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Wirtschaft von oben #78 – Brexit So versuchen die Briten, ein Zoll-Chaos zu verhindern

Noch immer gibt es zwischen Großbritannien und der EU kein Handelsabkommen, ein No-Deal-Brexit hängt drohend in der Luft. Exklusive Satellitenbilder zeigen, wie die Briten ein Zoll-Chaos vermeiden wollen. Die Bevölkerung reagiert indes gewohnt mit trockenem Humor. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

Ashford

Der Brexit kommt. Diesmal (vermutlich) wirklich: Formell hat Großbritannien die EU bereits Ende Januar verlassen. Am Jahresende soll auch die Übergangszeit enden, während der alles Wesentliche beim Alten geblieben ist. Viereinhalb Jahre nach dem EU-Referendum im Sommer 2016 verlässt Großbritannien dann den Europäischen Binnenmarkt und die Zollunion – und begibt sich in unbekannte Fahrwasser. Und da sich London und Brüssel bis heute auf kein Handelsabkommen einigen konnten, droht noch immer ein ungeregeltes No-Deal-Szenario.

Ein solches würde sich besonders drastisch auf die Region um Dover im Südosten Englands auswirken. Durch diese rollt der Großteil des Warenverkehrs mit dem europäischen Festland: Allein die Fährverbindung zwischen Dover und dem französischen Calais nutzten im vergangenen Jahr mehr als zwei Millionen Autos, 74.000 Busse und 2,4 Millionen Lkws. Mit dem „Le Shuttle"-Service passierten im vergangenen Jahr zudem rund 1,6 Millionen Laster vom nahe gelegenen Folkstone aus den Eurotunnel nach Calais.

Fährhafen Dover

Ab Januar sind zusätzliche Zoll- und Warenkontrollen notwendig. Und die dürften für erhebliche Verzögerungen sorgen. In einem geleakten Schreiben an Spediteure warnte Kabinettsminister Michael Gove kürzlich, dass Anfang des kommenden Jahres jeden Tag bis zu 7000 Lkws vor Dover bis zu zwei Tage lang feststecken könnten.

Damit es nicht zu Dutzenden kilometerlangen (und für die Regierung hochnotpeinlichen) Rückstaus auf den Autobahnen kommt, wird seit dem Sommer bei Ashford, rund eine halbe Autostunde vor Dover, eine neue Zollabfertigungsstelle samt Lkw-Parkplatz gebaut. Den Fortschritt zeigen exklusive Satellitenbilder von LiveEO. Bis zu 1500 Laster sollen auf dem Areal, das so groß wie 37 Bundesliga-Fußballplätze ist, Platz haben. Und die Regierung scheint noch immer unsicher zu sein, ob das ausreicht. Daher wird ein regulärer Lkw-Parkplatz in der Nähe derzeit zu einem weiteren Halteplatz für die Zollabfertigung umgewandelt. Berichten zufolge sind landesweit bis zu zehn solcher Anlagen geplant.

Die Briten nehmen es, wie gewohnt, mit trockenem Humor: In einer Online-Petition fordern bereits 28.000 Briten, den Lkw-Parkplatz in „Farage Garage“ nach dem Rechtspopulisten Nigel Farage umzubenennen. Der hat sich als Chef der „United Kingdom Independence Party“ (UKIP) jahrelang dafür eingesetzt, dass Großbritannien die EU verlässt. Heute drängt er mit seiner „Brexit Party“ auf einen möglichst harten Brexit. Es wäre „nur angemessen“, wenn jeder Lkw-Fahrer, jeder Pendler und jeder Anwohner „die Möglichkeit bekäme, dieses schöne Beispiel des Bauingenieurwesens“ mit dem „wahren Helden“ des Brexits in Verbindung zu bringen, schreibt der Verfasser der Petition.

Für Brexit-Gegner gibt es noch mehr Anlass zu Spott und Schadenfreude. Der Grund: Eine Ankündigung von Kabinettsminister Gove vor wenigen Wochen. Demnach benötigen alle von Großbritannien aus in die EU rollenden Lkw-Fahrer ab dem kommenden Jahr zusätzlich eine Genehmigung, um überhaupt in die Grafschaft Kent einfahren zu dürfen. Ein findiger französischer Twitter-Nutzer bedankte sich daraufhin „im Namen Frankreichs“ bei Michael Gove für die Rückgabe der Grafschaft an sein Land: „Nur noch ein bisschen mehr von diesen #Brexit-Wirren, und England wird wieder französisch sein. #MakeEnglandFranceAgain“.

Einige andere britische Häfen bereiten sich ebenfalls auf die kommenden Veränderungen vor. Das Kalkül dabei: Wenn der Warenverkehr im Nadelöhr Dover auf Dauer ins Stocken gerät und Großbritannien in Zukunft seinen Handel mit Ländern wie den USA ausbaut, könnten sie unter Umständen profitieren.

So hat der Hafenbetreiber Peer Ports in den vergangenen Jahren rund 400 Millionen Pfund in den Ausbau des Hafens von Liverpool gesteckt, den größten transatlantischen Hafen des Landes. Die Satellitenbilder zeigen, wie etwa das Terminal Liverpool2 ausgebaut wurde. Darüber hinaus entsteht derzeit ein weiteres Tiefwasser-Containerterminal, das einige der größten Containerschiffe der Welt abfertigen können soll. In den vergangenen Monaten kamen zudem mehrere neue Fährverbindungen hinzu, unter anderem nach Portugal und Spanien.

Vollkommen rund dürfte es allerdings auch in Liverpool nicht von Anfang an laufen. Lokale Medien berichten von Engpässen beim Personal, die auch in Liverpool zu Staus und Verzögerungen führen könnten. Das könne unter Umständen neu gewonnene Kunden schnell wieder vergraulen, heißt es in dem Bericht.

Richard Kemp, der für die Brexit-kritischen Liberaldemokraten im Stadtrat von Liverpool sitzt, sagte dazu: „Nachdem uns vonseiten der Regierung im vergangenen Jahr ein ‚ofenfertiges Abkommen und reibungsfreie Grenzen‘ versprochen worden sind, zeigt diese farcehafte Situation, für was für gewaltige Probleme der Brexit bei Spediteuren sorgen wird.“

Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.


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