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friedrich und hans berentzen Die Retter von Haselünne

Der Nagekäfer (lateinisch: „Xestobium Rifovillosum“) geht ganz schön tief rein. Mehr als 440 Jahre hatten die Holzbalken in dem historischen Bauernhaus im emsländischen Städtchen Haselünne gehalten. Doch dann höhlte der Winzling, angezogen von langer Feuchtigkeit und Pilzsporen nach einem Hochwasser, das Holz teilweise völlig aus. „Ja“, bekennt Friedrich Berentzen, „ich stand mit Tränen in den Augen davor.“ 

Eigentlich ist der, der da weinte, für harte Sachen bekannt. Mit Bruder Hans Berentzen (im Foto links) erfand er 1976 den Apfelkorn, den süffigen Dröhner aus Korn und Apfelsaft. Die 1758 von Ururururgroßvater Johann gegründete heutige Berentzen AG ist Deutschlands letzte überwiegend in Familienhand liegende große Massenschnapsfabrik. Von Wacholdergeist (Doornkaat) über Wodka (Puschkin) bis Rum (Hansen) strotzt das Sortiment nur so vor Hochprozentern. 

Am Firmensitz aber, ihrem Wohn- und Geburtsort Haselünne, werden die zwei Brüder nicht wegen ihrer Sorgenbrecher, sondern als Förderer, ja als Retter der mehr als 1000 Jahre alten 13 000-Einwohner-Gemeinde am Flüsschen Hase verehrt. „Die Berentzens schaffen ihr Geld nicht in die Schweiz, sondern stecken es hier rein,“ sagt der scheidende Stadtdirektor Klaus Schütte. „Das tut der Stadt richtig gut.“ 

Ohne den mitfühlenden Friedrich, 75, der bis Anfang der Neunzigerjahre die Technik der Schnapsfabrik verantwortete und seit 1956 den örtlichen Heimatverein leitet, wäre der bauliche Kahlschlag in Haselünne, wie es in einem Sammelbändchen heißt, nie gestoppt worden. Mit Millionen aus der Firmen- und der Familienkasse kauften und restaurierten die Berentzens ortstypische historische Adelsdomizile (Burgmannshöfe) und nutzen sie als Hotel, Wirts- oder Gästehaus. Auch die Idee zur Umgestaltung acht alter Ackerbürger- und Bauernhäuser in ein Freilichtmuseum haben die Haselünner dem Alkoholclan zu verdanken. 

Weniger sichtbar, aber ebenso erfolgreich drückte Friedrichs Bruder Hans, 77, früher kaufmännischer Leiter des Unternehmens, der Gemeinde seinen Stempel auf. Als dem örtlichen, von Nonnen betriebenen Gymnasium die Schließung drohte, reiste er als Elternvertreter in die Landeshauptstadt Hannover und rang den Ministerialräten die Umwandlung in eine überregionale staatliche Schule ab. Und das katholische St.Vinzenz-Hospital muss nicht dichtmachen, weil Hans, seit 1956 Mitglied im Kuratorium, die Unterbringung einer neuen Abteilung erreichte. 

Das Gewicht in der Öffentlichkeit verdanken die beiden Schnapsbrenner nicht nur ihrem Geld und den rund 530 Arbeitsplätzen am Ort, sondern auch den Haselünnern. Denn sie wählen Angehörige der Familie seit fast einem halben Jahrhundert für die CDU in den Gemeinderat: von 1956 bis 1968 Hans, danach vier Jahre seine Frau Irene und von 1972 bis 1991 Friedrich Berentzen. Die gegenwärtige kommunalpolitische Speerspitze der Familie ist Margret Berentzen, die Gattin des gegenwärtigen Unternehmenslenkers Jan. Sie sitzt im Kreistag, vertritt den Landrat und leitet einen Initiativkreis „Familienfreundliche Stadt Haselünne“. 

Ob Kindergarten, Schule oder Tränen: „Wenn wir was machen,“ sagt Friedrich Berentzen, „dann für Haselünne.“ RB a 

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