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Wirtschaft von oben #233 – Persischer GolfDieses maritime Nadelöhr könnte in den Nahost-Krieg geraten

Der Iran droht, den Konflikt mit Israel auszuweiten. Das Land könnte etwa die Straße von Hormus dichtmachen. Satellitenbilder zeigen, wie stark das die saudischen Ölexporte treffen würde. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Jannik Deters, Frank Doll 22.10.2023 - 12:46 Uhr aktualisiert
Foto: LiveEO/Sentinel

Noch geht der Welt das Öl nicht aus. Nur muss es auch dort ankommen, wo es verbraucht wird. Damit Rohöl und flüssige Ölprodukte etwa von den Verladeterminals am Persischen Golf die Weltmärkte erreicht, muss es per Tanker durch Meerengen transportiert werden. So gehen knapp 21 Millionen Barrel, etwa ein Drittel der rund 60 Millionen Barrel, die pro Tag auf den Weltmeeren bewegt werden, durch die Straße von Hormus.

Durch die Meerenge in den Hoheitsgewässern des Sultanats Oman und des Iran, die den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean verbindet und die an ihrer schmalsten Stelle 33 Kilometer breit ist, laufen zwei Schifffahrtswege. Diese sind jeweils nur zwei Seemeilen breit.

Bypässe zur Umgehung der Straße von Hormus gibt es, über Pipelines aus Abu Dhabi und Saudi-Arabien. Aber deren Kapazitäten sind limitiert, auf schätzungsweise 6,6 Millionen Barrel pro Tag.

Wie ein Damoklesschwert hängt über dem Ölmarkt daher eine mögliche Blockade dieses maritimen Nadelöhrs durch den Iran im Zuge einer Eskalation des Nahostkonflikts, etwa durch eine seit Tagen von Israel angekündigte Bodenoffensive im Gaza-Streifen.

Aktuelle Satellitenbilder zeigen, wie wichtig die Region für die globale Ölversorgung ist. Etwa eines der größten Verladeterminals überhaupt, im saudi-arabischen Ras Tanura, das von einer Sperre direkt betroffen wäre. Auf den Bildern sind mehrere Dutzend Öltanks unterschiedlicher Größe zu sehen sowie Bohrinseln, die südöstlich von Ras Tanura das Öl aus der Erde holen.

Das Ölfeld von Manifa ist für den Ölkonzern Saudi Aramco ebenfalls von enormer Bedeutung. Insgesamt mehr als 20 Plattformen bilden dort eine Inselkette, von der Saudi Aramco die Ölförderung steuert. Das Feld wurde bereits vor Jahrzehnten entdeckt, aber erst in den 2000ern wieder in Betrieb genommen. 45 Millionen Kubikmeter Sand wurden dafür aufgeschüttet. Die Straße führt zu einer schmalen Brücke, die den kilometerlangen Komplex mit dem Festland verbindet. Die Produktion liegt bei 900.000 Barrel pro Tag.

Der Krieg im Norden könnte für die Ölgeschäfte erhebliche Einschnitte bedeuten – wenn der Iran sich dazu entschließt. Der Iran hatte Israel vor einer Bodenoffensive in Gaza gewarnt. Umgekehrt könnte sich Israel zu Vergeltungsmaßnahmen gegen den Iran hinreißen lassen – vor allem, wenn sich die vom Iran unterstützte Hisbollah stärker in den Konflikt einschaltete und vermehrt Raketen vom Libanon aus auf Israel abfeuerte.

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Wie würde der Iran auf einen Vergeltungsschlag aus Israel reagieren, etwa durch die Bombardierung iranischer Atomanlagen? In den vergangenen Jahren hat das Militär der Islamischen Republik schon mehrfach internationale Schiffe in der Straße von Hormus bedrängt. Vor allem in den vergangenen vier Jahren hat der Iran die weltweite Abhängigkeit von der Straße von Hormus ausgenutzt, um seine Macht zu demonstrieren. Vor vier Jahren wurde ein unter britischer Flagge fahrender Tanker bei der Durchfahrt durch die Meerenge beschlagnahmt. Bereits 2021 beschlagnahmten iranische Streitkräfte ein unter südkoreanischer Flagge fahrendes Tankschiff, und erst im Juli dieses Jahres versuchten sie, zwei Tanker zu kapern.

Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums hat der Iran in den vergangenen Jahren insgesamt 20 Handelsschiffe angegriffen oder gekapert.


Nicht nur Öltransporte könnten nun Schwierigkeiten bekommen. In Kuwait und Katar stehen große LNG-Anlagen, die ebenfalls nur über den Persischen Golf angesteuert werden können.

Das gasreiche Emirat ist Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Nahost – und unterstützt die Hamas. Diese Verflechtungen sind auch für die Bundesregierung eine Zerreißprobe.

Katar betreibt 80 Kilometer nordöstlich von Doha eine riesige Industrieansiedlung, ein großer Umschlagplatz für LNG. Die Satellitenbilder zeigen, wie die Anlage, eine der Grundlagen für Katars Reichtum, in den vergangenen Jahren immer weiter angewachsen ist.

Ob der Iran aber eine Komplettsperrung der Straße von Hormus wagt? Fraglich. Drei Viertel des Öls vom Golf landet in Asien, knapp die Hälfte davon in China und Indien. Die Regierungen dort dürften all ihren Einfluss auf den Iran geltend machen, zumindest die Lieferungen nach Asien zu gewährleisten. Nach China, Singapur, Südkorea oder Japan gelangt das meiste Öl durch die Straße von Malakka, insgesamt knapp 16 Millionen Barrel pro Tag. Rund drei Millionen Barrel für Europa und Amerika nehmen die Abkürzung durch die 26 Kilometer breite Meerenge Bab el-Mandeb („Tor der Tränen“), die dann weiter per Tankschiff durch den Suezkanal oder via Sumed-Pipeline zur ägyptischen Hafenstadt Alexandria das Mittelmeer erreichen.

„Ich glaube nicht, dass es im Interesse des Irans ist, die Straße von Hormus zu sperren“, sagt Cormac Mc Garry. Wenn Israel Vergeltungsmaßnahmen gegen den Iran ergreift und der Iran mit Israel verbundene Schiffe in der Straße von Hormus angreift, werde das aber auf jeden Fall heftiger ausfallen als bisher, so der Londoner Analyst für Seeverkehr. Auch die Schiffseigner seien sehr vorsichtig. Sie müssen die Durchfahrt durch die Straße von Hormus im Voraus bei den Schiffsversicherern ankündigen.

Diese können daher schnell auf alle Entwicklungen reagieren, sagt Neil Roberts, Sekretär des Joint War Committee, einer ebenfalls in London ansässigen Versicherungsorganisation, die die Risikostufen für die internationale Schifffahrt festlegt. Wenn die Schiffsversicherer eine solche Gewalteskalation für wahrscheinlich halten, werden die Reeder ihre Schiffe auf alternative – und längere – Routen umleiten müssen. Das werde unweigerlich zu Störungen und Preisspitzen auf dem Ölmarkt führen.


Saudi-Arabien hat im Roten Meer ein paar Ausweichhäfen. Vom Hafen Yanbu sind es für Schiffe nur ein paar Seemeilen zum Suezkanal.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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