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Wirtschaft von oben #223 – AtomkraftDas Kühlwasser des havarierten AKW Fukushima wird bald im Meer verklappt

Schon in den nächsten Tagen könnte Japan erstmals Kühlwasser aus dem havarierten Atomkraftwerk in den Pazifik leiten. Satellitenbilder zeigen, dass für solches Wasser kaum noch Platz auf dem Gelände ist. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Martin Fritz 12.08.2023 - 15:39 Uhr aktualisiert

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi liegt 200 Kilometer nördlich von Tokio.

Foto: LiveEO/Pleiades

Erst im Juni brachte die Netflix-Miniserie „The Days“ die Reaktorkatastrophe im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi zurück ins kollektive Gedächtnis. Für noch mehr Aufmerksamkeit sorgte allerdings etwas später die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), als sie grünes Licht für die Verklappung von Kühlwasser aus dem AKW Fukushima gab.

Inzwischen hat die japanische Atomaufsicht die Anlagen dafür zertifiziert. So könnte Japans Regierung schon im August ungeachtet der Bedenken von Fischern, Umweltschützern und Anrainerstaaten wie China mit der Einleitung in den Pazifik beginnen. Hunderte Menschen haben am Samstag in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul erneut gegen die Pläne protestiert. Sie fürchten eine Gefahr durch verstrahlte Lebensmittel. Die Demonstranten forderten die japanische Regierung auf, das Vorhaben zu stoppen. Die Demonstration war die jüngste in einer Serie wochenlanger Proteste, seit die Internationale Atomenergiebehörde im Juli ihre Genehmigung aussprach.

Aktuelle Satellitenbilder von LiveEO zeigen nun, wie viel Platz das zwischengelagerte Kühlwasser sowie die Anlagen zu dessen Aufbereitung inzwischen auf dem Kraftwerksgelände eingenommen haben. Das Areal musste für die heute mehr als 1000 Tanks mehrfach erweitert werden. Laut dem verstaatlichten Stromversorger Tepco ist eine weitere Expansion nicht mehr möglich.

Im Vergleich zum Zustand unmittelbar nach den Kernschmelzen und den Wasserstoffexplosionen in den Reaktorgebäuden ist das Kraftwerksgelände kaum wiederzuerkennen. Die drei zerstörten Atommeiler wurden von außen gesichert und teilweise neu verkleidet. Aus den Reaktorblöcken drei und vier wurden alle abgebrannten Brennelemente entfernt und auf dem AKW-Gelände in Betonbehältern eingelagert. Sämtliche Oberflächen wurden geteert oder betoniert, damit kein radioaktiver Staub mehr aufgewirbelt werden kann.

Für die größte Veränderung auf dem Gelände sorgte aber das Wasser, mit dem das verbliebene Brennmaterial in den Reaktoren nach zwölf Jahren immer noch gekühlt wird. Dieses Wasser muss im Anschluss von radioaktiven Stoffen gereinigt und eingelagert werden. Erschwert wird das, weil große Mengen Grundwasser durch Mauerrisse in die Keller der Reaktorgebäude laufen, und sich mit dem Kühlwasser vermischen, das aus den Reaktorbehältern herausfließt. Auch das muss eingefangen werden.

Zunächst hatte Tepco auf die Schnelle provisorische Behälter aufgestellt, um kontaminiertes Wasser zu speichern. Bald musste der Konzern aber neue Behälter mit dichteren Außenwänden bauen. Seit ein paar Jahren wird das Wasser vor der Lagerung zudem gründlich gefiltert. Sukzessive mussten Wälder und Grünanlagen im Südwesten den Wassertanks weichen. Auch ein altes Baseballfeld wurde geopfert. Die nun dort eingelagerte Menge von zuletzt 1,33 Millionen Tonnen entspricht bereits dem Inhalt von 530 Olympia-Schwimmbecken. 

Laut Betreiber gibt es spätestens ab Ende 2024 keinen Platz mehr auf dem Grundstück für neue Tanks. Denn täglich fallen 60 Tonnen neu kontaminiertes Grund- und Kühlwasser an. Den Zufluss des Grundwassers konnte auch ein 2017 gebauter „Eiswall“ nicht stoppen – eine bis in 30 Meter Tiefe reichende, senkrechte Schicht aus gefrorenem Boden rings um die drei kaputten Meiler.

Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, Okuma, Präfektur Fukushima, Japan 24.07.2023 Rot: Die Tanks mit dem gebrauchten Reaktor-Kühlwasser. Gelb: Filteranlage, die radioaktive Elemente aus dem Kühlwasser entfernt. Blau: Pipeline, die das Wasser in Richtung Meer bringt. Grün: Anlage, die das Kühlwasser im Verhältnis 100 zu 1 verdünnt, bevor es eingeleitet wird. Bild: LiveEO/Pleiades Foto: WirtschaftsWoche

Die Satellitenbilder zeigen, dass zwischen 2014 und 2015 jene Anlage auf dem Gelände errichtet wurde, die das Kühlwasser reinigt. Sie filtert die meisten radioaktiven Partikel heraus. In Tanks, die daneben aufgebaut sind, wird der Gehalt an radioaktiven Partikeln im Wasser anschließend über mehrere Monate gemessen. Das Wasser wird dabei mehrfach durchgemischt, der Gehalt nach und nach angeglichen.

