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Agrarfrost Der Kartoffelkönig aus Aldrup

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Grafik: Tiefkühlkost im 10-Jahres-Vergleich

Kaum anderthalb Stunden sind die Pommes frites unterwegs. Eben noch eine rohe, ungeschälte Kartoffel, schon bald irgendwo in irgendeiner europäischen McDonald’s-Filiale als knusprig-heiße McFries auf dem Tablett. Von der 170 Meter langen, fünf Meter hohen und 20 Meter breiten Kartoffelhalle bis auf einen der 25.000 Palettenstellplätze im gigantischen Tiefkühllager. Sortiert, gewaschen und geschält ist die Knolle mit fast 80 Sachen durch eine Schneidemaschine gesaust. Anschließend sind die blaßgelben Stäbchen blanchiert, getrocknet, vorfrittiert, gekühlt und verpackt worden.

Bis 1970 stellt Seniorchef Stöver ausschließlich gekühlte Pommes für die Gastronomie her, die er direkt in Fritten-Buden, Kantinen oder Restaurants liefert. Dann erweitert er das Angebot um Soßen, Fleisch- und Wurstwaren. 1972 steigt er in das Geschäft mit tiefgefrorenen Pommes ein und kreiert die Marke Agrarfrost. Ende der Achtzigerjahre kommt der große Erfolg: Stöver wird Pommes-Lieferant von McDonald’s. 1989 kauft er Weser Feinkost, ein Unternehmen, das Feinkostsalate und Dressings herstellt. Im Zuge der Wiedervereinigung startet auch die Expansion in die neuen Bundesländer. 1992 wird das Werk in Oschersleben eröffnet. Das Großhandelsgeschäft, das unter Stöver-Frischdienst firmiert, bedient seinerzeit über 25.000 Kunden in der Gastronomie.

Eike Stöver wird früh zum Nachfolger erkoren

Das Unternehmen wächst. Zur Jahrtausendwende holt Reinhold Stöver seinen Sohn Eike ins Unternehmen. Der Junior, der noch eine jüngere und eine ältere Schwester hat, wurde vom Vater schon früh als Nachfolger erkoren. Dadurch hatte Eike genügend Zeit, um sich auf den Job als Unternehmenschef vorzubereiten – und seinem Hobby zu frönen.

Der Niedersachse ist leidenschaftlicher Tontaubenschütze. Gleich nach dem Wirtschaftsabitur im oldenburgischen Lohne geht er zur Bundeswehr, dient in der Sportförderkompanie in Hermeskeil im Hunsrück. 13 Jahre gehört er in verschiedenen Altersklassen der deutschen Nationalmannschaft an, war zigfacher Deutscher Meister, Mannschaftseuropameister, Dritter bei Junioreneuropameisterschaften und Sechster bei einer Weltmeisterschaft. "Ich habe das 16 Jahre lang intensiv betrieben und war dabei nicht selten rund 100 Tage im Jahr unterwegs", blickt Eike Stöver zurück.

Heute schießt Stöver nur noch zum Zeitvertreib auf Tontauben. Oder er geht gemeinsam mit seinem Vater, Freunden und Nachbarn auf die Pirsch. Doch nicht wie manch reicher Fabrikant, der sich eine Jagd im Bayerischen Wald oder in der Steiermark in Österreich pachtet. Stövers Revier sind die Felder rund um das Fabrikgelände. Hier schießt er Kaninchen und Fasane. Hier ist seine bescheidene Welt.

Jobben bei der Konkurrenz

Kein repräsentativer Protz, kein Kult um seine Person: Deutschlands Gipskönige Nikolaus und Baldwin Knauf im fränkischen Iphofen, Deutschlands Antennenkönig Anton Kathrein im bayrischen Rosenheim oder Deutschlands Schraubenkönig Reinhold Würth im baden-württembergischen Künzelsau, sie alle lieben es, wenn Straßen und Plätze nach ihnen benannt werden und sie dank ihrer Millionenspenden für Kultur bewundert werden. Deutschlands Kartoffelkönig liegt so etwas fern: "Wir unterstützen Schützenvereine und den einen oder anderen Dorffußballclub", sagt Eike Stöver. Basta.

Dennoch hat der Enddreißiger schon die große Welt geschnuppert. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann bei einer Coca-Cola-Niederlassung in Oldenburg studiert er Betriebswirtschaftslehre an der European Business School in Hamburg. Auslandspraktika führen ihn nach Großbritannien, in die USA und nach Kanada, wo er beim wichtigsten Agrarfrost-Konkurrenten und größten Pommes-Hersteller der Welt , bei McCain, jobt. Dessen Marke (1.2.3. Frites) kommt in Deutschland sogar auf mehr Umsatz als Platzhirsch Stöver mit Agrarfrost.

Ein Geheimnis macht Stöver wie jeder Familienunternehmer um die Geschäftszahlen: "Wir sind mit den Umsätzen und Erträgen in diesem und im vergangenen Jahr sehr zufrieden", sagt er.

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