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Abhör-Affäre Die Schlüsselpersonen der Telekom-Abhörprotokolle

Spionage ohne Ende: Der Skandal um Bespitzelungen im Auftrag der Telekom hat seit einigen Tagen eine neue Dimension erreicht. Wie die WirtschaftsWoche berichtete, sollen hochrangige Telekom-Manager Mitte der Neunziger Jahre illegal vermeintliche Hacker abgehört haben. Erfahren Sie in vier Kurzporträts mehr über die wichtigsten Personen der Affäre.

Telekom-Vorstand Hagen Quelle: REUTERS

Wie aus vertraulichen Protokollen, Aufzeichnungen und Briefen hervorgeht, die der WirtschaftsWoche sowie dem ZDF vorliegen, hat das Unternehmen vom 12. bis 16. Dezember 1996 insgesamt rund 120 Telefongespräche von Telefonkunden überwacht - ohne Einschaltung der Staatsanwaltschaft und ohne richterliche Anordnung.

Den Unterlagen zufolge hatte der damalige Telekom-Vorstand Technische Dienste, Hagen Hultzsch, die Abhöraktion genehmigt.

Hagen Hultzsch: Abschied vom Saubermann-Image

Im Telekom-Vorstand galt der ehemalige VW-Manager als Saubermann, der sein Gentleman-Image pflegt und sich selten an den Grabenkämpfen beteiligte. Hultzsch trug keine direkte Verantwortung für das operative Geschäft. Seine Zuständigkeiten im Vorstand bekamen so schwammige Begriffe wie „Technik, Dienste“. Er kümmerte sich damit vorwiegend um Innovationen im Internet und galt als der Multimedia-Visionär an der Seite von Konzernchef Ron Sommer.

Immerhin acht Jahre (von 1993 bis 2001), länger als viele andere, gehörte er dem Telekom-Vorstand an. Er musste erst weichen, als Sommer zwei Bauernopfer brauchte und mit einem Vorstandsumbau seinen eigenen Kopf zu retten versuchte.

Größtes Projekt Millenniums-Umstellung

Hultzsch größtes Projekt war die Lösung der im Digitalzeitalter besonders kritischen Datumsumstellung am 1. Januar 2000, als die gesamte Software in der Informationstechnik und den Vermittlungsstellen überprüft werden mussten, damit es zu keinem Netzzusammenbruch in der Neujahrsnacht kommt. Aus diesem Grund fiel auch das Zentrum für Netzsicherheit in Darmstadt in seinen Zuständigkeitsbereich.

Heinz Klinkhammer: Der liebe Gewerkschafter als Übeltäter

Als interner Streit über die Rechtmäßigkeit und den weiteren Umgang mit der rechtlich umstrittenen Aktion entbrannte, versuchte der damalige Vorstand Personal und Recht, Heinz Klinkhammer, den Aufzeichnungen zufolge die Angelegenheit zu vertuschen.

Jahrelang galt das IG-Metall-Mitglied als der liebe Gewerkschafter von nebenan, mit dem ein harter Sanierungskurs mit einem drastischen Personalabbau nicht zu machen ist. Im Februar 1996 drückte der Vorsitzende der Postgewerkschaft, Heinz van Haaren, Klinkhammer als Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei der Deutschen Telekom durch. Bei der Zerschlagung der Bundespost in die drei eigenständigen Unternehmen Postdienst, Postbank und Telekom wurden auch die politischen Einflusssphären von CDU, SPD und FDP aufgeteilt: Die SPD hatte die Telekom bekommen – und reklamierte den Posten des Personalvorstands für sich. Neben Netze-Chef Gerd Tenzer rückte damit ein zweiter SPD-Mann in den Konzernvorstand ein, in dessen Zuständigkeit auch die Konzernsicherheit fiel. Das heißt: Er kontrollierte den von Geheimdienstmitarbeitern und Verfassungsschützern organisierten Staat im Staate, der die Spitzelaktionen selber durchführte und an spezialisierte Dienstleister vergab.

