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Musik „Kultur ist ein lebensmittel“

Der Starbariton Thomas Quasthoff über Schnulzen, Lieder, Klassikkrise und die Irrwege des Popmarketings. 

Herr Professor Quasthoff, Sie haben viel in Amerika konzertiert. Kann das deutsche Konzertpublikum von den Amerikanern etwas lernen? 

So, wie ich es erlebt habe, sind die Amerikaner, die klassische Konzerte besuchen, unvoreingenommener und begeisterungsfähiger. Das deutsche Publikum nimmt gewöhnlich für sich in Anspruch: Wir sind äußerst kultiviert, und es muss schon etwas ganz Besonderes passieren, bis wir uns von der Musik bewegen lassen. 

Braucht es zu dieser Berührbarkeit eine größere Unbefangenheit? 

Die Amerikaner identifizieren sich mit Orchestern, für die sie sehr viel privates Geld bezahlen. Ich habe das erst jetzt wieder erlebt, als ich im Januar mit den New Yorker Philharmonikern sieben Konzerte in zwei Wochen gegeben habe. Dieses wunderbare Orchester finanziert sich komplett über die Eintrittspreise und Spenden- beziehungsweise Sponsorengelder. Überraschendes Ergebnis: Die Beziehung der Konzertgänger zu den Musikern ist eng, herzlich und persönlich. Man trifft sich regelmäßig zu den „After-concert-meetings“, darüber hinaus sind Freundschaften entstanden. 

Spielt das Gefühl, ein besonderes gesellschaftliches Event zu erleben, eine Rolle? 

Nein, glamouröse Events gibt es in New York zuhauf. Ich glaube, die Konzertbesucher kommen, so naiv das klingen mag, tatsächlich aus Begeisterung für die Musik – direkt nach der Arbeit. Ob in Jeans oder feinem Zwirn, ist wurscht. Andererseits nimmt man sich das Recht, bei nicht so dollen Konzerten ohne Sentimentalität früh zu gehen. 

Hat Avantgardistisches bei diesem Publikum eine Chance? 

Ein Beispiel: Als Kurt Masur, Chefdirigent des Orchesters, zum 70. Geburtstag ein großes Werk von Hans Werner Henze uraufgeführt hat, war die Avery Fisher Hall im Lincoln Center bis auf den letzten der 3300 Plätze besetzt – dreimal! Versuchen Sie das mal in der Düsseldorfer Tonhalle oder im Münchner Herkulessaal. 

In Ihrer Autobiografie, die Sie zusammen mit Ihrem Bruder verfasst haben, nennen Sie es eine „zivilisatorische Errungenschaft“, dass die Musik in den USA ihren Platz als Teil des Unterhaltungsgewerbes hat, neben Hollywood und Basketball. Geht das nicht etwas weit? 

Das finde ich nicht, wir Sänger sind Entertainer, wenn man diesen Begriff nicht allzu eng versteht. 

Was machen Sie in Ihren Konzerten anders als andere Interpreten? 

In Amerika habe ich mir beispielsweise angewöhnt, als Zugabe Stücke von Cole Porter zu singen, der hier in Europa als seicht gilt, U-Musik eben, mit dem Hauch des Unseriösen. Aber das schert mich nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob seine Musik „schlechter“ ist als die von Schubert, Schumann, Brahms. Dass sie vielen Hörern offenbar gefällt, kann ich nicht schlimm finden. 

Dann müsste Ihnen doch so genannte Cross-over-Musik gut gefallen? 

Crossover ist ein schwacher Begriff dafür, dass ein klassischer Musiker sich in einem anderen Genre versucht – und zeigt, dass er damit nicht recht umgehen kann. Was zum Beispiel den von mir hoch geschätzten Cellisten Yo-Yo Ma getrieben hat, sich am Tango zu vergreifen, habe ich nicht begriffen. Und wenn ein guter Popsänger wie Michael Bolton Puccinis Arie „Nessun’ dorma“ verhunzt, bekomme ich noch schlimmere Halsschmerzen als er beim Singen. Es hat keinen Sinn, die Dinge zu vermischen, man muss sie auseinander halten und jeweils für sich richtig machen. Für gute U-Musik braucht es andere, keineswegs geringere Talente als für Schuberts „Winterreise“. 

