WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Adolf merckle gesammelte Werke

Mit Pillenkonzernen wie Ratiopharm ist Adolf Merckle zu einem der reichsten Männer Deutschlands geworden. Seine Mitarbeiter behandelt der verschwiegene Unternehmer gut, doch mit Aktionären und Managern geht er oft rüde um. 

Es geht bergab. Multimilliardär Adolf Merckle, 69, lässt sein schwarzes Treckingrad Marke KTM über den Donau-Radwanderweg im schwäbischen Blaubeuren rollen. Zehn Minuten braucht er von seinem Bungalow mit Panoramablick übers Tal bis zur Firmenzentrale im Stadtteil Weiler. Zurück, den Berg hoch, muss er schieben; nur bei schlechtem Wetter nimmt er den Wagen. 

Auf über drei Milliarden Euro schätzt das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ das Vermögen Adolf Merckles, der bei Bahnfahrten lieber zweite Klasse fährt und in dessen Büro noch Mobiliar aus den Sechzigerjahren steht. Auf der „Forbes“-Liste der reichsten Weltbürger nimmt er Platz 101 ein. Damit hat der bescheidene Mann bekanntereMilliardäre wie Hubert Burda, SAP-Gründer Hasso Plattner, Albert von Thurn und Taxis oder Verlegerwitwe Friede Springer abgehängt. Das Vermögen der gesamten Familie soll sogar 4,5 Milliarden Euro ausmachen. 

Merckles Unternehmen (siehe Grafik Seite 49) – es dürften etwa zwei Dutzend sein – sind in der Regel profitabel. Wie hoch die Gewinne sind, bleibt allerdings ebenso ein Geheimnis wie das mysteriöse unterirdische Höhlensystem unter dem Blautopfsee, Blaubeurens Touristenattraktion. 

Merckle gehört nicht nur der Pillenkonzern Ratiopharm und Deutschlands größter Pharmagroßhändler Phoenix; er ist ebenso am Schneefahrzeugspezialisten Kässbohrer, wo er kürzlich einen neuen Vorstandschef installiert hat, und am Bauzulieferer HeidelbergCement beteiligt, der gerade den Konkurrenten Readymix übernehmen will. Metallfabriken, Motorenwerke, skurrile Beteiligungen wie ein Skilift im Kleinwalsertal oder kleinere Immobilien- und Vermögensverwaltungen, die unter alten Firmennamen wie „ Pommersche Provinzial Zuckersiederei“ und „Württembergische Leinenindustrie“ laufen, runden das Portfolio ab. 

Über den Mann hinter all diesen Unternehmen gehen die Meinungen auseinander: Betriebsräte und Mitarbeiter äußern sich wohlwollend über den Arbeitgeber Merckle, seine Unternehmen sind sozial engagiert, entlassen keine Mitarbeiter, fördern die Beschäftigung von Frauen und sponsern Kunst. Andererseits geht er mit Managern und Aktionären oft rüde um. Er drängt Geschäftspartner, Führungskräfte und Anteilseigner aus den Unternehmen, um mehr Macht zu erlangen – sagen seine Gegner. 

Merckles Aufstieg begann klein mit dem väterlichen Arzneibetrieb, den der gelernte Rechtsanwalt 1967 mit damals 80 Mitarbeitern übernahm, die Beteiligung an HeidelbergCement geht noch auf einen Urgroßvater zurück. Heute kommt sein wichtigstes Unternehmen, der Medikamentengroßhändler Phoenix, auf einen Umsatz von 15,3 Milliarden Euro. Seine zweitgrößte Firma Ratiopharm erlöst mit Billigarzneien knapp eine Milliarde Euro. Insgesamt sind in den Unternehmen, die Adolf Merckle mindestens zur Hälfte gehören, mehr als 20 000 Menschen beschäftigt. 

Der Bundesverdienstkreuzträger ist ein Unternehmer aus Leidenschaft: Gemeinsam mit dem Erbprinzen Karl Friedrich von Hohenzollern brachte Merckle seit 1989 die Fürstlich Hohenzollernsche Werke Laucherthal wieder in Schwung, ein fast 300 Jahre altes Metallwarenunternehmen mit heute 2400 Mitarbeitern und 300 Millionen Euro Umsatz. „Der Fürst hat einen Gesellschafter gesucht, und zwar einen Unternehmer“, sagt Merckle selbstbewusst über sich. 

