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Thomas Piketty Der missverstandene Vordenker

Thomas Piketty ist der Ökonom der Stunde, sein Buch ein voller Erfolg und macht ihn zur Ikone der Kapitalismuskritiker. Nun legt der Ökonom mit einem Aufsatz nach – und wiederspricht sich darin selbst.

Er ist der Star unter den Ökonomen: Thomas Piketty. Quelle: dpa

DüsseldorfBestsellerautor, gefeierter Ökonom-Shootingstar und Gesicht der Kapitalismuskritiker: Thomas Piketty ist gefragt. Deutsche Spitzenpolitiker wollen seine Beratung und die Occupy-Anhänger machten ihn zu ihrem Vordenker und nutzen seine Thesen als empirische Legitimation für die Forderung nach Spitzensteuersätze.
In einer neuen Publikation warnt der 42-jährige Piketty jetzt seine Anhänger erneut vor einer Fehlinterpretation seiner Ergebnisse und die Aufwertung der Ideen zu einer Musterlösung des Verteilungsproblem im aktuellen Jahrhundert.


Der französische Jung-Ökonom Piketty präsentierte in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eine beeindruckende Datensammlung über die Entwicklung der Einkommen und Vermögen seit dem 19. Jahrhundert. Das Buch ist ein absoluter Bestseller, viele sehen ihre Vermutung bestätigt, dass die Welt der Einkommen im Neoliberalismus unfair verteilt sind.

Pikettys Buch lässt sich inhaltlich grob in drei Abschnitte unterteilen: Der erste Teil umfasst eine beeindruckende Datensammlung über die Historie von ungleich verteilten Vermögen. Im zweiten Teil wagt der Ökonom eine Prognose der Entwicklung in der Zukunft. Im letzten Teil schlägt er Strategien vor, diese Entwicklung zu stoppen.

Der Ökonom zeigt an der Formel r>g, wie die Ungleichheit speziell vor dem ersten Weltkrieg zunahm. r bezeichnet die Kapitaleinkünfte wie Zinsen oder Dividenden, g das allgemeine Wirtschaftswachstum.
Damit wurde der Franzose zu einem gefragten und gefeierten Mann, der Ruhm um seine Person wurde Piketty zusehends unangenehm. Eine Auszeichnung der französischen Regierung lehnte der Ökonom mit den Worten ab, die Regierung hätte genug anderes zu tun.

Das Buch findet noch immer viele Anhänger, die Frankfurter Allgemeine Zeitung spricht von der „Bibel für die Linken“. Piketty selbst distanzierte sich im Vorwort des Buches vom Kommunismus, er sei mit dem Untergang der Sowjetunion aufgewachsen, steht da. In einem Interview mit der FAZ sagt Piketty sogar: „Ich bewundere den Kapitalismus.“ Doch er trifft mit seiner These den Zeitgeist der jungen Linken.


„Is Piketty all wrong?“


Ökonomen wie Paul Krugman von der Princeton Universität sehen im „Kapital des 21. Jahrhunderts“ eine Bestätigung für den Kampf um die Einführung der Reichensteuer in den USA. Tatsächlich wagte Präsident Barack Obama auch einen neuen Versuch, die Diskussion um dieses Thema wieder aufzunehmen. Sie wurde allerdings abgeschmettert.

Neben all dem Lob machte sich auch Kritik an der Arbeit von Piketty breit. Der konservative US-Ökonom Greg Mankiw, der in Harvard die Wirtschaftsfakultät leitet, teilte im April vergangenen Jahres auf seinem Blog seine ersten Gedanken über Pikettys Bestseller mit.

Mankiw zeigt sich begeistert von dem Ausmaß der historischen Daten, hat aber seine Zweifel an der These der dauerhaften Ungleichverteilung in der Zukunft. Mit seiner Formel r>g würde Piketty zu viele Aspekte außer Acht lassen. Der Ökonom wertet die Zukunftsprognosen des Franzosen eher als politische Meinung. Piketty wolle „Wohlstand verteilen“.