Ein guter Liedinterpret unterscheidet sich vom Opernsänger dadurch, dass er den Text verständlich darbietet und ihn deutet. Erhöht das bei vertonter Lyrik den Genuss? 

In vielen Liedern geht es um Gefühle, die ich nicht nur mit Vibrato und Schmelz ausdrücken kann. Allerdings müssen wir Liedsänger ein musikalisch gebildetes Publikum voraussetzen, das ist wohl wahr. Deshalb sehe ich mit Sorge, wie in vielen Bundesländern, gerade auch bei mir zu Hause in Hannover, der Musikunterricht an den Schulen zusammengestrichen wird. Welche Konsequenzen das für die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler hat, mag ich mir gar nicht ausmalen. Aber Christian Wulff wird dafür noch seine Quittung bekommen. 

Gerhard Schröder, der prominenteste Vorgänger des niedersächsischen Ministerpräsidenten, hat auch nicht gerade einen exquisiten Musikgeschmack: Er brüstet sich mit seiner Vorliebe für die Rockgruppe Scorpions. 

Das ist leider wahr. Er kommt aber auch in meine Konzerte. Und eine schwarze Stelle darf jeder haben. Bitte: Das geht nicht gegen Popmusik allgemein, nur gegen Blödrock. Es gibt tolle Popmusik. Mit Prince oder Lyle Lovett würde ich gern einmal musizieren. 

Wenn es der Musik darum geht, die Gefühle der Zuhörer zu erreichen, zieht die zeitgenössische E-Musik gegenüber der Popmusik den Kürzeren. Es war Elton John, kein E-Musik-Komponist, der mit seiner Hymne auf die tote Lady Di alle Welt zu Tränen gerührt hat. 

Das hätte wohl auch kein E-Musik-Komponist geschafft, selbst wenn man einen gefragt hätte. Seit der Erfindung der Atonalität ist die E-Musik nur noch in Ausnahmefällen populär. Dabei ist es nichts Neues, dass eine bestimmte musikalische Sprache auf einmal nicht mehr nachvollziehbar ist. Bach wurde fast 100 Jahre ignoriert, galt mit seinem Kontrapunkt als zu rational und wurde nicht gespielt, bis Mendelssohn ihn 1829 wieder aufführte. Eine Musik, die an den Intellekt appelliert und das Gefühl nicht erreicht, kann nicht populär sein. 

Für Novalis war Musik Gemütserregungskunst... 

Ja, da hatte er und mit ihm die ganze Romantik wohl Recht. Mich erreicht die so genannte avantgardistische E-Musik nicht. a Dagegen muss ich nur die Fünfte Symphonie von Mahler hören: Wenn die Streicher im vierten Satz, dem berühmten Adagietto, einsetzen, fange ich schon an zu heulen. 

Hat das Publikum ein Recht auf Schnulze? 

Was betrachten Sie als Schnulze? Hoffentlich nicht jede Art von Sentimentalität. Aber wenn Sie die ärmliche Musik von Andrea Bocelli, Sarah Brightman und Andrew Lloyd Webber meinen sollten: Davon bekomme ich Pickel, und ein Menschenrecht auf solche Schnulzen gibt es sicher nicht. 

Und was ist mit Richard Strauss' „Allerseelen“, das Sie auch singen. Ist das kein Edelkitsch? 

Ich kann es nicht schnulzig oder kitschig finden, wenn man zu „Allerseelen“ antote Freunde denkt – vorausgesetzt, man singt das Lied richtig. Wenn man nurTante Hedwig in der dritten Reihe zum Weinen bringen will, ist das nicht schwer. Man muss nur an den entsprechenden Stellen den richtigen „Drücker“ in die Stimme bringen. Solche leeren Effekte kann ich nicht ausstehen. 