Zu den gesammelten Werken des gebürtigen Dresdners zählt auch die sächsische VEM-Gruppe, die unter anderem Motoren herstellt. Merckle wollte sich beim Aufbau Ost engagieren und kaufte der Treuhand die Betriebe ab, die ansonsten stillgelegt worden wären. 2002 wies die Gruppe, die unter anderem Motoren herstellt, pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum, erstmals seit der Wende ein positives Ergebnis aus. 

„Wir mussten noch nie Mitarbeiter entlassen“, sagt Merckle stolz, „Stellenabbau ist eine unangenehme Sache, das würde mich sehr belasten.“ Ein gutes Betriebsklima ist ihm wichtig. 

Bei ehemaligen Geschäftspartnern, Managern und Aktionären ist Merckles Image allerdings weniger gut. „Mehrere Kollegen haben mich in letzter Zeit gefragt, ob man denn mit Merckle überhaupt klar kommen kann“‘, bestätigt Michael Holzbaur, seit 1995 Geschäftsführer bei den Fürstlich Hohenzollernschen Werken Laucherthal diese a Vorbehalte. Nach acht Jahren Zusammenarbeit aber weiß Holzbaur, worauf es seinem Arbeitgeber ankommt: „Adolf Merckle ist sehr kritisch, es dauert länger, bis man seine Achtung hat. Man muss dafür über längere Zeit zeigen, dass man charakterlich in Ordnung ist und gute Zahlen schafft.“ 

Wohl deshalb geriet Merckle häufig mit seinen Führungskräften aneinander – bei Ratiopharm, Phoenix oder, wie jüngst, bei Kässbohrer. Oft gab es Streit oder sogar Prozesse um Darlehen, Pachtverträge oder Stimmrechte. Immer geht es im Kern darum, wie er seine Macht im Unternehmen ausbaut. Merckle tarnt und trickst. Und triumphiert am Ende immer. 

So auch bei Kässbohrer, wo er seit 1999 zu einem Viertel beteiligt ist. Dem begeisterten Alpinisten und Skifahrer musste keiner erklären, wozu die roten Kässbohrer-Pistenbullys gut sind: Geländefahrzeuge, die Skipisten und Loipen präparieren. Kässbohrer ist in dem Geschäft Weltmarktführer. Das Unternehmen hat Merckle einmal als sein Hobby bezeichnet. Wie er Hobbys betreibt – nämlich mit viel Leidenschaft – zeigte sich auf der Kässbohrer-Hauptversammlung. 

Ende März 2003: Adolf Merckle sitzt in der ersten Reihe im Saal des Schlosses Großlaupheim. Er hört den Applaus für den Vorstandschef. Hendrik Grobler hat den Weltmarktanteil von Kässbohrer auf über 50 Prozent ausgebaut, neue Produkte eingeführt und 25 Millionen Euro in einen Neubau investiert, um die Produktion an einem Ort zu konzentrieren. Dem sparsamen Merckle ist das viel zu teuer. Und er sagt offen, was er denkt: Grobler habe den Kässbohrer-Gewinn innerhalb von zwei Jahren halbiert, der Umsatz sei zurückgegangen. Als zuständiger Vertriebs-vorstand habe Grobler sich zu wenig um die Kunden gekümmert, und es mangele ihm an Kostenbewusstsein. „Kässbohrer ist Ihr Unternehmen, Herr Merckle, aber ich lasse mich nicht als Verschwender darstellen“‘, entgegnet Grobler auf die Attacken seines Großaktionärs, verweist auf die schwache Konjunktur, die Investitionen in die Zukunft. 

Den Vorstandschef will Merckle loswerden. Darüber muss der Aufsichtsrat allerdings einstimmig entscheiden. Zwei der drei Kontrolleure hat Adolf Merckle ohnehin auf seiner Seite – seinen Sohn Ludwig und Susanne Frieß, die unter anderem als Geschäftsführerin bei Ratiopharm arbeitet. Bleibt noch Otmar Weigele, Chef der Kreissparkasse Biberach, die mit knapp 40 Prozent der Anteile größter Kässbohrer-Aktionär ist. Gegen Weigele tritt Adolf Merckle nun persönlich als Gegenkandidat an, um ihn aus dem Aufsichtsrat zu drängen. „Die Kreissparkasse ist nicht der richtige Partner für Kässbohrer“, argumentiert er: „Herr Weigele verfolgt das Konzept, Beteiligungen zu erwerben, dann in der Hauptversammlung und außerhalb lästig zu werden und zu prozessieren, um einen überhöhten Preis für seine Anteile zu erzielen. So hat er es etwa bei der DSL Holding gemacht.“ Tatsächlich gibt es schon Hinweise, die Kreissparkasse Biberach wolle sich auch von Kässbohrer-Anteilen trennen. 