Im Mai 2014 warf der Wirtschaftsressortleiter der Financial Times, Chris Giles, Piketty schlampiges Arbeiten vor. Die beiden Hauptthesen des Franzosen, die wachsende Ungleichheit in den vergangenen 20 Jahren und eine höhere Ungleichheit in den USA im Vergleich zu Europa, würden durch die eigenen Quellen nicht bestätigt, schreibt Giles.


Nur einen Tag später hält Krugman in seiner Kolumne in der New York Times dagegen. Die provokative Überschrift „Is Piketty all wrong?“ Der Ökonom erklärt, die Befunde zu der Ungleichheit der Vermögen in den USA und Europa seien durch mehrere andere Studienbefunde legitimiert und wirft Giles Fehler bei der Interpretation vor.
Auch Mankiw legte im November vergangenen Jahres noch einmal nach und erklärte in einer Publikation, die Kapitalrate r müsste das Wirtschaftswachstum g um sieben Prozent übersteigen, damit eine lang anhaltende Ungleichheit geschaffen wird, das sei unrealistisch.

Thomas Piketty kämpfte von Beginn an gegen eine Über-Interpretation seiner Thesen. Er erkannte zuletzt an, dass die Vermögen heute gleichmäßiger verteilt sind als vor 100 Jahren.


Vermögensentwicklung der Zukunft? Unklar

Nun ist es also das Paper, welches Piketty zu der Diskussion unter dem Titel „About Capital in the Twenty-First Century“ einreichte und die Öffentlichkeit nochmals aufschreckte. Was der französische Ökonom hier schreibt, sehen viele als Abkehr von seinen Thesen im Buch. Piketty beschreibt in der Einleitung des Aufsatzes, sein Buch sei primär als eine Auflistung der „Geschichte von Einkommen und Ungleichheit“ zu verstehen. Ausführlich legt er da, was seine Formel r>g, die zur Ultima ratio der globalen Verteilungsdebatte geworden ist, erklären kann und was nicht.

Bis zum ersten Weltkrieg lässt sich die Ungleichheit durch die wachsende Differenz zwischen r und g erklären, so der Ökonom. Doch wirtschaftliche Schocks wie die beiden Weltkriege seien für die Entwicklung im 20. Jahrhundert deutlich relevanter, so Piketty. Auch im 21. Jahrhundert müssen die Dynamiken der Verteilung noch besser untersucht werden, um genauer zu verstehen, was die Ungleichheit ausmacht. Heißt konkret: Bis zum ersten Weltkrieg gilt die Formel, doch danach ist sie nicht länger der wichtigste Einflussfaktor.

Piketty äußert sich ebenfalls zu seinem Vorschlag einer globalen Vermögenssteuer für Kapitaleinkommen. Er erklärt, dass er von zwei Dimensionen bei der Ungleichheit der Einkommen ausgeht: eine beim Arbeitseinkommen und eine beim Vermögen. Deshalb hält er eine Steuer für Arbeitseinkommen und eine für Kapitaleinkommen für sinnvoll. Der Ökonom räumt ein, dass es mehr Transparenz über Einkommens- und Vermögensdynamiken bedarf, um die Steuern entsprechend anzupassen.

Piketty macht in dem neuen Paper auch zwei Vorschläge für Faktoren, die die Ungleichheit der Vermögen in Zukunft beeinflussen könnten. Zum einen sinkende Geburtenraten, die dafür sorgen könnte, dass ein Erbe auf weniger Nachkommen aufgeteilt werden muss und ein zunehmender globaler Wettbewerb um Kapital. Welche Kräfte sich am Ende durchsetzt, weiß er noch nicht.
Der ökonomische Shootingstar erklärt gegen Ende des Papers noch einmal, dass er in seinem Buch die Metamorphose des Kapitals aufzeigen und die Ungleichheitsdebatte zurück in die ökonomische Diskussion führen wollte. Das ist ihm auch gelungen.


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