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Alcatel-Lucent-Chef Ben Verwaayen Neues Bezahlmodell für Internet: "Zuschlag für die 1. Klasse"

Der Chef des weltgrößten Netzwerkherstellers Alcatel-Lucent, Ben Verwaayen, will neue Entgelte im Internet, um Milliardeninvestitionen in Glasfaserkabel zu finanzieren.

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Alcatel-Lucent-Chef Ben Verwayen Quelle: Alcatel-Lucent Deutschland AG

WirtschaftsWoche: Herr Verwaayen, die Telekommunikation gehört zu den wenigen Branchen, die bisher ohne große Verluste durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen ist. Wann erwarten Sie die ersten Schockwellen?

Verwaayen: Es wird niemanden geben, der ohne Blessuren aus der Wirtschaftskrise kommt. Aber ich erwarte, dass Investitionen in die Infrastruktur Teil der Lösung des Problems sind und nicht Teil des Problems. Kurzfristig werden zwar auch wir unter der Krise leiden, doch mittelfristig gehören wir zu den Profiteuren.

Woher nehmen Sie den Optimismus?

Genau genommen stecken wir in zwei Krisen. In einer Finanzkrise, aber auch in einer Umweltkrise, die besonders durch den Klimawandel gekennzeichnet ist. Beide Krisen müssen wir bewältigen. Das kann nur bedeuten, dass wir unser Wirtschaftsleben umgestalten und eine völlig vernetzte, digitale Gesellschaft mit einem neuen Lebensstil schaffen, der deutlich weniger Ressourcen verbraucht, weil wir weniger fahren und somit weniger Treibstoff verbrauchen müssen. Das muss das Herzstück der Lösung für die gegenwärtige Doppelkrise sein.

Macht die aktuelle Wirtschaftskrise nicht gerade diesen Ansatz kaputt? Denn viele Telekommunikationsgesellschaften haben doch beschlossen, ihr Netz auf internetbasierte Übertragungstechniken umzustellen und Web-Zugänge mit Spitzengeschwindigkeiten von 50 Megabit pro Sekunde anzubieten. Werden diese Investitionen jetzt nicht auf die lange Bank geschoben?

Wenn die Regierungen in Europa die richtigen Anreize schaffen, wird nichts auf die lange Bank geschoben, sondern vielleicht sogar vorgezogen. Wichtig ist: Die Telekommunikationsgesellschaften brauchen nicht ständig wechselnde Entscheidungen der Regulierungsbehörden...

...also keinen Zickzackkurs bei der Öffnung der Netze für Wettbewerber...

...vergessen Sie nicht, wir diskutieren über Investitionen für die nächsten 20 Jahre. Dafür muss die Politik Garantien geben. Wir brauchen eine möglichst breitbandige, digitale Infrastruktur, damit wir überall, ob zu Hause, im Büro oder unterwegs, superschnell das Internet nutzen können. Europa sollte diese Gelegenheit nutzen und koordiniert diese Infrastrukturen bauen. In Deutschland gehört der Breitbandausbau zum Konjunkturpaket der Bundesregierung. Das ist gut. In anderen Ländern gibt es ähnliche Programme. Auch gut. Aber wir brauchen einen europäischen Rechtsrahmen, damit die Unsicherheiten für solch eine langfristig angelegte Milliardeninvestition verschwinden.

Damit es überall in Europa superschnelle Glasfasernetze gibt, müssten 300 Milliarden Euro in den Netzausbau fließen. So viel Geld wurde nicht mal während des Internet-Hypes Ende der Neunzigerjahre für die ersten Glasfasernetze zwischen den Großstädten ausgegeben.

Halt. Das Investitionsvolumen ist sicherlich hoch, aber es wird ja nicht in einem Jahr ausgegeben. Außerdem verteilt sich die Summe auf viele Unternehmen. Wir können für 450 Millionen Europäer eine digitale Gesellschaft schaffen. Es gibt genügend Unternehmen in Europa, die ihre Anteilseigner von solch einer Investition überzeugen können. 300 Milliarden Euro ist sicherlich viel Geld. Aber damit bauen wir das Fundament für eine neue Wirtschaft. Je früher wir damit anfangen, umso besser ist das für die gesamte Wirtschaft.

Haben Sie mit der für Medien und Informationstechnik zuständigen EU-Kommissarin Viviane Reding schon darüber gesprochen? Ihr scheinen Preissenkungen für die Verbraucher wichtiger zu sein als gut ausgebaute Glasfaserinfrastrukturen.

