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Agrarfrost Der Kartoffelkönig aus Aldrup

Eike Stöver ist Deutschlands Herr der Knollen. Keiner produziert so viel Pommes und Puffer wie der verschwiegene Familienunternehmer aus dem niedersächsischen Nest Aldrup.

Agrarfrost-Inhaber Eike Stöver Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

Aldrup ist keine Stadt, auch kein Dorf. Aldrup ist eine Bauernschaft. Kaum ein Dutzend verstreuter Höfe und Häuser, kaum mehr als zwei Dutzend Einwohner – alles ein paar Kilometer außerhalb von Wildeshausen, einer Kleinstadt im niedersächsischen Landkreis Oldenburg. Das Land hier ist so platt wie ein Kartoffelpuffer, nichts versperrt die Sicht auf ein paar orange getünchte Fabrik- und Lagerhallen, auf abgeerntete schier endlose Mais- und Kartoffelfelder.

Aldrup, keine Stadt, kein Dorf, aber Deutschlands Pommes-Frites-Metropole. Und mittendrin Eike Stöver, mit Frau und zwei Kindern zu Hause auf einem der Höfe – und Deutschlands ungekrönter Kartoffelkönig.

Kein anderer schält und schnipselt, blanchiert und frittiert in Deutschland mehr Kartoffeln. Mit seinen Pommes frites, Kroketten, Rösti, Puffern, Kartoffeltaschen und Chips ist der 38-Jährige sogar einer der führenden Hersteller Europas. 300.000 Tonnen Kartoffeln – so viel wie 60.000 afrikanische Elefanten wiegen oder 12.000 Traktoranhänger fassen – werden am Stammsitz in Aldrup und 150.000 Tonnen in Werk 2 in Oschersleben bei Magdeburg verarbeitet. Stöver beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter und exportiert rechnerisch vier von zehn der verarbeiteten Erdknollen. Größter Einzelabnehmer ist der Burger-Konzern McDonald’s. Insgesamt kommt der Niedersachse im Jahr auf 250 Millionen Euro Umsatz.

Rewe, Aldi, Lidl, Netto, Edeka: Agrarfrost beliefert alle

Bekannt ist Stöver in Deutschland trotz solcher Zahlen nicht. Denn zwei von drei seiner Kartoffelspeisen landen in Packungen, die Fantasiemarken von Handelskonzernen tragen – von Rewe über Aldi und Lidl bis zu Edeka und Netto. Auch die Tiefkühllieferanten Bofrost und Eismann beliefert Stöver. Nur jede dritte Tüte kommt unter der Marke Agarfrost, wie Stövers Unternehmen heißt, in die Läden.

Mehrere Jahre lang versuchte die WirtschaftsWoche, den Vater und Firmengründer Reinhold Stöver zu treffen. Erst Sohn Eike, der seit dem Jahr 2007 das Zepter führt, gewährte jetzt erstmals einem überregionalen Medium einen Blick ins Unternehmen und hinter die Kulissen.

8.30 Uhr in Aldrup. Es schüttet wie aus Eimern an diesem Novembertag. Junior Stöver steigt in seinen schwarzen Audi Q5 und rauscht in Richtung Firma. Gerade mal drei Minuten dauert die Fahrt vorbei an den Äckern. Dann hält er auf dem reservierten Parkplatz vor dem Bürogebäude, hastet zur Rückseite des Fahrzeugs, öffnet den Kofferraum, schiebt die kniehohen Gummistiefel beiseite und schnappt sich seine schwarze Outdoorjacke.

Kartoffeln erfreuen sich wachsender Beliebtheit

"Moin Thomas", begrüßt Stöver seinen Werksleiter Thomas Modigell. "Moin Eik", antwortet der. Eik statt Eike, so nennen langjährige Mitarbeiter ihren Chef.

Agrarfrost ist Marktführer bei tiefgekühlten Lebensmitteln aus Kartoffeln – ein Beilagensortiment, das sich in Deutschland wachsender Beliebtheit erfreut. Zwischen 1999 und 2009 stieg der Absatz tiefgekühlter Fritten und sonstiger Kartoffelabkömmlinge im Lebensmittelhandel von 165.000 Tonnen auf mehr als 220.000 Tonnen, ein Plus von 35 Prozent. Im Schnitt futtern die Deutschen pro Jahr und Kopf gut 60 Kilogramm Kartoffeln. Mehr als die Hälfte davon kommt industriell verwandelt auf den Teller, vor allem als Pommes frites.