Ein ein Kilometer langes Pipelinesystem soll die Flüssigkeit künftig über das Kraftwerksgelände in Richtung Pazifik befördern. An einem neu gebauten Becken saugen drei Pumpen Meerwasser an. Das Kühlwasser soll damit im Verhältnis 100 zu 1 verdünnt werden, bevor Tepco es in die See pumpt.

Ohne das Wasser in den Ozean zu leiten, könne die Stilllegung der Reaktoren nicht weitergehen, heißt es aus dem Konzern. Denn das so frei werdende Tankgelände soll künftig als Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente und Brennelementtrümmer dienen. Kritiker halten das Platzargument für vorgeschoben. Denn der AKW-Betreiber hat längst die angrenzenden, unbewohnbar gewordenen Grundstücke aufgekauft und könnte dort weitere Tanks bauen. Eine andere technische Lösung, die nach einem Unfall im US-Atommeiler Three Mile Islands gewählt wurde, wäre das Verdampfen, eine dritte die Speicherung in einer unterirdischen Kaverne.

Aber die Regierung in Tokio entschied sich früh aus Kostengründen dafür, das gefilterte Wasser in den Stillen Ozean zu leiten. Um Bedenken zu zerstreuen, wird es vor der Einleitung mit der 100-fachen Menge an Meerwasser verdünnt. Die Tritium-Konzentration sinkt dabei nach Tepco-Angaben auf weniger als 1500 Becquerel pro Liter – etwa ein Siebtel des von der Weltgesundheitsorganisation für Trinkwasser festgelegten Höchstwertes. Zudem würden täglich nur 500 Kubikmeter ins Meer fließen, sodass die Verklappung mehrere Jahrzehnte dauern dürfte. Tepco hatte bereits vor einiger Zeit das dafür notwendige Ausflussrohr von einem Kilometer Länge ins Meer verlegt.

Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, Okuma, Präfektur Fukushima, Japan 09.11.2022: Eine ein Kilometer lange Pipline (blau) leitet das Wasser unterirdisch in den Stillen Ozean. Bild: LiveEO/GoogleEarth/Maxar Foto: WirtschaftsWoche

Dessen Öffnung liegt in zwölf Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Bei Erdbeben, Tsunamis und Stromausfällen stoppen Notfallventile die Einleitung. 

Die zwischen 2014 und 2015 auf dem Kraftwerksgelände gebaute Reinigungsanlage von Toshiba filtert zwar seit zehn Jahren 62 radioaktive Isotope fast vollständig aus dem gesammelten Kühl- und Grundwasser heraus, nicht jedoch das strahlende Tritium. Nach Ansicht der IAEA ist Tritium in geringen Mengen für Mensch und Umwelt unbedenklich. Die japanische Regierung betont wiederum, dass die Einleitung von tritiumhaltigem Wasser eine Standardpraxis bei Atomanlagen sei. Japan wolle jährlich gerade mal 22 Billionen Becquerel in den Pazifik leiten, so die Regierung, während das AKW Hongyanhe in China 87 Billionen und das AKW Kori in Südkorea 91 Billionen Becquerel an Tritium ins Meer pumpten.

IAEA-Chef Rafael Grossi übergab den Abschlussbericht seiner Behörde Anfang Juli persönlich an Japans Regierungschef Fumio Kishida. Darin heißt es, die Maßnahmen stünden im Einklang mit den einschlägigen internationalen Sicherheitsstandards. Das Papier basiert auf einer zweijährigen Untersuchung mit mehreren Vor-Ort-Besuchen in den Atomruinen. Die Einleitung des Wassers werde vernachlässigbare Auswirkungen auf die Umwelt haben, so Grossi in Tokio. Die IAEA eröffnete im Juli ein Büro in Fukushima, um den Prozess permanent zu überwachen.

Widerstand kommt derweil auch aus China. Dessen Botschafter in Japan, Wu Jianghao, sagte, es gebe keinen Präzedenzfall für die Einleitung von Abwasser nach einem Atomunfall. Das Wasser aus Fukushima sei nicht mit normalem Kühlwasser vergleichbar. Laut der chinesischen Botschaft sei die IAEA als Förderer der friedlichen Nutzung der Atomkraft nicht das optimale Gremium, um die Auswirkungen zu beurteilen. Japan solle andere Optionen erwägen.

Auch die Fischer von Fukushima lehnen das Vorhaben ab. Sie fürchten um ihre Reputation. Selbst das Angebot von großzügigen Staatshilfen für Umsatzeinbußen konnte ihre Meinung nicht ändern. Doch die japanische Regierung lässt sich nicht beirren. Presseberichten zufolge will Premier Kishida den Beginn der Einleitung bereits in den nächsten Wochen ankündigen.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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