der das Land in zwanzig Jahren zum Wirtschaftszentrum in Westafrika machen soll. Seither wird gebaut. Straßen werden erneuert, Autobahnen gebaut, neue Brücken errichtet. Jüngst wurde sogar der Bau eines neuen Tiefseehafens beschlossen. Und etwa 50 Kilometer östlich von Dakar ist bereits ein neuer Flughafen entstanden, wie die Satellitenbilder zeigen.


Wo vor Salls Amtsantritt karges Brachland war, wuchs innerhalb weniger Jahre der Flughafen Dakar-Blaise-Diagne, einer der modernsten Flughäfen des Landes. Derzeit entsteht zudem eine Schnellzugstrecke, mit der die Innenstadt von Dakar an den Flughafen angeschlossen werden soll.

Der erste Teil der Route wurde bereits zum Jahreswechsel eröffnet, er verbindet Dakar mit dem Geschäftszentrum Diamniadio, einem weiteren Kernvorhaben von Salls Entwicklungsplan.


Hier versucht Sall ein Rezept zu kopieren, mit dem einst der Aufstieg Chinas zur globalen Wirtschaftsmacht begann. In einem begrenzten regionalen Bereich wird Unternehmen Steuerfreiheit gewährt, die sich dort ansiedeln. Zudem entstehen repräsentative Bauten: zunächst ein großes Kongresszentrum, später ein Fußballstadion und eine Basketballarena.

Ungewöhnlich an den Infrastrukturvorhaben Senegals ist, dass sich der Staat anders als manch andere Regierung auf dem Kontinent, dabei nicht komplett von China abhängig macht. Zwar hat China ein größeres Brückenbauwerk am Fluss Saloum finanziert, das vor einiger Zeit fertig wurde. Ansonsten aber ist die Geldgeberschaft gemischt. Neben Entwicklungsbanken beteiligen sich auch namhafte Konzerne aus diversen Ländern. So wird der Tiefseehafen von der Hafengesellschaft Dubai (Dubai Ports) entwickelt, den Bau des Kongresszentrums hatte eine türkische Gruppe übernommen.

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Auf die ganz großen privatwirtschaftlichen Ansiedlungen wartet das Land bislang jedoch noch. Die jährlichen Wachstumsraten aber lagen in Senegal vor der Corona-Pandemie jeweils deutlich über fünf Prozent. Einen besonders publikumswirksamen Erfolg konnte die Regierung zudem vor ein paar Monaten verkünden: In diesem Jahr will der Impfstoffhersteller Biontech zusammen mit dem französischen Institut Pasteur mit dem Bau einer Fertigungsstätte für Covid-19-Impfstoffe im Senegal beginnen.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst am 21. Mai 2022. Wir haben ihn aktualisiert und neu publiziert.

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