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Ägypten und Tunesien Deutsche trotzen dem Aufstand

Die Unruhen in Ägypten und Tunesien können den Nürnberger Autozulieferer Leoni nicht stoppen. Er produziert weiterhin in Nordafrika, als gäbe es keinen Aufstand. Fünf Gründe, warum sich deutsche Niederlassungen in Sicherheit wiegen können - und fünf Gründe, warum sie vorsichtig und skeptisch bleiben sollten.

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leoni-ag Quelle: dpa

Anfang der Woche sickerten Nachrichten aus den Chefetagen der deutschen Wirtschaft, die Produktion in Tunesien und Ägypten liege wegen der dortigen Massenproteste brach. Das galt nicht nur für BASF, sondern auch für den fränkischen Autozulieferer Leoni. 2,8 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet das Unternehmen und beschäftigt 55.000 Mitarbeiter. Was den Fall Leoni so brisant machte, war die Zahl der Beschäftigten in der Nordafrika-Region: 24.000 Menschen arbeiten dort für den Hersteller von Kabelverbindungen und Bordnetzen für Autos. 12.000 Beschäftigte in Tunesien in vier Werken, eines davon in Tunis, 8000 in Marokko und 4000 in Kairo.

Zunächst standen die Bänder bei Leoni in Ägypten und Tunesien tatsächlich still - für zwei Tage. Die meisten Mitarbeiter kümmerten sich um den Familienzusammenhalt, die öffentlichen Verkehrsmittel funktionierten nicht. Viele hatten eine abwartende Haltung und blieben, wohl auch unter Schock, die ersten Stunden zu Hause.

Doch dann wendete sich das Blatt. Und das Beispiel Leoni in Nordafrika ist symptomatisch für die deutschen Betriebe.

Schon am Dienstag arbeiteten wieder zwei Drittel der Belegschaft im Leoni-Werk in Kairo, am Mittwoch waren es sogar 90 Prozent. Die Leute sind froh, dass sie einen Job haben, die Demonstranten gehen für ein solches Privileg erst auf die Straße. Leoni-Vorstand Uwe Lamann erläutert im Gespräch mit wiwo.de, warum er nun nahezu reibungslos weiterproduzieren kann. Fünf Gründe führt er an:

Das Werk ist geschützt: "Das Militär ist offensichtlich der ruhende Pol in Ägypten. Unser Werk liegt in einer Free Zone, die vom Militär bewacht wird."Die Mitarbeiter, die im Werk pünktlich erscheinen, können den Produktionsrückstand aufholen. Lamann: "Wir können Ausfälle durch Überstunden aufholen."Es gibt genügend Reserven in der Lieferkette. Der Leoni-Vorstand erläutert warum. "Wir haben genug Material schon außerhalb Ägyptens, um unsere Kunden, die Automobilhersteller in Europa, in den nächsten zwei bis drei Wochen versorgen zu können." In Tunesien war die Situation für das Werk "mindestens ebenso kritisch". Dort hat sich nach einer Phase von Produktionsausfällen die Lage der Leoni-Standorte innerhalb einer Woche wieder normalisiert. Lamann: „Die Ausgangssperre in Tunesien liegt derzeit zwischen 10 Uhr abends und 4 Uhr morgens. Wir haben unseren Schichtbetrieb entsprechend angepasst.""Wir als Investor und großer Arbeitgeber sollten dort unten nichts zu befürchten haben. Denn wir bieten den Menschen Arbeitsplätze und Einkommen. Genau darum geht es schließlich. Wir sind gewissermaßen gute Bürger."

Diese Äußerungen des Leoni-Vorstands stammen von Mittwoch, den 2. Februar. Darauf legt das Management wert, denn, so Lamann: "Die Situation kann sich jederzeit ändern".

Ebenfalls fünf Faktoren sind es, die das derzeitige Geschehen doch noch bedrohlich machen könnten für deutsche Unternehmen in Kairo und Tunis.

Die Häfen sind ein Problem. Es wird nach Informationen der WirtschaftsWoche nicht genug oder verzögert verladen, so dass es dort zu Engpässen kommt. Alternativ prüfen zwar einige Unternehmen den Export über Luftfracht, das jedoch ist teuer und drückt auf die Wirtschaftlichkeit.Infrastrukturexperten von Siemens in Kairo sehen ein weiteres Problem für die sichere Produktion westlicher Unternehmen in Kairo und Tunis: die Unversehrtheit des Stromnetzes. Wird die Stromversorgung sabotiert, stehen die Bänder still.Auch die Wasserversorgung der Produktionsbetriebe darf nicht unterbrochen sein.Das öffentliche Nahverkehrssystem muss weiterhin funktionieren. Eine Sprecherin von RWE-Dea sieht das allerdings nicht als so wichtig an: "Unsere Leute fahren mit dem Auto zur Arbeit". Die RWE-Dea-Zentrale liegt in einem ruhigen Vorort von Kairo, dem früheren Diplomatenviertel.Die bewachten Sonderwirtschaftszonen dürfen durch Demonstranten nicht gestürmt werden. Diese Oasen westlicher Wirtschaftseffizienz haben in der Vergangenheit schon häufig den Argwohn besonders religiös motivierter Gruppen geweckt. Viele Militärs unter den Bewachern könnten sich mit solchen Demonstranten vorübergehend solidarisieren und die Schlagbäume freigeben - so geschehen vor einigen Jahren in Saudi Arabien, als eine Free Zone gestürmt wurde.

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