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60 Jahre Bundesrepublik Deutschland, wie wir es lieben

Wir mosern gern rum, aber letztlich ist es daheim doch am schönsten. In 60 Jahren Bundesrepublik Deutschland haben wir vieles schätzen und lieben gelernt. Ein kleines Lexikon des Konsenses.

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Autobahn

A wie Autobahn Quelle: dpa

Dass der Urlaub angefangen hat, merken viele erst, wenn sie schon nach wenigen Kilometern Stillstand erleben – im Stau. Aber erst die freie Fahrt ist es, die uns Deutschen das Gefühl gibt, Bürger zu sein. Vollgas, wann immer es uns passt. Auch wenn inzwischen fast die Hälfte unserer rund 12.000 Autobahnkilometer (nur die USA haben mehr) mit Tempolimits belegt ist: Als Rennstrecke und Leistungsschau deutscher Autobaukunst ist die linke Spur auch Attraktion für unsere Nachbarn. Kaum über die Grenze, lassen sie ihrem Drang nach Vollgas freien Lauf. Ist eben schön bei uns. Und das seit 60 Jahren.

Beckenbauer, Franz

B wie Beckenbauer Quelle: rtr

Wenn der Franz zum Fenster rausfällt, sagte einmal Torwartlegende Sepp Maier, dann fällt er nach oben. Der physikalische Beweis steht zwar noch aus. Recht hat Maier trotzdem: Laut Allensbach ist Beckenbauer noch immer beliebtester Sportler der Deutschen – und ideale Projektionsfläche für die Sehnsüchte seiner Landsleute: Aufstieg vom Postobersekretärs-Sohn zum Kaiser, vom Straßenkicker zum Weltmeister, vom Volksschüler zu Volkes Stimme, vom Versicherungslehrling zum Multimillionär. Das Prinzip Beckenbauer: Diszipliniert, aber nicht verbissen, abheben mit Bodenhaftung. So wurde er als Titel sammelnder Spieler und Trainer erst unangreifbar, später unvermeidbar – als Werbefigur für Tütensuppen, Stromkonzerne, Mobilfunkbetreiber („Ja ist denn scho’ Weihnachten?“). Wer laut TV-Moderator Günther Jauch „fürs Image der Deutschen im Ausland mehr geleistet hat als 50 Jahre Diplomatie und zehn Goethe-Institute zusammen“, dem wird vieles verziehen: Seitensprünge gelten als Beweis später Manneskraft, Wutausbrüche („wie die Uwe-Seeler-Traditionself“) als Offenbarung des gesunden Menschenverstands.

Nichtssagende („Die Schweden sind keine Holländer – das hat man ganz genau gesehen“) oder gemeingefährliche Kommentare („Es wird sich doch ein Terrorist finden, der das Olympiastadion wegsprengt“) werden überhört, ständige Meinungswechsel im Sinne Adenauers („Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“) geadelt. Kein Wunder, dass sich so einer für letzte Dinge zuständig fühlt: „Als Organspender bin ich selbst am Ende meines Lebens noch reich – ich kann anderen das Leben schenken.“

Das kleine Lexikon des Konsenses

Butterbrot

B wie Butterbrot Quelle: AP

In den Achtzigerjahren mag es neben dem Fladenbrot ein wenig in Vergessenheit geraten sein. Doch dem Butterbrot, gerne auch belegt, kann keine Speise in Deutschland das Mehl reichen. Je nach Landstrich auch als Stulle oder Knifte bekannt, ist es zuverlässige Wegzehrung. Und ob als Pumpernickel, Vollkorn-, Dinkel-, reines Roggen- oder als Weizenmischbrot, frisch vom Bäcker, genau das, wonach sich jeder Deutsche spätestens nach dem Urlaub in der weiten Welt sehnt. 300 Sorten Brot gibt es hier – so viel wie sonst nirgends. Und weder Baguette noch Ciabatta oder Croissant können verhindern: Das Butterbrot hat allen Krisen und Trends getrotzt und ist als das anerkannt, was es ist: eine ehrliche Sache.

Graf, Steffi

G wie Graf, Steffi Quelle: rtr

Das erste deutsche Fräuleinwunder lag gut drei Jahrzehnte zurück, da schickte sich ein blondes Mädchen mit langen Beinen Anfang der Achtzigerjahre an, es fortzusetzen – auf dem Tennisplatz. Gewann 1984, mit 15 Jahren, das Olympische Schauturnier als jüngste Teilnehmerin. Und war am Ende ihrer Karriere 377 Wochen die beste Spielerin der Welt – mit 22 Grand-Slam-Titeln und knapp 22 Millionen Dollar Preisgeld. Die Waffen der Gräfin, wie wir sie gerne nannten: Knallharte Vorhand, tolle Kondition, unbändiger Siegeswille, gnadenlose Disziplin. Wertarbeit made in Germany, frei von Schnickschnack. Glamourfaktor: nahe null. Selbstdarstellung war ihr unangenehm, Affären überließ sie anderen – die mit der Steuerbehörde ihrem Vater. Die in der Besenkammer Boris Becker. Graf war, was die Deutschen an sich selbst so schätzen und gleichzeitig verwünschen: ein Abziehbild deutscher Tugenden – das Butterbrot unter den Tennisprofis.