Adolf Merckle überzeugt genügend Anteilseigner und gewinnt die Wahl zum Aufsichtsrat. Weigele, der letzte Merckle-Gegner, fliegt raus. Und Groblers Entlassung durch den neuen Aufsichtsrat, der im Anschluss an die Hauptversammlung tagt, ist nur noch eine Formsache. „Cowboy-Kapitalismus“, schimpft der Aktionär Matthias Gräbler, von einem „einmaligen Akt“ spricht Rainer Schad von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. 

In Kürze will nun das Landgericht Ravensburg klären, ob bei den Abstimmungen alles korrekt zugegangen ist. Denn Merckle hatte nur 24,98 Prozent der Aktien auf seinen Namen angemeldet, seine Vorschläge erhielten bei dem gut besuchten Aktionärstreffen jedoch regelmäßig die Mehrheit. Die Kreissparkasse Biberach reichte Klage ein: Sie verdächtigt Merckle, er habe die anderen Aktionäre über seinen wahren Einfluss getäuscht. Denn Merckle konnte auf Sympathisanten zählen: Stimmberechtigt war etwa die Sexta GmbH, die etwa zehn Prozent der Kässbohrer-Anteile hält und dem Merckle-Clan gehört. Der Stuttgarter Anwalt Martin Schockenhoff, der Merckle verbunden ist, hält ebenfalls etliche Anteile. Geholfen haben wahrscheinlich auch Banker aus der Region – so verfügt die Commerzbank über ein größeres Paket. 

Dass Merckle Mehrheiten geschickt für seine Interessen organisiert, bewies er schon bei der Gründung des Apothekenlieferanten Phoenix. Zu Beginn der Neunzigerjahre besaß der Multiunternehmer einige Minderheitsbeteiligungen an kleineren Pharmagroßhändlern. In deren Vorständen platzierte er nach und nach Manager seines Vertrauens und erreichte, dass die Unternehmen ihren Geschäftsbetrieb – gegen Pachtentgelte und Gewinnausschüttungen – auf die Phoenix Pharmahandel AG übertrugen. Phoenix gehört mehrheitlich der Merckle-Familie – die ehemals eigenständigen Gesellschaften spielen kaum noch eine Rolle. 

„Mit den Pachtverträgen wurden die Kleinaktionäre um ihr Vermögen gebracht“, kritisierte damals der Würzburger Professor Ekkehard Wenger Merckles Phoenix-Strategie. Und der Aktionärsvertreter Ulrich Steinharter unkte: „Es ist auffällig, dass die Gesellschaften des Merckle-Imperiums, die noch freie Aktionäre haben, rote Zahlen schreiben. Gesellschaften, an denen Merckle mehrheitlich beteiligt ist oder alle Anteile hält, werfen dagegen Gewinne ab.“ 

Wirtschaftlich richtig war die Phoenix-Gründung allemal. Die Branche konzentriert sich auf wenige Unternehmen. Kleineren Anbietern fällt es schwer, im Geschäft zu bleiben. Mit 28 Prozent Marktanteil ist Phoenix Deutschlands größter Medikamentenhändler und die Nummer zwei in Europa. Dem Mannheimer Unternehmen gehören Apotheken in mehreren europäischen Ländern. Im laufenden Geschäftsjahr soll der Konzernumsatz um fünf Prozent zulegen, das Ergebnis will Vorstandschef Bernd Scheifele in den schwierigen Zeiten des Gesundheitsreformgesetzes halten oder sogar leicht ausbauen. 

