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Ackermann-Nachfolge Was Weber der Deutschen Bank brächte

In der Deutschen Bank steigt der Druck, endlich einen Nachfolger für Vorstandschef Josef Ackermann zu finden. Kommt jetzt eine Doppelspitze aus dem scheidenden Bundesbank-Chef Axel Weber und dem Investmentbanker Anshu Jain?

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Josef Ackermann Quelle: dapd

Am Donnerstag steht für Josef Ackermann ein Termin an, wie er ihn liebt. Dann wird der Chef die grundüberholten Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt offiziell wieder einweihen. Ein neues Zuhause hat er dem größten deutschen Institut gebaut, dessen Fundament sich auch in der Finanzkrise als relativ solide erwiesen hat. Seitdem ist Ackermann noch einmal richtig aufgeblüht und sonnt sich im Selbstbewusstsein dessen, der schlauer oder zumindest gerissener war als die Konkurrenz.

Seit neun Jahren steht der Schweizer an der Spitze, und seit drei Jahren schon spekulieren Banker innerhalb und außerhalb des Hauses über den Abgang des 63-Jährigen und mögliche Nachfolger. Seit Mittwoch vergangener Woche zeigt sich ein Weg: Mit dem Rückzug als Bundesbank-Präsident und seinem Verzicht auf das ihn einst reizende Amt an der Spitze der Europäischen Zentralbank ist Axel Weber frei – der Mann, der schon vor zwei Jahren als Ackermanns Wunschkandidat gehandelt wurde.

Bei einer Konferenz in Wien blieb Weber zwar eine zunächst angekündigte Erklärung schuldig – er müsse erst noch einmal mit der Kanzlerin reden. Es gebe keine bindende Vereinbarung, hieß es in Finanzkreisen. Aber es gibt Indizien.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann bereitet sich auf seinen Rückzug vor. „Er will im kommenden Jahr definitiv aufhören, er will nicht mehr“, verrät ein ranghoher Deutsche-Bank-Manager. Enge Mitarbeiter Ackermanns bestätigen das. „Einige Arbeitsverträge von Menschen, die eng mit ihm zusammenarbeiten, wurden bis zum kommenden Jahr verlängert.“ Das sei „ein ganz klares Zeichen dafür, dass Ackermann zur Hauptversammlung am 31. Mai 2012 die Bank verlässt“. Ackermanns Vertrag läuft noch bis zur Hauptversammlung im Jahr 2013. Aber vor wenigen Wochen berichtete die Schweizer „Bilanz“ über seinen anstehenden Wechsel als Präsident zur Zurich-Versicherung.

Weber kennt Interna der Konkurrenz

Auch aus der Sicht eines Interessenten Weber drängt die Zeit. Der Kodex des Rats der Europäischen Zentralbank EZB sieht vor, dass Mitglieder nach ihrem Ausscheiden ein Jahr warten müssen, bevor sie einen Job mit Interessenkonflikten antreten. Kaum ein Posten böte davon mehr als der Spitzenjob bei der Deutschen Bank. Schließlich kennt Weber als Leiter einer Aufsichtsbehörde vertrauliche Interna der Konkurrenten.

Die Suche nach dem Kronprinzen entwickelte sich in den vergangenen zwei Jahren zur Hängepartie, zur Posse, zur Belastung, die die zumindest respektablen geschäftlichen Erfolge der Bank überlagerte. Ackermann hatte seinen Vertrag im Frühjahr 2009 wider Erwarten und unter turbulenten Umständen um drei Jahre bis 2013 verlängert. Seitdem war die Debatte nie verstummt. Ausführlich wurden in den Medien immer wieder Vorzüge und Nachteile der internen Kandidaten durchdekliniert, die bei der Kür 2009 alle durchs Raster gefallen waren. Auch bei der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag vorvergangener Woche wich der 63-jährige Bankchef allen Fragen zur Nachfolgersuche rigoros aus. „Das ist ein Gemeinschaftswerk von Herrn Börsig und mir.“

Wie ein deutscher General

Axel Weber Quelle: REUTERS

Schon vor zwei Jahren, als es dem Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig letztlich nicht gelang, einen passenderen Mann als sich selbst für den Top-Job zu präsentieren, soll Weber ein Kompromisskandidat gewesen sein. Dass dessen Name überhaupt ernsthaft im Rennen ist, schreiben Insider der Initiative des amtierenden Vorstandsvorsitzenden zu.

