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ACS-Übernahme Hochtief vor der Zerreißprobe

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Zwei Schwergewichte

Trotzdem erfuhr Dr. Lü, wie er intern genannt wird, erst von der Attacke der Spanier, als diese schon in spanischen Medien auftauchte. Ein paar Tage zuvor hatten die ACS-Vertreter im Hochtief-Aufsichtsrat Lütkestratkötter gefragt, wohin es denn gehe im Urlaub. Zum Klettern nach Österreich, antwortete der. Dort erfuhr er dann sieben Tage später vom Übernahmeplan der Spanier. Deren Version, Florentino habe Amigo Herbert eigentlich persönlich nach Madrid einladen wollen, um ihn von der Übernahme zu überzeugen, die Sache sei nur zu früh durchgesickert, macht es kaum besser. Konkret vorbereitet haben die Spanier, schätzen Hochtiefler, die angeblich freundlich gemeinte Übernahme rund vier Monate lang und die Deutschen nicht eingeweiht.

Dr. Lü muss jedenfalls schon seit dem Einstieg von ACS ein waches Auge auf den spanischen Großaktionär gehabt haben. Abwehrhandbücher gegen eine Übernahme lagen gebrauchsfertig auf den Festplatten von Hochtief. Die Akteure eines virtuellen Abwehrteams inklusive Juristen, Kommunikationsprofis und Banken standen abrufbereit parat.

Intrigen in Australien

Die Vergangenheit lässt Hochtief nicht los. Sperrig steht sie einer spanisch-deutschen Zukunft im Weg. Unbelastet nach vorn schauen kann das Unternehmen erst, wenn einigermaßen geklärt ist, was in dem Wirtschaftsdrama mit Dolch, Stoß und Legende wirklich abgelaufen ist. Wie Hochtief nun umgeht mit den Matadoren aus Madrid, ergibt sich aus den Konflikten, Tricks und Intrigen der Vergangenheit.

Eine eigene und unterschätzte Rolle spielte dabei die australische Ertragsperle Leighton. Denn während Hochtief sich verzweifelt der Umarmung durch ACS zu entziehen versuchte, fiel Leighton – der zwölftgrößte Baukonzern der Welt – der deutschen Mutter in den Rücken und bändelte diskret mit ACS an.

Der Zwist schwelt seit Jahren. Spielte die zehnmal größere Hochtief beim Einstieg 1981 noch die dominante Rolle, drehte sich das Verhältnis bald um. Die Tochter wuchs prächtig und verdiente immer besser, die Mutter baute ab. Hochtief brauchte die Australier, die im Herbst 2010 mehr als 80 Prozent des Konzerngewinns erwirtschafteten. Leighton aber brauchte Hochtief nicht mehr. Dem langjährigen Chef Wal King gingen die Deutschen bald auf die Nerven. Er hatte Leighton zum weltgrößten Baudienstleister für die Rohstoffindustrie gemacht und wollte den Mehrheitsaktionär loswerden.

2002 soll die australische Macquarie Bank versucht haben, Leighton von Hochtief zu lösen. King galt den Deutschen als Strippenzieher. Verstimmt legten sie 2003 einen eigenen Fusionsplan vor, den King brüsk zurückgewiesen haben soll. 2007 hat Macquarie angeblich gar an einer Übernahme von Hochtief gearbeitet, wollte selbst Hochtiefs Flughafenanteile schlucken und Leighton mit Gewinn abstoßen. Der Plan platzte mit dem Ausbruch der Finanzkrise.

Das Verhältnis blieb gespannt. Leightons autokratischer Chef, argwöhnte die Hochtief-Spitze, blockierte an allen Ecken. Umgekehrt hatten die Leighton-Leute die Dominanz der Deutschen satt, die in ihren Augen mit den Australiern nur die eigene Bilanz aufpolierten – so wie es künftig ACS mit Hochtief machen wird.

Nach Recherchen des „Sydney Morning Herald“ schlug King vor einem Jahr ein erneutes Fusionsangebot von Hochtief aus: Das Angebot habe nicht mal die Finanzierung erklärt. Von da an soll Hochtief alles darangesetzt haben, um King in den Ruhestand zu schicken. Noch im August 2010 hatte Leighton-Chairman David Mortimer die „starke und gesunde Beziehung“ von Hochtief und Leighton beschworen und Gerüchte dementiert, King solle auf Druck der Deutschen gehen. Ende des Jahres war es trotzdem so weit: King wurde geschasst.

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