Eine ähnliche Erfolgsstory ist Ratiopharm – und auch hier gab es Ärger bei der Gründung. „Ratiopharm ist mein Kind“, sagt Merckle und strahlt über das ganze Gesicht. Er hat es zumindest großgezogen – denn die Idee, wie in den USA Medikamente mit abgelaufenem Patentschutz, so genannte Generika, nachzubauen und preiswerter anzubieten, hatte zu Beginn der Siebzigerjahre sein damaliger Verkaufsdirektor Alfred Stulz, der gemeinsam mit Merckle 1973 Ratiopharm gründete. Das Verhältnis der beiden Pioniere war gespannt. Merckle unterstellte Stulz, er habe die neue Firma ursprünglich allein starten wollen und ihn erst aus Geldmangel mit ins Boot geholt: „Sie haben diese Gesellschaft während ihrer Tätigkeit bei (der Pharmafirma) Merckle hinter meinem Rücken vorbereitet. Mir wurde erst später klar, wozu Sie von der Produktion die ganzen Kalkulationen und andere Unterlagen gebraucht hatten“, schrieb Merckle später an Stulz. Nach außen vertrat Stulz das Unternehmen, überwarf sich aber bald mit Merckle, der Stulz’ Anteile 1974 übernahm. Merckle warf Stulz Managementfehler vor – der wiederum behauptete, sein Exarbeitgeber habe ihn mit Forderungen aus Geschäfts- und Privatdarlehen in die Enge getrieben. 

Merckle führte Ratiopharm dann selbst – mit Erfolg. Seit den Achtzigerjahren setzt sich die Idee von den preiswerten Medikamenten immer mehr durch. Mittlerweile erwirtschaftet der führende deutsche Generika-Hersteller 931 Millionen Euro Umsatz, beschäftigt über 2000 Mitarbeiter in 23 Ländern. „Bis 2005 soll der Umsatz zwei Milliarden Euro erreichen“, sagt Geschäftsführer Claudio Albrecht. Er kam vom Pharmakonkurrenten Novartis und führt bei Ratiopharm nun moderne Konzernstrukturen, zeitgemäßes Kundenmanagement und Länderberichte nach IAS-Standard ein. 

Albrecht wurde von Ludwig Merckle, dem ältesten Sohn des Seniors, engagiert. Während sich Vater Adolf um Vermögen und Beteiligungen kümmert, zeichnen Ludwig und sein Bruder Philipp für das Medikamentengeschäft verantwortlich; die beiden jüngeren Geschwister Tobias und Jutta a arbeiten kaum in Vaters Unternehmen. Ludwig und Philipp sind Geschäftsführer der Ratiopharm-Mutter Merckle GmbH, gemeinsam mit Albrecht führt Ludwig den Pharmahersteller und internationalisiert ihn: Die Zahl der Auslandsniederlassungen hat er in fünf Jahren verdoppelt; bald könnte Ratiopharm jenseits der deutschen Grenzen Generika entwickeln und produzieren. 

Der Familienpatriarch hat seine Nachfolge rechtzeitig geregelt. An der Unternehmenskultur ändert das nichts. Der studierte Wirtschaftsinformatiker Ludwig, 38, und der promovierte Apotheker Philipp, 37, bleiben dem Stil der Eltern – sozial und sparsam – treu. Die 2200 Pharmamitarbeiter behandeln sie „korrekt, auch fürsorglich, aber nicht besonders großzügig“, sagt Ratiopharm-Betriebsrat Karl Knopp. Gezahlt wird nach Chemie-Tarifvertrag – und kaum darüber hinaus. Die Regelung zur Altersteilzeit setzten die Merckle-Firmen frühzeitig um, stocken den Unternehmeranteil aber um keinen Cent auf. Lieber gewähren sie Vergünstigungen, die als Geschenk der Unternehmerfamilie empfunden werden sollen. So ließ es sich Ludwig Merckle im vergangenen Jahr nicht nehmen, den Mitarbeitern während der Weihnachtsfeier eine Jahresprämie persönlich anzukündigen. 

Ludwig hat in geschäftlichen Dingen das letzte Wort. Bruder Philipp, zuständig für Forschung, Entwicklung und den Vertrieb innovativer Produkte, kümmert sich auch um soziale Belange. Damit Mütter Beruf und Familie besser vereinbaren können, gibt es bei Ratiopharm flexible Arbeitszeitregelungen. Der Frauenanteil liegt bei 60 Prozent; in der achtköpfigen Geschäftsführung finden sich drei Frauen. In einem Kindergarten, dessen Ausbau die Firma finanziert hat, stehen für die Mitarbeiter subventionierte Plätze zur Verfügung. 