Das kleine Lexikon des Konsenses

Italien

I wie Italien Quelle: dpa

Mallorca hat es uns angetan, Sylt ist toll. Doch unsere Liebe zu Italien ist so verwurzelt wie die Zitronenbäume, für die das Land so bekannt ist. Hirnforscher könnten kontinuierliche Zeichen der Verliebtheit messen. Die Toskana hat schon ganze politische Kasten beflügelt, als Urlauber blenden wir großzügig alle Mängel aus. Finden es sympathisch, dass es dort oft so undeutsch ist (Ordnung) oder gar noch deutscher (Bürokratie). Dass ein Deutscher beständig im Ferrari siegte, schmiedete uns nur mehr zusammen. Das macht selbst den erfolgreichen Catenaccio bei Niederlagen im Halbfinale einer Fußball-WM erträglich. Freuen uns am Strand von Cattolica über „Wurstel con Kraut“. Loben, kaum zu Hause, mitgenommenen roten Fusel über den Klee. Oder halten Sahnehäubchen auf Filterkaffee für Cappuccino.

Jauch, Günther

J wie Jauch, Günther Quelle: dpa

Quizmaster, Sportkommentator von Fußball bis Skispringen, Werbe-Promi, kritisch-unterhaltsamer Journalist: Günther Jauch ist die Allzweckwaffe des deutschen Fernsehens. Vor allem als Rätselonkel des TV-Quiz „Wer wird Millionär“ mutierte der 53-Jährige mit dem Bubigesicht in den vergangenen zehn Jahren zum Traum aller Mütter, Lehrer, Intendanten. Als einer, der sich nicht anbiedert, aber auch keinem wirklich wehtut, wurde Jauch zum Liebling der Deutschen. So einer könnte auch Bundespräsident werden – zumindest, wenn darüber per Publikumsjoker entschieden würde.

Das kleine Lexikon des Konsenses

Loriot

L wie Loriot Quelle: dpa

Die Deutschen sind für ihren Ordnungssinn berüchtigt. Loriot hat ihm ein unvergessliches Denkmal gesetzt, das die Dialektik von Ordnung und Chaos demonstriert: In einem seiner Sketche zeigt er einen Mann, dessen Versuch, ein Bild gerade zu rücken, in einer Zimmerschlacht endet. Als das Zimmermädchen eintritt, kriecht er unter dem umgestürzten Schrank hervor und sagt: „Das Bild hängt schief.“ Nur eine der Wendungen Loriots, die inzwischen volkseigen geworden sind. Wer kennt nicht „Sie haben da was“ oder „Ach, was?“ Seit gut 50 Jahren hält Loriot uns mit preußischer Präzision den kritisch-humoristischen Spiegel vor. Durch ihn wissen wir, wie komisch der deutsche Ernst sein kann und dass Missverständnisse der Normalfall sind. So hat Loriot, nicht weniger als das Grundgesetz, das Menschenbild der Republik geprägt. Es trägt eine Knollennase, altmodische Anzüge, erzählt von der Haltlosigkeit unserer Existenz. Und hat uns, ganz nebenbei, gelehrt, über uns selbst lachen zu können.

Mey, Reinhard

M wie Mey, Reinhard Quelle: AP

In den Hitparaden kommt er schon lang nicht mehr vor – dennoch sind seine Tourneen regelmäßig ausverkauft. Fängt doch seine Stimme wie keine andere den anheimelnden, liberal-pazifistischen Sound der alten Bundesrepublik ein. Reinhard Mey ist der deutsche Liedermacher. Ein Achtundsechziger, der „wie Orpheus singen“ wollte, als andere „Ho Chi Minh“ riefen. Der mit der „heißen Schlacht am kalten Büfett“ den Wohlstandsbürgern die Leviten las, ohne ihnen wirklich weh zu tun. Seine Stärke sind die leisen, biedermeierlich-sentimentalen Töne. Am liebsten besingt er die sogenannten kleinen Dinge des Alltags: den „Topfkuchen auf dem Küchentisch“, „das alte Haus, das knarrt und leise wispert“ oder „Deine Zettel – ich lieb’ dich dafür“. Und seine Fans lieben zurück – ihn, den Troubadour der bundesdeutschen Idyllen.

