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DRESSCODE Jacke wie hose

Die Deutschen legen wieder mehr Wert auf stilvolle Geschäftskleidung – zum Glück: International fallen hiesige Manager mit allzu legerem Outfit bisher eher negativ auf. 

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Der alte Mann und sein Mantel. Columbo, Held der gleichnamigen Fernsehserie, sah so aus, als ziehe er seinen zerknautschten Trenchcoat nicht einmal zum Duschen aus. Hauptdarsteller Peter Falk höchstpersönlich hatte das gute Stück für sein kriminalistisches Alter Ego gekauft – und damit der scheinbar schusseligen Spürnase ihr wichtigstes Accessoire verpasst: Hinter dem verlotterten Stumpenraucher verbarg sich ein blitzgescheiter Ermittler, den die Verdächtigen erst dann für voll nahmen, wenn die Handschellen klickten. 

Bei dem TV-Inspektor hatte es Methode, die Erwartungen der Umwelt zu unterwandern. Im Geschäftsleben taugt die Strategie nicht. Im Gegenteil: Sie ist brandgefährlich. Zusammen mit dem Habitus prägt die Kleidung zu 55 Prozent den ersten Eindruck. Und der entscheidet häufig über Fortune oder Fiasko einer Geschäftsanbahnung. Vor allem im internationalen Business gibt es zahlreiche Moderegeln, auf die nationale Partner großen Wert legen. Besonders Deutsche fallen dabei immer wieder mit allzu legerer Kleidung negativ auf. 

Dunkler Anzug, schwarze Schuhe für Herren; dezentes Kostüm und flache Absätze bei den Damen – auch wenn der Businesslook auf den ersten Blick einheitlich scheint: Einen global universellen Dresscode gibt es nicht. Die Detailanforderungen variieren von Land zu Land – seien es Farben, Codes für gesellschaftliche Anlässe oder schlicht die Rocklänge oder das Krawattenmuster. So warnt beispielsweise die auf internationale Personaldienstleistungen spezialisierte ICUnet aus Passau, in Großbritannien die jetzt wieder modernen, gestreiften Krawatten nur mit Bedacht zu tragen: Bestimmte Farbkonstellationen zeigen auf dem Eiland oft die Zugehörigkeit zu einzelnen Clubs oder Regimentern an. 

Wie entscheidend die korrekte Kluft ist, weiß auch Rolf Daufenbach, Asienexperte und Trainer beim Institut für Interkulturelles Management in Rheinbreitbach. „Die Deutschen haben zwar den Kapitänslook– dunkles Sakko mit Goldknöpfen und helle Hose – inzwischen abgelegt“, sagt Daufenbach. Dafür treten die Auslandsmanager umso kräftiger in ihrer Freizeit in den Fettnapf: „Unter der Woche tragen sie feine Anzüge, am Wochenende aber gehen sie in Shorts und Schlappen einkaufen. Asiatische Geschäftspartner, die ihnen beim Bummel begegnen, empfinden das als respektlos.“ Auch Frauen müssen in Asien aufpassen: „Dort sind zwar zuweilen die Röcke atemberaubend kurz, dafür sollten die Oberteile bis zum Nacken hoch geschlossen sein.“ 

Diese diversen Kleiderregeln sind kein modischer Firlefanz. Kleidung dokumentiert die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Wer mit der Mode geht, betont das Gemeinsame, nicht das Trennende, den Gleichklang, nicht den Konflikt. Umgekehrt: Wer sich nicht dem herrschenden Dresscode beugt, wird untypisch, drückt Individualität aus – und erzeugt so atmosphärische Störungen. Stimmung und Vertrauensbasis werden empfindlich gestört. 

Das klingt nur banal, und wird von Deutschen deshalb offenbar oft mit trivial verwechselt. Vielen Managern hier zu Lande sind Stilregeln oder eine bequeme Garderobe Jacke wie Hose: Kurzarmhemden, bunte Socken zum Budapester oder die international geächtete Micky-Maus-Krawatte haben hier noch immer freien Auslauf. Was in Deutschland schon schlecht ankommt, gleicht im Ausland einer Katastrophe. „Falsche Kleidung ist nicht nur peinlich, sie wirkt auf Einheimische mitunter beleidigend“, warnt Margarete Payer, Professorin für Internationale Kommunikationskulturen an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Denn in den meisten Ländern sind die persönliche Wertschätzung und das aufgebaute Vertrauen ausschlaggebend für die spätere Geschäftsbeziehung. Unpassende Kleidung signalisiert dem Gegenüber dann vor allem eins: Ich achte dich und deine Regeln nicht! 

Tatsächlich werden Kleiderregeln in einigen Ländern streng ausgelegt (siehe Berichte auf den folgenden Seiten). Vor allem Südeuropäer und Lateinamerikaner sind entgegen allen Urlaubsklischees penibel in Modefragen. Der Angelsachse wiederum schätzt Understatement: Zu zeigen, was man hat oder sich leisten kann, ist hier ein absolutes Tabu. In China dagegen ist das Label der teuren Anzugmarke sogar ein gern genutztes Smalltalkthema. 

Trotz nationaler Feinheiten – aktuell lässt sich zumindest ein klarer Trend ausmachen: Zurück zur Klassik. Nach dem Schnösellook der New-Economy-Ära achtet die Managerriege global wieder auf Stil und Etikette, wie die Berichte unserer Korrespondenten zeigen. Auch hier zu Lande dringt der Trend durch. Vor allem der Nachwuchs schätzt neuerdings konservative Kleidung, so das Ergebnis einer Umfrage des Sammelwerks „Stil & Etikette“. Die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen legt demnach den größten Wert auf traditionelle Berufskleidung. „Es geht zurück zum Formellen“, bestätigt auch Siegfried Jacobs, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des deutschen Textileinzelhandels. 

„Eine normale Entwicklung“, findet die Modeexpertin Birgit Gebhardt vom Hamburger Trendbüro. Denn Mode spiegelt immer den wirtschaftlichen Tenor einer Gesellschaft. Und in unsicheren Zeiten sind die Kleider „automatisch konservativer“. a 

CAROLYN BRAUN 

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