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aktien Ans Herz legen

Übernahmefantasie und Gewinnzuwächse: Die Aktienkurse der Medizintechnikanbieter steigen. Welche Papiere interessant sind. 

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Als Gemeinderat Thomas Steiner den Taschenrechner beiseite legte, konnte er nur noch eine Brandrede halten. „Die Übernahme der Firma Mathys könnte uns einen Strich durch die Investitionsrechnung machen“, verkündete er Ende August seinen Ratskollegen der Gemeinde Bettlach. Dann ist es mit der Idylle im Schweizer Kanton Solothurn wohl vorbei. Mathys Medizinaltechnik ist einer der größten Steuerzahler des 4810 Seelen zählenden Ortes. 

Jetzt greift die börsennotierte Synthes-Stratec nach dem Goldesel. 1,5 Milliarden Schweizer Franken (970 Millionen Euro), davon eine Milliarde in bar, bietet Synthes-Stratec den Aktionären rund um die Familie Mathys, um die Führung auf dem Weltmarkt für Produkte zur Behandlung von Knochenbrüchen (Osteosynthese) und in der Wirbelsäulenchirurgie zu übernehmen. Während den Bettlachern der Schweiß ausbricht, stoßen sich die Synthes-Stratec-Aktionäre an der Offerte schon jetzt gesund. Kaum wurde sie publik, schnellte der Kurs fast aufs Allzeithoch. 

Nicht nur Synthes-Stratec-Titel bewegen sich in luftigen Kurshöhen. Angestoßen von der jüngsten Börsenerholung und getrieben von Übernahmefantasie, steigen die Kurse der Medizintechniker seit Monaten. Dabei sind die Unternehmen keinem plötzlichen Kaufrausch erlegen. Sie folgen kühlem Kalkül, wollen über Fusionen und Aufkäufe Konkurrenten aus dem Feld schlagen, ertragreiche Nischen besetzen und in der Wachstumsbranche noch schneller als die Konkurrenz bei Umsatz, Gewinn und Kurs zulegen. „Die Neuordnung dieser Branche ist ein fortlaufender Prozess“, sagt Patrick Laager, Analyst beim Schweizer Bankhaus Sarasin. 

So will die amerikanische Zimmer Holdings die Schweizer Centerpulse komplett schlucken – für 3,3 Milliarden Dollar. 90 Prozent hat sie schon und kann so zum größten Orthopädieanbieter der Welt aufsteigen; erhoffter Jahresumsatz etwa zwei Milliarden Dollar. Kein Wunder, denn die Orthopädie ist eine Goldgrube: Der menschliche Knochenapparat ist seit Urzeiten auf 40 bis 50 Jahre Lebensdauer ausgelegt. Dank der steigenden Lebenserwartung muss er anschließend jahrzehntelang in Schuss gehalten werden. Die Anleger freut’s, der Centerpulse-Kurs hat sich seit seinem Tief Ende 2001 glatt verzehnfacht, Zimmer-Papiere notieren auf Allzeithoch. 

Auch kleinere Aufkäufe bewegen den Markt. Die EU billigte Anfang September den Einstieg von General Electric beim finnischen Medizingerätehersteller Instrumentarium. Der Kurs der Finnen hat seit seinem Tief 250 Prozent zugelegt. Selbst Kurse unspektakulärer Unternehmen wie dem Dienstleister Cardinal Health ziehen stark an. Die Papiere der wichtigsten Medizintechnikspieler bewegen sich schon wieder nahe oder auf Rekordniveau. Der Rest des Aktienuniversums dümpelt derweil: Dax, S&P 500 und Co. liegen dagegen mit 33 bis 55 Prozent Verlust seit Top meilenweit unter ihrem Zenit (siehe auch Chart Seite 132). 

