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Wirtschaft von oben #87 – Windenergie So riesig sind die britischen Offshore-Windparks

Großbritannien will seine Windstrommengen bis 2030 vervierfachen. Rund um die Insel sind bereits einige Windparks enorm gewachsen, wie exklusive Satellitenbilder zeigen. Weitere sind geplant und lassen vor allem deutsche Unternehmen hoffen. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

Ganze 38 Windparks stehen bereits heute in britischen Gewässern.

Dutzende Windkraftanlagen ragen vor der Küste von Yorkshire in Nordengland aus dem Meer: Sie gehören zum Offshore-Windpark Hornsea. Spezielle Aufbauschiffe sind hier seit Jahren damit beschäftigt, die vom deutschen Siemens-Konzern gelieferten, riesigen Anlagen aufzustellen. Die Arbeiten an dem Mammutprojekt begannen Anfang 2017. Zweieinhalb Jahre später ging die erste von vier Teilanlagen in Betrieb. 174 Windkraftanlagen erstrecken sich auf einer Fläche von mehr als 400 Quadratkilometern, wie Satellitenbilder von LiveEO zeigen. Hornsea Project One liefert 1218 Megawatt (MW) Strom. Es ist schon heute der größte Windpark der Welt.

Wenn geschätzt Ende der 2020er-Jahre die drei weiteren Teilanlagen in Betrieb gehen, wird die gesamte Anlage sechs Gigawatt Strom produzieren – mehr als vier Mal so viel wie das Kernkraftwerk Emsland in Niedersachsen.

Offshore-Windenergie ist in Großbritannien schwer im Kommen. Kein Wunder, schaut man sich die geografische Lage des Landes in der Nordsee an. Ganze 38 Windparks stehen heute in britischen Gewässern. Deren Größe lassen die Satellitenbilder erahnen. Sie liefern dermaßen viel Strom, dass am zweiten Weihnachtsfeiertag – als ein Sturm über das Land fegte – mehr als die Hälfte des in Großbritannien erzeugten Stroms aus Windenergie stammte. Im August bezog das Land kurzzeitig sogar 60 Prozent seines Stroms aus Windenergie.

Für die Regierung in London ist das nur ein Anfang. So erklärte Premier Boris Johnson kürzlich, dass sich die Menge an Offshore-Windstrom bis 2030 vervierfachen soll – auf 40 Gigawatt. „Was Öl für Saudi-Arabien ist, ist Wind für das Vereinigte Königreich“, erklärte Johnson, eine „beinahe unbegrenzte Ressource“, nur ohne CO2-Ausstoß und ohne Umweltschäden. 60.000 Jobs sollen durch den Ausbau der Industrie geschaffen werden.

Der Ausbau der britischen Offshore-Windenergie ist dabei Teil einer geplanten umfassenden Dekarbonisierung der Wirtschaft des Landes. Erst kürzlich erklärte London, dass der CO2-Ausstoß in Großbritannien bis 2030 um 68 Prozent sinken solle – auf den Stand von 1900.

Dass man sich dabei vor allem auf Windkraftanlagen im Meer konzentriert, hat politische Gründe. Der damalige Premier David Cameron gab 2016 gegenüber den erbitterten Windanlagengegnern in seiner Partei nach und verhängte einen Subventionsstopp für den Bau von Windparks an Land. Das kam einem Baustopp gleich. Immerhin hob Johnson im vergangenen Jahr den Subventionsstopp wieder auf.

In der deutschen Windenergiebranche hat Johnsons Ankündigung für Aufregung gesorgt. Schließlich fühlen sich viele deutsche Hersteller von Berlin eher stiefmütterlich behandelt. Schon heute ist RWE einer der größten Erzeuger von Windstrom in Großbritannien. Der deutsche Stromkonzern betreibt heute neun Offshore-Windparks in britischen Gewässern. Zahlreiche deutsche Mittelständler steuern seit Jahren Bauteile und Fachwissen für den Bau von Offshore-Windparks in Großbritannien bei.

Ein weiteres britisches Offshore-Großprojekt liegt 14 Kilometer westlich der Insel Walney in der Irischen See. Die ersten beiden Phasen gingen hier 2011 und 2012 mit 102 Windturbinen ans Netz. Walney war damals mit einer Kapazität von 367 Megawatt eine Zeitlang der größte Offshore-Windpark der Welt. 2018 kamen noch 87 weitere Turbinen hinzu. Die Entwicklung zeigen die Satellitenbilder. Die Gesamtmenge des erzeugten Stroms liegt heute bei rund einem Gigawatt.

Vor den Küsten Schottlands findet man unter anderem den Beatrice-Windpark. Benannt wurde er nach einem nahen gelegenen, kleineren Ölfeld, dessen Ausbeutung 2017 eingestellt wurde. Somit trägt der Windpark die Energiewende regelrecht im Namen. 2007 gingen hier zunächst in Rahmen eines Vorführprojekts zwei Turbinen ans Netz. 2019 wurde die Anlage mit 84 Siemens-Turbinen fertiggestellt. Die Windanlage erstreckt sich über 131 Quadratkilometer und liefert zusammen 588 Megawatt Strom. Genug für rund eine halbe Million Haushalte.

Brancheninsider heben dabei häufig lobend die Auftragsvergabe hervor, die in Großbritannien anders verläuft als in Deutschland. Hierzulande gewinnt derjenige Antragsteller eine Ausschreibung, der die geringsten Zuschüsse pro gelieferter Kilowattstunde Strom verlangt. In den vergangenen Jahren gingen so mehrere Ausschreibungen an Antragsteller, die gar keine Subventionen in Anspruch nehmen wollten. In Zukunft könnte es sogar „negative Preise“ geben, bei denen die Betreiber von Windstromanlagen den Staat fortwährend dafür bezahlen müssten, um umweltfreundlichen Strom produzieren zu dürfen. Kritiker befürchten einen zerstörerischen Verdrängungswettbewerb.

In Großbritannien sind stattdessen so genannte Contracts for Difference (CfD) üblich. Dabei erhalten Betreiber 15 Jahre lang einen garantierten, festgelegten Abnahmepreis für den Strom, den sie mit ihren Offshore-Anlagen produzieren. Fällt der Marktpreis unter diesen Abnahmepreis, kommt der Staat für die Differenz auf. Steigt er darüber, muss der Anlagenbetreiber den überschüssigen Betrag abführen. Die Betreiber gewinnen dadurch Planungssicherheit und können sich auf ein garantiertes Einkommen während des Vertragszeitraums verlassen. Verbraucher werden vor rapide steigenden Strompreisen geschützt.

Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.


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