Klinkhammer wußte bis zuletzt, wo seine Wurzeln sind und galt als verlängerter Arm des DGB und SPD im Vorstand. Selten eckte er mit dem Betriebsrat und der Postgewerkschaft an, dem Vorläufer der heutigen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Der ideale Arbeitsdirektor ist ein Wanderer zwischen den Welten“, erklärte der Personalvorstand. „Er ist – fest im Vorstandsteam verwurzelt – stets auf der Suche nach dem fairen Ausgleich.“

Mit dieser Haltung erarbeitete sich der Mann mit dem struppigen Vollabart einen Ruf übers Arbeitnehmerlager hinaus und eine beachtliche Karriere. Der Jurist und Betriebswirtschaftler wurde Arbeitsrichter in Krefeld und Oberhausen. Dann war er elf Jahre lang im nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium unter dem legendären SPD-Strippenzieher Friedhelm Farthmann, unter anderem als Staatssekretär. Mit dem Wechsel zu den Hüttenwerken Krupp Mannesmann in Duisburg 1991 und anschließend in den Vorstand der Mannesmannrühren-Werke AG übernahm er als Arbeitsdirektor beziehungsweise Personalchef erstmals Managerfunktionen. Mit Schlichtungen bei Einigungsstellen und in Tarifverhandlungen erarbeitete Klinkhammer sich auch im Arbeitgeberlager Renommee. Eine Berufung in Gremien der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände erreichte der rote Manager aber nicht. Dazu „war er zu sehr sozialdemokratisch gefärbt“, sagt ein hochrangiger BDA-Funktionär.

Bei der Telekom stand Klinkhammer wegen des zu laschen Stellenabbaus und der hohen Personalkosten in der Kritik. Die Zustimmung zum Abbau von 10 000 Arbeitsplätzen pro Jahr erkaufte er sich durch hohe Abfindungszahlungen und überdurchschnittliche Gehaltssteigerungen für die verbliebenen Mitarbeiter. Dadurch kletterte die Personalaufwandsquote, also das Verhältnis von Personalkosten zum Konzernumsatz, zeitweilig auf über 25 Prozent. Anfang Juli 2002, wenige Tage vor dem Rücktritt von Konzernchef Sommer, schloss Klinkhammer einen Tarifvertrag mit einem Gehaltsplus von 4,1 Prozent ab, dem höchsten Abschluss im Jahr 2002. Der Arbeitnehmerflügel im Aufsichtsrat hielten Sommer daraufhin noch die Treue, als die Kapitalseite längst einen Nachfolger suchte.

Jürgen Haag: Der Mann fürs Grobe

Um die Verdächtigen ausfindig zu machen, gab Telekom-Vorstand Hultzsch, so die internen Papiere, grünes Licht, die „Telefon-Anschlüsse auf Überwachung zu legen“. Die Entscheidung fiel auf einer Krisensitzung in der Telekom-Zentrale in Bonn am Abend des 11. Dezember 1996. Bei dieser war auch Jürgen Haag, der damalige Netzsicherheitschef, anwesend.

Nachdem der Chefjustiziar der Telekom rechtliche Bedenken mit dem Argument der Notwehr vom Tisch gewischt hatte, konnte Haag loslegen. Zunächst musst er für die heikle Mission noch die richtigen Leute finden. Das gelang - die Abhöraktion startete am 13. Dezember 1996. An diesem Tag schaltete sich die Telekom den der WirtschaftsWoche vorliegenden Unterlagen zufolge auf Telefonnummern im Rheinland auf, die insgesamt drei verdächtigen Personen zugeordnet waren. Bei den Maßnahmen, die bis zum 16. Dezember 17.29 Uhr liefen, wurden internen Protokollen zufolge insgesamt rund 120 Anrufe erfasst. Die Leitungen seien – so heißt es in einem als „streng vertraulich“ eingestuften Vermerk der Telekom – der externen Dienstleistungsfirma Reuter in Haiger in Hessen „zugeführt“ worden.

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Es war keine rühmliche Rolle, die Jürgen Haag dabei spielte. Der damalige Telekom-Netzsicherheitschef gehört zum Urgestein der Deutschen Telekom. Seit den Sechzigerjahren, damals war das Unternehmen noch eine Behörde und hieß Deutsche Bundespost, arbeitet der studierte Nachrichtentechniker bei der Telekom.