Die Basis für den Musikbetrieb in Deutschland ist immer das Bildungsbürgertum gewesen. Besteht nicht die Gefahr, dass diese Basis wegbricht? 

In den Metropolen sicher nicht: In Wien werden die Abonnements für die Konzertzyklen des Musikvereins vererbt. In Berlin müssen die Philharmoniker nicht um ihre Abonnements fürchten. Aber die Musikkultur in der Provinz ist bedroht. Deshalb regt es mich ja so auf, wenn ich von Streichungen in städtischen Kulturetats höre. Wir müssen uns klar machen, dass Kultur eben kein Luxus, sondern ein Lebensmittel ist, das zum Kern unserer Identität gehört. 

Wir haben 77 Opernbühnen in Deutschland... 

...ein schöner Weltrekord... 

...müsste man diesen Reichtum nicht zum Weltkulturerbe erklären? 

Ja. 

Und wo kommt das Geld her, um das zu schützen? 

Vom Bürger. Warum brüllt bei uns immer alles nach dem Staat? Anstatt herumzunölen, sollte sich jeder fragen: Was kann ich für mein Land tun? 

Aber mehr Bürgerengagement hieße auch, dass die Besucher der Staatstheater in Zukunft mehr ausgeben müssen als bisher über Abo oder Einzelpreise. 

Wenn man den Leuten klar machen könnte, dass Kultur etwas Schönes, Bereicherndes ist, dass sie einen ideellen Wohlstand bereithält, der nicht auf dem Konto liegt, dann wäre das Publikum auch bereit, mehr zu zahlen. Über welches Ausmaß an Mehrausgaben reden wir denn? Wenn der Opernbesucher statt 20 etwa 30 Euro Eintritt zahlt und dadurch eine Kulturinstitution bewahrt werden kann, frage ich mich, was daran so schlimm sein soll. 

Halten Sie es für möglich, dass die Bürger zur Abwechslung mal montags gegen die Schließung einer Oper demonstrieren? 

In Hannover gab es eine Demonstration, sogar in der Oper selbst. 

Und wo waren Sie da? 

Ich war dabei und habe eine Rede gehalten. 

Was haben Sie denn den Bürgern gesagt? 

Ich habe darüber gesprochen, welche Folgen die Kulturbeschneidung im Kleinen wie im Großen haben wird. Ich möchte jedenfalls keine Kinder in eine Welt setzen, in der es keine Musikschulen mehr gibt und stattdessen Jugendbanden alte Leute überfallen. 

Was schlagen Sie konkret vor? 

Ich gehöre zu denen, die sagen: Ich würde auf mein 13. Monatsgehalt als C-4-Professor sofort verzichten, wenn dadurch eine Musikschule gerettet werden könnte. Aber sagen Sie das mal laut an einer Musikhochschule. Dann heißt es sofort: Bist du verrückt? Ich hab einen Mercedes und eine Familie. Da werden eigene Pfründe geschützt. Wir sind ziemlich satt geworden. 

Der Klassikmarkt steckt in der Krise. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Umsätze zurückgehen? 

Wer hat schon ein Interesse daran, für die hundertste Aufnahme der Neunten von Beethoven Geld auszugeben. Es nütztauch nichts, dass man in die Marketing-kiste der Popbranche greift und einen Künstler optisch aufmotzt. Damit wirdsignalisiert: Ich traue ihm nicht genügend Künstlerschaft zu und muss ihn ander-weitig pushen. 

Muss die Branche kürzertreten? 

Mein Vertragspartner, die Deutsche Grammophon, hat mir 3 bis 4 CDs pro Jahr offeriert. Da hab ich gesagt: Das ist nett von euch, aber das mache ich nicht, weil diese CDs keiner kauft. Die Popbranche ist in einer noch viel schlimmeren Lage. Es gibt auf lange Frist kaum noch wirkliche Stars, alles wird immer austauschbarer. Darin liegt die große Chance für die klassische Musik. Die Plattenfirmen müssten nur erkennen, dass es Sänger gibt, die die Menschen erreichen durch ihre Stimme und Persönlichkeit. 

Michael Freitag/Christopher Schwarz 

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