Natürlich. Ich habe mit vielen Kommissaren in Brüssel darüber gesprochen. Wir müssen den Politikern erklären, welche einmalige Chance Europa hat. Ich bin ja Mitglied im Rat für Klimawandel in Großbritannien. Mit diesem grünen Hut auf dem Kopf sage ich: Es ist eine fantastische Chance, die gesamte Wirtschaft so umzubauen, dass sich der Kohlendioxidausstoß verringert.

Internet-Riesen wie Google und YouTube profitieren mehr als die Telekommunikationsgesellschaften von solchen Infrastrukturinvestitionen, weil sie kaum etwas für das schnellere Netz zahlen, aber viel mehr Inhalte auf die PCs schicken können.

Die Telekommunikationsgesellschaften stehen vor einem echten Problem. Bis vor Kurzem hatten sie nur ihr altes Telefonnetz. Jeder konnte jeden anrufen oder Faxe versenden, manchmal wurde eine E-Mail verschickt, ganz selten eine Datei heruntergeladen. Die Kunden waren glücklich, bezahlten 32 Euro pro Monat pauschal als Flatrate und telefonierten und surften, so viel sie wollten. Jetzt explodieren die Downloads mit Musik, Videos und Fernsehen, und der Internet-Verkehr wächst so stark, dass die Netzbetreiber mehr als 32 Euro in Rechnung stellen müssten.

Das heißt: Die Netzbetreiber müssen die Anschlusspreise erhöhen, um den Netzausbau zu finanzieren?

Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten. Was ist das Besondere am Internet?

Meinen Sie, dass es wild zusammengewachsen ist?

Und dass es Probleme mit der Sicherheit, mit dem Datenschutz und mit den Urheberrechten etwa an Texten oder Bildern gibt, gegen die nach Lust und Laune verstoßen wird. Es fehlt an, sagen wir mal, vertrauenswürdigen Diensten. Würden Sie nicht zwei Cent mehr etwa für die Online-Buchung einer Reise bezahlen, wenn es Garantien gäbe, dass Ihre Kreditkartendaten nicht in falsche Hände geraten? Natürlich würden Sie das tun. Es gibt Milliarden solcher Transaktionen im Internet. Wenn die Kunden jedes Mal zwei Cent für zusätzlichen Schutz bezahlen, gibt es ein neues Geschäftsmodell, und die Milliardeninvestition in neue Infrastruktur macht sich schnell bezahlt.

Für einen Glasfaseranschluss kalkulieren Netzbetreiber Installationskosten von 2000 Euro pro Haushalt. Um diesen Aufwand zu finanzieren, wie Sie das vorschlagen, müsste ich 100.000-mal übers Internet irgendwas bestellen, kaufen oder abwickeln. Das hieße, jedes Mitglied eines vierköpfigen Haushaltes müsste 25 Jahre lang jeden Tag, ob Werktag, Sonntag oder Feiertag, drei Transaktionen über das Internet tätigen.

Das macht nichts. Sie müssen in Alternativen denken: Wenn ich Sie in Ihrem Düsseldorfer Büro besuche, könnte ich auch per Fahrrad kommen. Das kostet nichts, dauert aber eine Woche. Ich könnte mit dem Bus kommen, dann brauche ich einen Tag. Mit dem Auto sind es acht Stunden. Ich habe das Flugzeug genommen, weil es am schnellsten ist und war bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Genauso sollte auch das Internet funktionieren. Für bestimmte Datentransfers wechsele ich auf die Überholspur der Datenautobahn und zahle dafür ein paar Cent mehr. Dann lohnt sich die Investition in neue Infrastruktur für die Telekommunikationsgesellschaften auch. Der Kunde sollte solche Wahlmöglichkeiten bekommen.

Das funktioniert doch nur, wenn die Telekommunikationsgesellschaften ihre Bezahlinhalte schneller transportieren als zum Beispiel die kostenlosen Angebote von Internet-Firmen wie Google. Werden die Web-Riesen und ihre Kunden dagegen nicht Sturm laufen?

Deshalb schlage ich das auch nicht vor. Ich will, dass der Kunde entscheidet, welcher Service gerade wichtiger für ihn ist. Bei der einen Transaktion kaufe ich eine Sicherheitsvorkehrung. Bei der nächsten verzichte ich wieder darauf. Der Kunde sollte die Macht bekommen, dies zu entscheiden. Der Kunde wählt nicht nur den Dienstleister aus, sondern entscheidet auch, welche professionellen Zusatzdienste zum Einsatz kommen. Der Kunde hat auch bei der Bahn die Wahl zwischen der 1. und der 2. Klasse – und zahlt einen Aufschlag für den Komfortunterschied. Den sollte es auch im Internet geben.

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