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Sparkasse

S wie Sparkasse Quelle: dpa

Sie sind überall: Filialen der Deutschen Bank gibt es selbst in Kreisstädten kaum mehr, das rote „S“ aber leuchtet in fast jedem Dorf. Sparkasse – das klingt so provinziell, so beruhigend. Seit komplizierte Finanzderivate die Welt in die Krise getrieben haben, zählt das mehr denn je. 63 Prozent der Deutschen halten Sparkassen für einen besonders sicheren Partner, keine Bank kommt besser weg. Zur Geburt gibt’s von Oma Sparbuch oder Knax-Konto, der Handwerksmeister im Dorf bekommt Kredit für die neue Maschine, die Feuerwehr einen Zuschuss zum neuen Schlauch, die Kreisliga-Mannschaft einen Satz Trikots. Und den Ton gibt der Bürgermeister an: Sparkassen sind, allen Privatisierungsforderungen zum Trotz, öffentlich-rechtlich, wie seit 230 Jahren. Und gehören so irgendwie uns allen.

Tagesschau

T wie Tagesschau Quelle: AP

In den vergangenen mehr als 50 Jahren haben ihre Sprecher gewechselt, wurden die Krawatten mal breiter, mal schmaler. Auch konnte es vorkommen, dass ein Ansager mit einem Bart aus dem Urlaub zurückkehrte, wie einst Karl-Heinz Köpcke, und damit mächtig für Aufregung sorgte. Im Grunde aber ist die Tagesschau, die das Neue vom Tage zusammenfasst, bis heute ein Feind alles Neuen geblieben – und genau darauf beruht ihr Erfolg. Die Tagesschau – unser mediales Superritual. Mag die Welt zugrunde gehen – die Tagesschau informiert verlässlich darüber. Punkt 20 Uhr, exakt eine Viertelstunde lang, mit vertrauter Fanfare zur Einstimmung, bei der sich unwillkürlich eine Habacht-Haltung einstellt, wie sonst nur noch bei der Nationalhymne.

Das kleine Lexikon des Konsenses

Umweltschutz

U wie Umweltschutz Quelle: dpa

Sauberer Strom, saubere Autos, saubere Gewässer – den Schutz der Umwelt haben wir so penetrant verfolgt wie kein anderes Land. Die Öko-Bewegung, das sind wir heute irgendwie alle. Keine Partei, die die Sauberkeit von Flüssen oder Dorfteichen nicht auf ihre Fahne schriebe. Müll trennen, Krötenzäune bauen, braunes Filterpapier verwenden – für die meisten Deutschen gehört das längst zum Alltag. Auch wenn sie am Pfandautomat Schlange stehen müssen, um die Plastikflaschen in eine Verwertungskette zu geben, die uns weiße Gartenmöbel und Fleece-Jacken beschert.

VW Golf

V wie VW Golf Quelle: dpa

Als er zum ersten Mal vom Band lief, war die BRD schon 25 Jahre alt – richtig erwachsen aber wurde sie erst mit diesem Auto: Dem VW Golf, Blech gewordenes Symbol einer ganzen Generation, der Opel zu popelig und Ford zu vulgär war. Die dem Käfer entwachsen war und vor allem Spaß haben wollte. Der Golf, die landauf landab beliebte Kombination aus Fahrfreude, Sicherheit und moderner Ästhetik. Ein Auto als kleinster gemeinsamer Nenner, vom Baumarkt-Verkäufer bis Oliver Bierhoff. Mittlerweile ist Modell VI auf der Autobahn unterwegs – und er läuft und läuft und läuft.

Wandern

W wie Wandern Quelle: dpa

Wer am Wochenende deutsche Bahnhöfe betritt, stößt unweigerlich auf kleine Gruppen unternehmungslustiger Bürger: Sie tragen Anorak, knielange Cordhosen und festes Schuhwerk, um die Schönheiten von Eifel, Fichtelgebirge oder Sächsischer Schweiz zu erkunden. Nachfahren jener naturbegeisterten deutschen Dichter, die Ende des 18. Jahrhunderts auf ihren Wanderungen durch Wälder und Wiesen in der Landschaft die eigene Seele entdeckten. Von Goethe („Wanderers Nachtlied“) über Fontane („Wanderungen durch die Mark Brandenburg“) bis Kerkeling („Ich bin dann mal weg“) wird der Wanderstab von Generation zu Generation weitergereicht – das treibt erstaunliche Blüten, vom Bildungswandern bis hin zum Nacht- und Nacktwandern. Nur das Autowandern, Erfindung der Sechzigerjahre, ist wegen des Umweltschutzes passé.

Das kleine Lexikon des Konsenses

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