Chancen auf Sicht mehrerer Jahre bietet sich Anlegern in der Medizintechnik. „Die Industrie wächst mit acht bis zehn Pro- a zent jährlich“, sagt Sarasin-Analyst Laager. „Die steigende Lebenserwartung macht sie unabhängig von Konjunkturzyklen. Die Branche war deshalb schon immer bei Investoren beliebt und teuer“, so Laager. Die mit dem steigenden Alter verbundenen immer teureren Geräte für Vorsorge- und Diagnostikuntersuchungen sichern der Branche dauerhaftes Wachstum. Dabei kommt der Medizintechnik – ganz im Gegenteil zur Pharmaindustrie – der Druck der Industrienationen, im teuren Gesundheitswesen zu sparen, sogar entgegen. Neue Techniken und ein Komplettprogramm von der Diagnose über die Überwachung bis zur Rehabilitation aus der Hand eines Anbieters erlauben es Praxen und Kliniken weltweit, effizienter zu arbeiten. Für Wellness, schonende Behandlungsmethoden und Schönheitschirurgie greifen die Bürger auch freiwillig ins eigene Portemonnaie. Zur Freude der Medizintechniker, besonders der amerikanischen: 35 der 50 größten Unternehmen stammen aus den USA. 

Weltweit wuchs die Medizinindustrie von 1990 bis 2000 jährlich im Durchschnitt so um 3,3 Prozent – und damit um 50 Prozent schneller als das Bruttoinlandsprodukt der OECD-Staaten, das nur 2,2 Prozent zulegte. Insgesamt setzen die Medizintechniker global derzeit gut 150 Milliarden Dollar pro Jahr um. Auch weil die aufstrebenden asiatischen Nationen mögliche härtere Kosteneindämpfungen westlicher Industrienationen voraussichtlich auffangen werden, gehen Experten von unverändert hohen Wachstumsraten aus. Trotzdem bieten nicht alle Unternehmen Perspektiven für Anleger. „Die Firmen haben sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle und Gewinnmargen“, sagt Alexander Burger, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). „Anleger müssen deshalb jedes Unternehmen unter die Lupe nehmen.“ 

Die Kriterien: „Beispielsweise sind die technologiegetriebenen Firmen an der Börse besonders teuer. Distributoren und Dienstleister wie auch Cardinal Health sind deutlich billiger, weil die Wachstumsfantasie fehlt“, sagt Analyst Laager. So sind US-Unternehmen wie der Vertreiber von Medizinprodukten McKesson oder der Krankenversicherer Wellpoint wesentlich niedriger bewertet als Produktforscher und -entwickler (siehe Tabelle). Doch selbst bei gewinnträchtigen Unternehmen mit zukunftsweisenden Geschäftsmodellen stellt sich die Frage, ob die Kursavancen inzwischen übertrieben sind. Teuer sind derzeit besonders die Aktien der Marktführer aus der Schweiz und den USA. So bezahlt die Börse für den breit aufgestellten Weltmarktführer Medtronic bei einem Jahresumsatz von knapp acht Milliarden Dollar mehr als 60 Milliarden Dollar. Medtronic wächst mit 20 Prozent pro Jahr doppelt so schnell wie die Branche. Zuletzt erzielte der Konzern eine beeindruckende Nettogewinnmarge von 21,8 Prozent. Ein Vergleich unter Weltmarktführern: SAP, Nummer eins bei der Unternehmenssoftware, schaffte jüngst 13,4 Prozent. 

Doch selbst hohe Wachstumsraten und üppige zweistellige Nettorenditen rechtfertigen Kurs-Umsatz-Bewertungen zwischen 6 und 8 sowie Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 25 bis 50 bei Firmen wie Medtronic, Boston Scientific oder Synthes-Stratec kaum noch. Erst Rückschläge von mehr als 30 Prozent bieten Anlegern bei den Marktführern wieder Gewinn versprechende Einstiegschancen. 

