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spezial wirtschaftsbücher Gee ig n e tes Vo r b i ld

In der Krise dominieren Karriereratgeber die Verlagsprogramme. Nur wenige der Bücher halten, was sie versprechen. 

In einer schnelllebigen Branche stand er 50 Jahre an der Spitze. Die Reichen und Mächtigen scharten sich um ihn, mit dem Präsidenten war er gut befreundet. Er hatte Affären mit den schönsten Frauen, und als er 1998 starb, hinterließ der Sohn eines sizilianischen Feuerwehrmanns ein Vermögen von geschätzt 800 Millionen Dollar. Die Antwort auf die Frage, wie er eine so glanzvolle Karriere schaffen konnte, gab Frank Sinatra selbst: „I did it my way.“ 

Das klingt einfach. Doch offenbar wissen nur wenige, wie es tatsächlich geht. Eine große Zahl Karrierewilliger sucht den ultimativen Weg nach oben und irrt durch die beruflichen Niederungen – oder durch die Bücherregale auf der Pirsch nach Fachliteratur. Das Interesse an Jobratgebern ist gerade in Zeiten eines auf allen Ebenen zunehmend unsicheren Arbeitsmarktes so groß wie schon lange nicht mehr. 

Das freut die auf Wirtschaftsliteratur spezialisierten Verlage, die in der aktuellen Konjunkturflaute sonst wenig zu lachen haben: Börsenbücher gehen derzeit so gut wie Mastgänse im Hochsommer, und auf den Laufsteg der Managementmoden hat sich seit Jahren kein neues Modell mehr gewagt. Die Zahl der Neuerscheinungen zu Wirtschaftsthemen ist entsprechend zurückgegangen: Zählte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Boomjahr 2000 noch fast 4500 Erstauflagen, waren es 2002 nur 3000. 

„Wenn Leser heute überhaupt einen Wirtschaftstitel in die Hand nehmen, erwarten sie auf das Wesentliche reduzierten Nutzen, den sie in ihrer Situation konkret umsetzen können“, sagt Britta Kroker, Programmleiterin bei Campus. Der Frankfurter Verlag hat sein Angebot zu Themen wie Führung und Selbstmanagement in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut und mit „Simplify Your Life“ einen der größten Genrehits gelandet. Der eher schlichte Mix aus Lebens- und Jobhilfe hat sich mittlerweile rund 300 000-mal verkauft. Der aktuelle Toptitel „Campus Management“, eine ehrgeizige Zusammenfassung des gesamten Managementwissens in zwei Bänden, soll dem Bedarf an knapper, unmittelbar anwendbarer Information entgegenkommen (siehe Rezension Seite 106). 

„Der Druck im Job hat deutlich zugenommen; die Leute haben das Gefühl, dass sie selbst etwas tun müssen, um Erfolg zu haben“, meint auch Jens Schadendorf, Programmleiter Wirtschaft bei Econ. Themen wie Work-Life-Balance zählen deshalb für ihn, neben aktuellen Debatten wie etwa den Reformen in Deutschland, weiter zu den besonders relevanten Gebieten. 

So bringen die Verlagshäuser regelmäßig Ratgeber auf den Markt, die zum Job, zum Aufstieg, zu Reichtum, Spaß an der Arbeit, einem Leben in Balance oder zur optimalen Kombination all dieser Elemente verhelfen wollen. Der Haken: So hoch der Anspruch, so enttäuschend ist oft der Inhalt. Viele Ratschläge sind altbekannt, zu allgemein oder zu abgehoben. Nur wenige bieten echten Nutzen (siehe Kasten). 

Das Kernproblem liegt in der Materie selbst: „Nur bei wenigen Faktoren ist tatsächlich bewiesen, dass sie die Karriere positiv beeinflussen. Und da gibt es seit Jahren nicht viel Neues“, sagt Wolfgang Mayrhofer, Karriereforscher und Managementprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Dieses Grundwissen sollten die Beschäftigten haben. „Ein Karrierebuch sensibilisert dafür, dass nicht nur die Leistung über den beruflichen Aufstieg entscheidet“, meint Mayrhofer. 

Über einmal entdeckte Faktoren wird schwadroniert bis zum Abwinken, lesenswerte Bücher gehen oft in Serie. Lothar Seiwert hat mittlerweile um die 50 Bücher zum Thema Zeitmanagement verfasst. Die Berliner Psychologen Jürgen Hesse und Hans-Christian Schrader bringen es gar auf gut 100 Bewerbungsratgeber. Das jüngste Beispiel für den Mechanismus liefert der Hildesheimer Marketingprofessor Jürgen Lürssen: Nachdem ihm mit „Die heimlichen Spielregeln der Karriere“ Ende 2001 ein Bestseller geglückt war, legte er mit „Knacken Sie die Karrierenuss“ nach und macht nun mit „So macht man Karriere“ die Trilogie der Wiederholungen komplett. 

Dass derartige Fließbandproduktion Qualität und Originalität nicht eben fördert, liegt auf der Hand. Dass viele Werke nur Allerweltslösungen für die Probleme des beruflichen Alltags offerieren können, ebenso. Wer im Buchladen einen Karriereratgeber in die Hand nimmt, sollte sich deshalb vor dem Gang zur Kasse zumindest drei Fragen stellen: 

Kann das Buch das Versprechen, das es gibt, überhaupt einlösen? Vorsicht ist vor allem bei Werken angebracht, die für sich in Anspruch nehmen, den Weg zum Lebensglück zu weisen. Sie enthalten fast ausschließlich Banalitäten. Die sind zwar meistens nicht falsch, hinterher ist man allerdings auch nicht viel schlauer als zuvor – aber rund 20 Euro ärmer. 

Trägt das Thema über 200 oder 300 Seiten? Bei einem Bewerbungsratgeber oder einem Buch über die Chancen in einembestimmten Berufsfeld ist das eher der Fall als bei einem Werk über Selbst-PR. DerInhalt solcher Karrierebücher lässt sichoft problemlos auf einer Din-A4-Seite zusammenfassen. 

Ist der Autor für das Thema qualifiziert? Viele Verfasser stützen sich ausschließlich auf die eigene Lebenserfahrung, die sich allerdings nur selten verallgemeinern lässt. So sollte deutlich werden, aus welchen Quellen sich das Wissen des angeblichen Experten speist. Managertrainer benutzen ihre Veröffentlichungen zudem oft als bloßes Vehikel, um bei potenziellen Kunden Appetit auf ihre Seminare zu wecken. Im Grunde liest man dann nichts anderes als eine 200 Seiten starke Auftragswerbung. 

Das Patentrezept des Erfolges hat noch niemand gefunden. Ein Ratgeber kann deshalb immer nur Anregungen liefern, die jeder Leser für sich modifizieren muss. Schließlich spielen Zufall und Glück eine große Rolle beim Aufstieg. „Karriere ist nur beschränkt planbar, aber man sollte eine Vorstellung vom Normalverlauf seiner Laufbahn haben, von der man dann abweichen kann“, sagt Karriereforscher Mayrhofer. Frank Sinatra ist deshalb ein durchaus geeignetes Vorbild: Jeder muss seinen ganz persönlichen „My Way“ nach oben finden. 

cornelius welp 

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