Irgendwie muss Eike Stövers Vater Reinhold diesen Boom geahnt haben. Anfang der Sechzigerjahre, er hatte gerade mit 23 Jahren den elterlichen Bauernhof mit 43 Hektar Land und ein paar Milchkühen übernommen, reist der Jungbauer in die USA. Eigentlich möchte er sich dort über den Anbau von Kartoffeln informieren. Doch beim Anblick von Burgern und French fries, wie Fritten auf amerikanisch heißen, spürt er sofort: Pommes, das ist das kommende Ding.

1967 startet Stöver sen. mit fünf Mitarbeitern die Produktion: in einer Diele des elterlichen Bauernhauses und mit einer gebrauchten Pommes-frites-Maschine mit einer Stundenleistung von 300 Kilogramm. Schon im Gründungsjahr produziert er 600 Tonnen und setzt damit umgerechnet rund 100.000 Euro um.

Stöver jun. steht im weißen Kittel und mit blauem Haarnetz dort, wo damals das Bauernhaus mit dem archaischen Kartoffelschnitzer stand und wo jetzt die fertige Ware nur so vom Band flitzt: 32 Kartons mit fünf Beuteln à 2,5 Kilogramm – pro Minute. Auf dem Karton steht M wie McDonald’s. Die weltgrößte Fast-Food-Kette ist Stövers größter Einzelkunde.

Grafik: Tiefkühlkost im 10-Jahres-Vergleich

Kaum anderthalb Stunden sind die Pommes frites unterwegs. Eben noch eine rohe, ungeschälte Kartoffel, schon bald irgendwo in irgendeiner europäischen McDonald’s-Filiale als knusprig-heiße McFries auf dem Tablett. Von der 170 Meter langen, fünf Meter hohen und 20 Meter breiten Kartoffelhalle bis auf einen der 25.000 Palettenstellplätze im gigantischen Tiefkühllager. Sortiert, gewaschen und geschält ist die Knolle mit fast 80 Sachen durch eine Schneidemaschine gesaust. Anschließend sind die blaßgelben Stäbchen blanchiert, getrocknet, vorfrittiert, gekühlt und verpackt worden.

Bis 1970 stellt Seniorchef Stöver ausschließlich gekühlte Pommes für die Gastronomie her, die er direkt in Fritten-Buden, Kantinen oder Restaurants liefert. Dann erweitert er das Angebot um Soßen, Fleisch- und Wurstwaren. 1972 steigt er in das Geschäft mit tiefgefrorenen Pommes ein und kreiert die Marke Agrarfrost. Ende der Achtzigerjahre kommt der große Erfolg: Stöver wird Pommes-Lieferant von McDonald’s. 1989 kauft er Weser Feinkost, ein Unternehmen, das Feinkostsalate und Dressings herstellt. Im Zuge der Wiedervereinigung startet auch die Expansion in die neuen Bundesländer. 1992 wird das Werk in Oschersleben eröffnet. Das Großhandelsgeschäft, das unter Stöver-Frischdienst firmiert, bedient seinerzeit über 25.000 Kunden in der Gastronomie.

Eike Stöver wird früh zum Nachfolger erkoren

Das Unternehmen wächst. Zur Jahrtausendwende holt Reinhold Stöver seinen Sohn Eike ins Unternehmen. Der Junior, der noch eine jüngere und eine ältere Schwester hat, wurde vom Vater schon früh als Nachfolger erkoren. Dadurch hatte Eike genügend Zeit, um sich auf den Job als Unternehmenschef vorzubereiten – und seinem Hobby zu frönen.

Der Niedersachse ist leidenschaftlicher Tontaubenschütze. Gleich nach dem Wirtschaftsabitur im oldenburgischen Lohne geht er zur Bundeswehr, dient in der Sportförderkompanie in Hermeskeil im Hunsrück. 13 Jahre gehört er in verschiedenen Altersklassen der deutschen Nationalmannschaft an, war zigfacher Deutscher Meister, Mannschaftseuropameister, Dritter bei Junioreneuropameisterschaften und Sechster bei einer Weltmeisterschaft. "Ich habe das 16 Jahre lang intensiv betrieben und war dabei nicht selten rund 100 Tage im Jahr unterwegs", blickt Eike Stöver zurück.

Heute schießt Stöver nur noch zum Zeitvertreib auf Tontauben. Oder er geht gemeinsam mit seinem Vater, Freunden und Nachbarn auf die Pirsch. Doch nicht wie manch reicher Fabrikant, der sich eine Jagd im Bayerischen Wald oder in der Steiermark in Österreich pachtet. Stövers Revier sind die Felder rund um das Fabrikgelände. Hier schießt er Kaninchen und Fasane. Hier ist seine bescheidene Welt.