Deutlich günstiger sind die Aktien der deutschen Konkurrenz. Das liegt am schwachen Marketing und am – international betrachtet – margenschwachen Geschäft. So zog der deutsche Anlegerliebling Drägerwerk im vergangenen Halbjahr nur 34,2 Millionen Euro Nettogewinn aus 616 Millionen Euro Umsatz – eine Marge von nur 5,5 Prozent. Immerhin, denn vor einem Jahr lag sie noch bei 1,8 Prozent. Allerdings sollten Anleger berücksichtigen, dass im Halbjahr Sondererträge von 20 Millionen Euro den Gewinn aufpolierten. Weil das Lübecker Unternehmen aber auch mit seinem Kerngeschäft der Medizin- und Sicherheitstechnik wieder mehr Gewinn macht, ist es „trotz des starken Kursanstiegs noch relativ günstig“, sagt LBBW-Analyst Burger. Aber: „Investoren stoßen sich an den uninteressanten Vorzugsaktien und der eher schwachen Qualität der Berichterstattung. Das hemmt den Aktienkurs.“ 

Auch bei Sartorius, Laborwaagenspezialist und Zulieferer für die Pharma- und Biotech-Industrie, belasten eine ungünstige Aktionärsstruktur sowie zwei Aktiengattungen den Kurs. Doch ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von nur 0,25 und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von sieben für 2004 lassen Luft nach oben. Das hat die Börse bereits erkannt: Die an der Börse liquideren Sartorius-Vorzugsaktien haben sich seit ihrem Jahrestief schon verdoppelt. „Sartorius hat bisher die Kosten zu Gunsten des Umsatzes vernachlässigt. Künftig wird das Unternehmen mehr Wert darauf legen, auch den Gewinn zu steigern“, begründet Marc Schwammbach, Analyst bei der Norddeutschen Landesbank den Kurs-aufschwung. Doch nicht Werte aus der zweiten Reihe schmücken den Kurszettel deutscher Medizintechnikaktien. 

Mit Fresenius Medical Care (FMC) spielt seit Jahren ein Vertreter der Branche in der ersten Börsenliga, dem Dax, mit. Im ersten Halbjahr verdiente der Weltmarktführer für Dialyse bei einem um neun Prozent gestiegenen Umsatz auf 1,37 Milliarden Dollar ein um acht Prozent verbessertes Ergebnis vor Steuern und Zinsen von 184 Millionen Dollar. Nicht zuletzt die optisch guten Zahlen rissen die FMC-Aktie von ihrem Zwölfmonatstief um 160 Prozent nach oben. Wermutstropfen: „Anleger sollten beachten, dass die Zuwächse zuletzt auch währungsbedingt waren, da FMC in Dollar bilanziert und deshalb von der Dollar-Schwäche nicht betroffen war“, so LBBW-Analyst Burger. So halten die meisten Experten die FMC-Aktie aktuell fair bewertet. 

Investoren, die bei Kursrücksetzern von Medizintechnikaktien nicht nur auf ein Papier setzen wollen, bietet sich am deutschen Markt die BB Medtech an. Die Schweizer Beteiligungsholding, als Zertifikat börsennotiert, kauft sich in aussichtsreiche Medizintechniker ein. Mit 69 Prozent größte Position im Portfolio ist der schwedische Weltmarktführer für Dentaltechnik Nobel Biocare, der im ersten Halbjahr bei einem Umsatz von 165 Millionen Euro 31 Millionen Euro Nettogewinn machte. Topzahlen, die sich Nobel Biocare an der Börse teuer bezahlen lässt: Mit dem fünffachen Umsatz und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 32 für 2003. Damit verhält es sich mit einer Investition in BB Medtech, das neben den Schweden noch nennenswerte Anteile an Drägerwerk und Synthes-Stratec hält, nicht anders als mit der Medizin im Allgemeinen: Keine Offerte ohne Risiken und Nebenwirkungen. 

Christof schürmann 

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