Philipp Merckle, ein freundlich-schüchterner junger Mann, der einen betagten BMW-Kombi fährt und kein Aufhebens von sich macht, erzählt gern von internen Skimeisterschaften und dem jüngsten Betriebsausflug mit 26 Bussen nach München: „Menschen sind ein anderes Kapital als Börsenkapital“, sagt er mit leiser Stimme. 

Arbeit soll bei Merckles Freude machen: Bei Ratiopharm in Ulm und in Blaubeuren hat Adolf Merckles Ehefrau Ruth einen Skulpturenpark aufgebaut. In Büros und Produktionshallen hängt moderne Kunst; aus einem Fundus von 4000 gesammelten Werken kann sich jeder Mitarbeiter passende Bilder für das Büro aussuchen. Merckle-Unternehmen unterstützen zudem zahlreiche soziale Projekte, zum Beispiel die Entwicklungshilfeorganisation „Menschen für Menschen“. Deren Gründer Karlheinz Böhm haben die Eheleute Merckle bei einem Afrikatrip kennen gelernt. 

Während Adolf sich auf das Geschäftliche konzentrierte, galt Ruth, eine gelernte Krankengymnastin, als Seele des Unternehmens. Sie engagierte bei Ratiopharm eine ehemalige Theologin, die Mitarbeiter bei persönlichen Problemen berät. „Teilzeit muss auch für leitende Positionen möglich sein“, sagt sie. Statussymbole sind verpönt: Alle bei Ratiopharm haben die gleiche Büroausstattung, denn „ein kluger Kopf“, so Ruth Merckle, „zeigt sich nicht in den Möbeln, die ihn umgeben“. 

Auch außerhalb des Unternehmens meldet sie sich zu Wort: So saß sie acht Jahre im Vorstand des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer – der AEU gehören inzwischen auch Ludwig und Philipp an. Derzeit arbeitet Ruth Merckle, die 2002 aus der Geschäftsführung ausschied, für eine Hospizgruppe, die Sterbende begleitet. 

Das kirchliche Engagement hat Tradition: Schon der Großvater Adolf Merckles, der 1881 im böhmischen Aussig den Betrieb namens „Adolf Merckle Chemikalien en gros“ gründete, gehörte dem Presbyterium der evangelischen Gemeinde an. Dessen Sohn Ludwig erweiterte den Medikamentenhandel um eine pharmazeutische Fabrik. Er wurde 1945 enteignet, floh in die Heimat seiner Frau, nach Blaubeuren, und gründete das Unternehmen neu. Auf der ersten Etage der Merckle-Produktionshallen wird die Tablettenpresse in Ehren gehalten, die in der Stunde null den Neuanfang ermöglichte. 

Adolf Merckle hatte nie ein Kirchenamt inne, heiligt aber den Sonntag. „Das Religiöse ist Basis für Merckles Handeln, aber er ist kein Frömmler“, sagt sein Freund Berthold Leibinger, Eigentümer des Maschinenbauers Trumpf. Selbst ein Merckle-Gegner, der ungenannt bleiben möchte, gesteht ihm zu: „Er ist ein ehrenwerter Mann, der lügt nicht.“ Leibinger schätzt Merckles Tüchtigkeit, „seine Bescheidenheit, seine Hartnäckigkeit und die Bestimmtheit im Grundsätzlichen“. 

Der einzige auffällige Luxus, den sich Adolf und Ruth Merckle gönnen, sind Fernreisen. Im vergangenen Winter waren sie zum Helikopter-Skiing in Kanada, jedes Jahr unternehmen sie mit dem Alpenverein Ulm Treckingtouren in alle Welt. Seit 1979 haben sie neun Sechstausender und 24 Fünftausender bestiegen. „In den Bergen sammle ich Kraft für meine Arbeit“, sagt Merckle. Der 69-Jährige fühlt sich rundherum fit: „In den vergangenen Jahren habe ich keine einzige Pille geschluckt“ – sagt ausgerechnet der Mann, der mit Medikamenten ein Vermögen gemacht hat. 

Jürgen Salz/Harald Schumacher 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%