Jobben bei der Konkurrenz

Kein repräsentativer Protz, kein Kult um seine Person: Deutschlands Gipskönige Nikolaus und Baldwin Knauf im fränkischen Iphofen, Deutschlands Antennenkönig Anton Kathrein im bayrischen Rosenheim oder Deutschlands Schraubenkönig Reinhold Würth im baden-württembergischen Künzelsau, sie alle lieben es, wenn Straßen und Plätze nach ihnen benannt werden und sie dank ihrer Millionenspenden für Kultur bewundert werden. Deutschlands Kartoffelkönig liegt so etwas fern: "Wir unterstützen Schützenvereine und den einen oder anderen Dorffußballclub", sagt Eike Stöver. Basta.

Dennoch hat der Enddreißiger schon die große Welt geschnuppert. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann bei einer Coca-Cola-Niederlassung in Oldenburg studiert er Betriebswirtschaftslehre an der European Business School in Hamburg. Auslandspraktika führen ihn nach Großbritannien, in die USA und nach Kanada, wo er beim wichtigsten Agrarfrost-Konkurrenten und größten Pommes-Hersteller der Welt , bei McCain, jobt. Dessen Marke (1.2.3. Frites) kommt in Deutschland sogar auf mehr Umsatz als Platzhirsch Stöver mit Agrarfrost.

Ein Geheimnis macht Stöver wie jeder Familienunternehmer um die Geschäftszahlen: "Wir sind mit den Umsätzen und Erträgen in diesem und im vergangenen Jahr sehr zufrieden", sagt er.

Agrarfrost-Inhaber Eike Stöver Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

Das war nicht immer so. Als Vater Reinhold das Kartoffelgeschäft um Feinkost, Fleisch- und Wurstwaren sowie einen eigenen Großhandel mit Zustelldienst ausweitet, verzettelt sich das Unternehmen. Die Aldruper sind zwar überall dabei, spielen aber nirgendwo eine dominierende Rolle. Erträge und Umsätze dümpeln vor sich hin, es fehlt ein klares Profil.

2006 entschließen sich Vater und Sohn zu einem harten Schnitt. "Wir haben uns auf das Kerngeschäft Kartoffel konzentriert", erinnert sich der Junior. Die Stövers verkaufen alles, was nicht direkt mit der Knolle zu tun hat. Das Großhandelsgeschäft geht an Rewe, die Weser Feinkost an einen niederländischen Hersteller.

Binnen weniger Monate magert die Stöver-Gruppe auf diese Weise um fast 200 Millionen Euro Umsatz und 700 Mitarbeiter ab. Entlassungen habe es nicht gegeben, sagt Stöver. Die radikale Schlankheitskur hilft dem Unternehmen. "Seitdem wachsen wir jedes Jahr zweistellig", sagt Stöver, lehnt sich zufrieden zurück und zündet sich eine Marlboro light an.

Kartoffelpreise steigen

Der Radikalumbau macht auch vor der Familie nicht halt. Der heute 72-jährige Senior macht seinem Sohn als Mehrheitsgesellschafter an der Spitze der Unternehmensholding Platz und beschränkt sich auf einen Minderheitsanteil an der Firma.

Seitdem kommt auch wieder öfter Neues aus Aldrup in die Truhen: Ofenpuffer mit Fenchel und Karotten, gewürzte Pommes-Sorten, Mini-Kartoffeltaschen mit Frischkäsefüllung. Dabei werde auf künstliche Geschmacksverstärker, Farbstoffe sowie künstliche Aromen verzichtet und Wert auf einen hohen Anteil gesünderer ungesättigter Fettsäuren gelegt, sagt Manfred Wulf, Eike Stövers Schwager. Der 46-jährige ehemalige Manager des US-Lebensmittelriesen Kraft Foods ist seit 2004 im Unternehmen und für den operativen Teil zuständig.

Sorgen bereitet Stöver zunehmend der Boom bei der Bioenergie. Über 400 Landwirte haben die Aldruper unter Vertrag, die laut Wulf die "besten Böden für Kartoffeln in Deutschland beackern". Fragt sich nur, wie lange noch. "In unserem Landkreis ist schon fast 50 Prozent der Ackerfläche mit Biogas-Mais belegt", schimpft Stöver. "So verlieren wir kostbare Anbauflächen für Lebensmittel an die Biogasherstellung." Schon mache sich der Konkurrenzkampf um die Flächen bemerkbar. "Es hat in diesem Jahr eine knappere Ernte in Europa gegeben", sagt Stöver. "Die Preise für Kartoffelprodukte werden steigen."

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