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20 Jahre Mauerfall Reise in die Heimat des Trabant

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Uwe Sommer auf seinem Golfplatz in Zwickau Quelle: Andreas Chudowski

Die beiden führen den Familienbetrieb in vierter Generation. 1868 als Baumwollweberei von Wolfgangs Urgroßvater Robert gegründet, firmierte der zwangskollektivierte Betrieb zu DDR-Zeiten als VEB Brokat Mühltroff. Immerhin durfte Wolfgang auch unter dem SED-Regime noch die Geschäfte führen.

Nach der Wende wollten die Eschkes ihr einstiges Unternehmen unbedingt zurück: „Wir waren ja schon älter und wollten nicht arbeitslos werden.“ 1992 war es so weit: Bei der Übernahme drängten die Eheleute sogar einen anderen Familienstamm hinaus. „Da haben wir uns wie Westler benommen“, sagt Helga Eschke. Hat sie noch Wünsche? „Ja, einmal für die Wiener Hofburg zu arbeiten, das wär’s.“

Nicht alle Unternehmer der Region sind so zufrieden wie die Eschkes oder Gert Kehle. „Ich war vielleicht etwas blauäugig“, sagt Bernd Voigt und zündet sich die nächste Zigarette an. Seit fünf Jahren führt er Saxas, einen Hersteller von Lkw-Aufbauten und -Anhängern. Der Betrieb ging aus dem einstigen VEB Kraftfahrzeugwerk Ernst Grube hervor. 1990 stieg der Ulmer Fahrzeugbauer Kögel ein. 2004 geriet Kögel selbst in finanzielle Probleme und trennte sich von der ostdeutschen Fertigungsstätte. Voigt, bis dahin angestellter Geschäftsführer, übernahm.

Aufträge bleiben aus

Er schaffte es, den Betrieb und die Arbeitsplätze zu retten. Er führte 150 Mitarbeiter, schrieb schwarze Zahlen. „Es war eine heftige Umstellung. Als Chef hatte ich nun keinen mehr vor mir, den ich fragen konnte.“ Doch der Betrieb brummte – 2005 produzierte Saxas alle Ladeflächen für die Lkws der Deutschen Post. Bis 2007 stattete er insgesamt 20 000 ihrer Fahrzeuge aus. “ Noch 2008 mussten die Lkw-Hersteller 13 bis 14 Monate auf die Erledigung ihrer Aufträge warten, so sehr boomte das Geschäft. „Viele haben einfach auf Verdacht bestellt.“

Inzwischen hat jedoch die Krise Saxas voll erwischt, die Aufträge bleiben aus, der Umsatz ist zweistellig eingebrochen. Das Unternehmen hängt komplett an der Fahrzeugindustrie. Mit dem Betriebsrat verhandelt Voigt gerade über einen Personalabbau. Hoffnung auf Besserung hat er nicht: „Es sind zu viele gebrauchte Lkws auf dem Markt. Und die Halden sind voll.“

Fehlende Zielgruppen

Uwe Sommer ist mit dem Geschäftsverlauf ebenfalls nicht zufrieden. Er sitzt in seinem Golfklub und wartet auf Kundschaft. Der 53-Jährige ist eigentlich Bauunternehmer, doch gleich neben seiner Kiesgrube hat er 1997 einen Golfplatz eröffnet, knappe fünf Gehminuten von der Zwickauer Innenstadt entfernt. Eine gute Lage, dachte Sommer damals. Doch seine Rechnung ging nicht auf, der Klub hat bis heute nur 346 Mitglieder. „Wir brauchen aber 400, um schwarze Zahlen zu schreiben“, sagt Sommer. Ein Schnupperjahr in seinem Golfklub kostet 730 Euro Jahresgebühr.

Sommers Erwartungen haben sich nicht ganz erfüllt. „Hier in Zwickau fehlen uns ganze Zielgruppen“, schwant es ihm. „Es gibt keine Senioren, die ihre Unternehmen verkauft haben. Keine Frauen, die nicht mehr arbeiten müssen und viel Freizeit haben. Die ganze Jugend ist weg. Wir haben zwar große Unternehmen hier, aber die Gesellschafter, die das Geld haben, sitzen alle im Westen.“

Neben Sommer sitzt Michael Stopp, altgedienter Abteilungsleiter bei der Industrie- und Handelskammer Zwickau. Beide kennen sich gut; Stopp ist eines der 346 Mitglieder im Golfverein. „Der Herr Stopp“, scherzt Sommer jovial, „hat eigentlich nur eine Aufgabe: einen reichen Chinesen oder Thailänder anzuschleppen, der hier kräftig investiert.“

Von einem reichen Investor träumt auch Ronald Gerschewski, der den Trabi neu erfinden will. Er sucht noch nach Geldgebern für sein Projekt. Die IAA hat ihm Mut gemacht. Autozulieferer und Fondsanbieter haben Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet. Das Echo war riesig. Allein an einer Umfrage, wie denn der neue Trabi aussehen soll, haben sich Tausende Messebesucher beteiligt. In drei Jahren, so hofft Gerschewski, werden dann schon wieder 5000 neue Trabis über die Straßen rollen.

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