Dabei verweisen sie auf Ackermanns Interpretation der eigenen Rolle. Der Schweizer agiert wie ein Politiker, mit den Jahren hat die Distanz zu den Details des operativen Geschäfts zugenommen. Der Mann an der Spitze einer Großbank müsse heute Wirtschaftsführer und Staatsmann zugleich sein, hat er kürzlich seine Erfahrungen zusammengefasst. „Man muss mit den Staatspräsidenten der Welt kommunizieren.“ Wirklich bei sich selbst wirkt der Deutsche-Bank-Chef, wenn er als Präsident des internationalen Branchenverbandes IIF mit Politikern, Aufsehern und Top-Managern anderer Banken über weltweite Wirtschaftspolitik und die Zukunft der Finanzindustrie debattiert. Der Dialog mit Politik, Regulierern und Gesellschaft, das ist ihm klar, ist nach der Krise relevanter denn je — auch zum Wohle des eigenen Geschäfts.

In diese Fußstapfen könnte der international vernetzte und mit Aufsichtsthemen vertraute Weber treten. „Als Notenbanker hat Weber immerhin gelernt, das jedes unbedachte öffentliche Wort große Wirkungen nach sich ziehen kann“, spottet ein Banker über Amtsinhaber wie möglichen Nachfolger. Das Feingefühl für solche Nachbeben hat Ackermann des öfteren gefehlt — zuletzt, als er sich mehr Frauen an die Spitze seiner Bank wünschte, um die „farbiger und schöner“ zu machen.

Kontraste ziehen sich an

Dass Weber allein an die Spitze der Deutschen Bank rückt, halten Kenner des Instituts für unwahrscheinlich. „Weber kann keine Investmentbank führen“, heißt es. Er sei ein Theoretiker, kein Banker – und selbst die weltpolitische Rolle der Deutschen Bank basiere allein auf ihrer wirtschaftlichen Stärke. Die liefert vor allem Investmentbankchef Anshu Jain. Doch auch der gebürtige Inder könnte das Institut nicht allein führen. „Wir stehen für Deutschland, und Deutschland steht für uns“, hat Ackermann gelernt. Das müsse sich auch personell an der Spitze ausdrücken. Ein Ausländer-Solo scheidet damit aus.

Bei einer Doppelspitze würde Weber als Aushängeschild für Solidität den „deutschen Teil“ der Hauses übernehmen: Er kümmert sich um das Risikomanagement, behält Konjunktur- und Zinsentwicklung im Blick, repräsentiert vor Politikern und besänftigt Regulatoren. Jain würde im Hintergrund agieren und sich fernab der Debatten auf dem ihm fremden Heimatmarkt um Milliardentransaktionen kümmern.

Die beiden Männer sind vollkommen unterschiedlich und könnten doch ein Team bilden. Wenn sie nebeneinander stehen, überragt Weber Jain um einen guten Kopf. Der Noch-Bundesbank-Chef tritt auf, wie sich die Welt einen deutschen Panzer-General vorstellt – mit massiver Körperlichkeit und zurückgestrichenem Haar, das den Blick auf Gegenüber und Frontlage nicht verlegen darf. Weber redet mit sonorer, befehlsgewohnter Stimme. Er ist ein Mann der Überzeugung, eine Art Martin Luther der Geldpolitik, er steht da und kann nicht anders. Damit repräsentiert er jene Zuverlässigkeit, die die Welt mit Deutschland verbindet – und die Teile der Öffentlichkeit nicht zuletzt wegen millionenschwerer Schadensersatzprozesse bei der Deutschen Bank vermissen.

Vor allem aber kennt Weber wie nur wenige die Formel, mit der die Notenbanken der Welt Geld und Zinsen erzeugen. Für Jain wäre dies der Rohstoff, den er mit seinen Deals in Profite verwandelt.

Anshu Jain Quelle: dpa

Der gebürtige Inder ist der reine Kontrast zu Weber. Die Geste des Machos, die breite Brust, all das ist ihm fremd. Jain lebt nicht für Wörter, Überzeugungen und den öffentlichen Auftritt, sondern für Spreads, Margen und Provisionen. Bei seinen wenigen Gastspielen in Deutschland wirkte er scheu, in kleinerer Runde beeindruckt er mit intellektueller Brillanz. Seine Mitarbeiter schätzen ihn, sein Umgang ist fordernd und motivierend.

