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Wirtschaft von oben #88 – Online-Handelsriese Warum Alibaba am Flughafen Lüttich eine Logistik-Drehscheibe baut

Chinas Onlinemarkt ist weiterhin fest in der Hand von Alibaba. Nun baut der Konzern ausgerechnet in Belgien einen riesigen Logistik-Hub, wie exklusive Satellitenbilder zeigen. Das dürfte auch deutsche Unternehmen freuen. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

Am Flughafen Lüttich baut Alibaba einen riesigen Logistik-Hub. Ein Teil dessen soll bereits in den kommenden Monaten in Betrieb gehen.

Es war ein Auftritt ganz nach seinem Geschmack: Mit E-Gitarre, Lederjacke und lila Zöpfen stand Jack Ma zum 20. Geburtstag des Alibaba-Konzerns im September 2019 auf einer Bühne in der ostchinesischen Stadt Hangzhou, dem Firmensitz des Online-Imperiums. Es war Mas offizieller Abschied von der Firmenspitze, auch wenn der Mann, der es vom Englischlehrer zum reichsten Chinesen gebracht hat, weiter das Gesicht Alibabas blieb. Inzwischen scheint die große Show des Jack Ma jedoch endgültig passé. Seit Monaten hat sich Alibabas „Rockstar“ nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt. Er twittert nicht mehr, erscheint nicht zu Terminen wie der Aufzeichnung einer TV-Show. Medien wie Aktionäre rätseln seither über die Hintergründe seines Verschwindens. Klar ist nur: Jack Mas Konzern ist der kommunistischen Parteiführung schon seit geraumer Zeit zu mächtig geworden. Die Folgen könnten über kurz oder lang auch Firmen in Europa und Deutschland treffen.

Denn Unternehmen wie BMW, Aldi, Adidas, Beiersdorf, Bosch oder Haribo sind längst vertreten auf den Plattformen des größten Internethändlers der Welt. Wie stark Alibaba wächst und wie sehr auch westliche Konzerne bislang von dem „Türöffner“ zum chinesischen Markt profitieren, zeigt ein Bauprojekt in Belgien. Nahe dem Flughafen Lüttich, rund eine Autostunde von der deutschen Grenze entfernt, zieht Alibabas Logistik-Sparte Cainiao gerade ein riesiges Drehkreuz für den Frachtversand von europäischen Waren nach China hoch. Den Baufortschritt zeigen exklusive Satellitenbilder von LiveEO. 220.000 Quadratmeter Nutzfläche misst das Areal. Schätzungsweise 1500 Lkw am Tag sollen künftig jene Waren in Richtung Flughafen transportieren, die später über Alibabas Shoppingplattformen an chinesische Konsumenten verkauft werden.

Das Bestellen über die Alibaba-Ableger ist schließlich Volkssport in der Volksrepublik. Mit den wichtigsten Plattformen Taobao und Tmall hält Alibaba rund 60 bis 70 Prozent am gesamten Onlinehandel in China. 757 Millionen Konsumenten zählt der Konzern zu seinen Kunden. Was das heißt, zeigt jedes Jahr der Singles-Day – Chinas gigantisches Shopping-Festival zum 11. November. 74,1 Milliarden Dollar Umsatz und 583.000 Bestellungen pro Sekunde verbuchte Alibaba bei dem mehrtägigen Verkaufsevent. Und auch deutsche Firmen profitierten ordentlich. Sie sollen während der Aktion Waren im Gesamtwert von rund einer Milliarde Dollar losgeschlagen haben. In den nächsten Jahren dürften die Importe aus Europa weiter steigen und beim Warennachschub soll bald auch Lüttich helfen. Der Standort ist dafür gut geeignet, liegt er doch zwischen Frankfurt, Paris und Amsterdam – und ist damit für viele Spediteure schnell zu erreichen.

Bis Ende Oktober des vergangenen Jahres waren nur die ersten Stahlstreben des Gebäudes zu sehen, mittlerweile ist der erste Teil der Halle auch als solche zu erkennen. Denn bereits in den nächsten Monaten soll der erste Teil des Versandzentrums in Betrieb gehen und Lüttich nach Hongkong, Moskau, Dubai und Kuala Lumpur zum fünften internationalen Logistik-Hub von Alibaba werden. Der Konzern sieht sich schließlich selbst als „Tor zu China“. Wird sich daran jetzt etwas ändern?

Inzwischen ist auch ein Teil der Halle als solche zu erkennen. Denn bereits in den nächsten Monaten soll der erste Teil des Versandzentrums in Betrieb gehen.

Branchenkenner verweisen darauf, dass sich Pekings Vorgehen bislang vor allem gegen Alibabas Finanztochter Ant richtet, über die 1,3 Milliarden Menschen Rechnungen bezahlen und Kredite beziehen. Anfang November hatten Aufsichtsbehörden den Börsengang von Ant, der mit einem Emissionsvolumen von 37 Milliarden Dollar der weltgrößte geworden wäre, unmittelbar vor dem Debüt in Shanghai und Hongkong gestoppt. Ma wurde von den Behörden einbestellt und die Ant-Gruppe muss nun wohl ihr Geschäftsmodell umbauen. Ob der Dienstleister weiter Kredite vergeben darf, ist beispielsweise unklar. Das Versicherungs- und Assetmanagement dürfte ebenfalls härter reguliert werden, erwarten Experten. Die kommunistische Partei nimmt aber auch direkten Einfluss auf Alibabas Handelsgeschäft, um dort für mehr Wettbewerb unter den Techgiganten zu sorgen. Doch an der Grundtendenz dürfte das wenig ändern: Die Zahl der Online-Bestellungen in China steigt weiter – und damit wohl auch die Nachfrage nach europäischen Produkten, die künftig von Lüttich aus gen China fliegen.

Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.


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