In den Achtzigerjahren war er direkt mit der Einführung der digitalen Vermittlungstechnik im Festnetz beschäftigt. Anfang der Neunzigerjahre wechselte zur DeTeMobil, wie T-Mobile damals noch hieß, und organisierte den Aufbau des ersten digitalen Mobilfunknetzes D1. 1995, quasi mit dem Amtsantritt von Ron Sommer, stieg Haag zum Leiter des Zentrums für Netzsicherheit in Darmstadt auf.

Armer Schwachstromingenieur unter Hackern

Hacker wie Andy Müller-Maguhn erinnern sich noch gut an Haags Auftritt beim Jahreskongress des Chaos Computer Clubs (CCC), der kurz nach Weihnachten 1995 in Hamburg stattfand. Haag stellte sich als „armer Schwachstrom-Ingenieur, normaler Mensch mit Vornamen Jürgen“ vor. Er war etwas enttäuscht, heißt es im Kongressprotokoll, dass seine, wie er meinte schöne neutrale Formulierung „Hackerbetreuung“ keine Gnade beim CCC fand.

Es handle sich keineswegs um eine Überwachung oder sonstiges Ärgern von Hackern, sondern vielmehr den Versuch, eine Gesprächsform zu etablieren: „Personen, die durch Straftaten auffallen, werden betreut. Rundum betreut“, versuchte Haag damals eine Vertrauensbasis herzustellen

Hans Dahs: Anwalt zu Diensten der Telekom

Nach dem Ende der Operation entbrannte in der Konzernzentrale Anfang 1997 ein Streit um die Rechtmäßigkeit. Einige Experten des Unternehmens hielten sie für einen schweren Verstoß gegen das Telekommunikationsgesetz und warnten, bei Bekanntwerden müsse die Telekom im Extremfall sogar den Verlust ihrer Lizenz befürchten. Der Konzern sei in jedem Fall verpflichtet, die Aufsichtsbehörden und die Betroffenen über die Abhöraktion zu informieren.

Der andere Teil des Managements, allen voran der damalige Telekom-Vorstand Klinkhammer, plädierte jedoch allem Anschein nach dafür, den Vorfall unter der Decke zu halten. Dieser Verdacht ergibt sich aus dem Protokoll einer internen Besprechung mit Klinkhammer am 21. März 1997, das ein Sitzungsteilnehmer anfertigte. Demnach habe Klinkhammer empfohlen, lieber „gutes Wetter“ bei Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei zu machen und sie von einer „guten und verlässlichen Zusammenarbeit überzeugen“. Dann werde auch „nichts herauskommen, weil keiner etwas ahne“.

Klinkhammer verließ sich dabei auf die Ratschläge des Bonner Anwalts Hans Dahs. Dieser stufte die Angelegenheit als Notwehr ein und riet Klinkhammer, den damaligen Postminister nicht zu informieren.

Der Bonner Anwalt Hans Dahs Quelle: REUTERS

Mit Dahs hat sich Klinkhammer nicht irgendwen als Rechtsberater gesucht. Dahs gehört zu den renommierten Strafverteidigern in Deutschland. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vertrat er betont liberale Positionen - die gegen die RAF gerichtete Anti-Terror-Gesetzgebung etwa empfand er als "eine Niederlage des Rechtsstaats".

Einer breiten Öffentlichkeit wurde der heute 73-Jährige 1986 bekannt, als er Helmut Kohl wegen dessen Falsch-Aussage in der Flick-Affäre verteidigte. Dahs vertrat Johannes Rau in der Düsseldorfer Flugaffäre und Max Strauß im Prozess wegen Steuerhinterziehung.

Sein inzwischen in siebter Auflage erschienenes "Handbuch des Strafverteidigers" ist ein Standardwerk, das in kaum einer Kanzlei fehlt. Der Rheinländer war familär geprägt. Nach seinem Vater, der denselben Vornamen trug, ist die Hans-Dahs-Plakette benannt, die der Deutsche Anwaltsverein als höchste Auszeichnung der Branche verleiht.

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