„Jain ist ein rationaler Mensch und sieht die Grenzen des Machbaren“, heißt es in Finanzkreisen. So weiß er, wie wichtig es ist, die deutsche Sprache zu beherrschen. „Weber wäre Jain lieber als jeder andere Kandidat“, heißt es. Andere Externe würden sich kaum in eine Doppelspitze einordnen, interne Kandidaten dürfte Jain nicht akzeptieren. Personalberater halten die Konstruktion zwar für „suboptimal“. Die Deutsche Bank sei jedoch „gleichzeitig stark und ratlos genug dafür“, sagt einer, der das Institut gut kennt.

Auch in dieser Konstellation wäre der Wechsel auf einen Top-Job bei der Bank für Weber jedoch nicht unproblematisch – schon aus formalen Gründen. Weber, vor seinem Job bei der Bundesbank Volkswirtschaftsprofessor in Bonn, fehlt die Bankerfahrung. In hochrangigen Kreisen der Finanzaufsicht BaFin hieß es zuletzt, dass er die formalen Anforderungen für einen Vorstandsposten beim Primus der deutschen Kreditwirtschaft derzeit nicht erfülle. Die Qualifikation ließe sich allerdings nachholen.

Die Deutsche Bank im Vergleich zu ausgewählten Wettbewerbern

Auch in der Deutschen Bank ist die Skepsis groß. So mancher Manager zweifelt an Webers Kompetenz und seinen Führungsqualitäten, die seit dem Ausscheiden Thilo Sarrazins umstritten sind. Zudem könnte er durch die Umstände seines Abgangs ein wichtiges Argument verloren haben. „Für ein schlechtes Verhältnis zur Kanzlerin brauchen wir ihn nicht – das hatte Ackermann selbst“, sagt ein Deutschbanker. „Sein Freundeskreis hat um einige zentrale Personen abgenommen“, sagt ein Merkel-Beamter.

Unklar ist auch, wie die anderen Vorstände reagieren, wenn ihnen ein Professor vor die Nase gesetzt wird.

Außer Jain sind die anderen internen Kandidaten Außenseiter im Wettlauf an die Spitze. Am ehesten trauen Insider den Job Finanzchef Stefan Krause zu, der 2008 von BMW zur Deutschen Bank gekommen war. Er hat sich nach einer Eingewöhnungszeit akklimatisiert, seine Zahlen im Griff, macht vor Analysten eine gute Figur – und ist außerhalb der Bank nahezu unbekannt. Risikovorstand Hugo Bänziger gilt als fachlich brillant und kennt jeden Winkel des Instituts. Jedoch machen intern Geschichten über ein selbstherrliches Führungsverständnis die Runde.

Die Übernahme der Postbank und verbesserte Ergebnisse haben die Position von Privatkundenchef Rainer Neske gestärkt. Er ist jedoch stark im operativen Geschäft verwurzelt, ihm fehlen das internationale Profil und die politischen Kontakte. Neske, so heißt es, habe in der Nachfolgedebatte bislang keine Rolle gespielt.

Die Zeit drängt auch deshalb, weil sich die Deutsche Bank mitten im Umbruch befindet. Sie hat durch den Wegfall von Konkurrenten Marktanteile im Investmentbanking gewonnen. Doch das Geschäft mit Aktien und Anleihen dürfte schon wegen der verschärften Regulierung kaum je wieder so viel abwerfen wie vor der Krise.

Gleichzeitig steht die Bank vor großen Integrationsaufgaben. Die Übernahme der Postbank bedeutet den größten Einschnitt der jüngeren Geschichte. Auch die Privatbank Sal. Oppenheim ist ein Brocken, der erst einmal verdaut werden muss. Mit beiden Zukäufen hat Ackermann seine Ankündigung wahr gemacht, sich stärker dem Heimatmarkt zuzuwenden. Beide Institute sind jedoch im Kerngeschäft ertragsschwach und hatten bei der Übernahme Risiken in Milliardenhöhe auf der Bilanz. Wegen der Integration werden vermutlich Tausende Stellen wegfallen.

Nicht zuletzt Ackermann selbst hat die Messlatte zuletzt noch einmal hoch gehängt. Zwar hat er sich zuletzt von seinem umstrittenen Ziel einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent distanziert. Der von ihm avisierte Vorsteuergewinn von zehn Milliarden Euro in diesem Jahr solle jedoch kein einmaliger Ausreißer nach oben bleiben, kündigte er jüngst an. Wer auch immer ihm folgt – der Schatten Ackermanns wird nach seinem Abschied allein schon deshalb lang sein. 

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