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Allianz-Chef Michael Diekmann über die Finanzmarktkrise Weitblick und Sicherheit

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Kräfte bündeln für Nachhaltigkeit

Der Markt korrigiert schonungslos die Exzesse der Vergangenheit.

Noch ist die Systembereinigung nicht abgeschlossen. Wann diese Anpassungskrise zum Halten kommt, ist kaum zu prognostizieren. Es ist deshalb und angesichts vieler Unbekannten vielleicht zu früh, nun schon detaillierte Vorschläge zu machen, wie in Zukunft welche Geschäfte reguliert werden sollten.

Die Frage, was stärker zu regulieren ist und was lieber nicht, sollte nicht aus dem Augenblick heraus beantwortet werden. Kurzfristige Reaktionen schießen meist über das Ziel hinaus. Oder es schleichen sich in die Maßnahmen beliebige Anliegen ein, die nichts zur Gefahrenabwehr beitragen und auf Dauer eher kontraproduktiv sind.

Doch sollen wir deshalb die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, dass sich irgendwie schon alles zurechtrücken wird? Nein. Die Arbeit an den Grundlagen für eine bessere und haltbarere Finanzarchitektur muss bereits heute beginnen. Das Ausmaß des Problems ist gewaltig.

Um zu befriedigenden Lösungen zu gelangen, müssen die sprichwörtlich dicken Bretter gebohrt werden. Da kann das gegenwärtige Krisenmoment nur dienlich sein, um den Willen und die Ausdauer aller Beteiligten für wirklich nachhaltige Lösungen zu schärfen.

In diesem Prozess sollten drei Prinzipien wieder ins Recht gesetzt werden, deren Missachtung zur Krise beitrugen.

Umfassende Regulierung: Die mehr oder weniger willkürliche Unterteilung in regulierte, weniger regulierte und überhaupt nicht regulierte Marktsegmente, -plätze und -teilnehmer lädt zur Regulierungsarbitrage ein. In einem globalisierten, eng miteinander verwobenen Weltmarkt führt die Existenz dieser weißer Flecken zwangsläufig zu Vertrauensverlust und Destabilisierung. Antizyklische Regulierung: Herdenverhalten gehört zu Märkten wie das Phänomen der Massenwanderungen bei den Lemmingen – es wird sich auch in Zukunft nicht unterdrücken lassen. Umso wichtiger ist es, dass der regulatorische Rahmen aus Kapital- und Bilanzierungsregeln dieser Tendenz entgegenwirkt. Internationale Regulierung: Einzelstaatlich denkende Aufsichtsbehörden für global operierende Finanzinstitute werden der heutigen Situation nicht mehr gerecht. Neue Lösungen müssen deutlich mehr sein als eine reine Kooperation der Aufsichtsbehörden. Eine wirksame Regulierung im globalen Maßstab darf die Frage nach der Verantwortung und Entscheidungsmacht nicht ausklammern. Die gegenwärtig andauernde Diskussion um die neue Versicherungsaufsichts-Richtlinie (Solvency II) zeigt indes, wie schwer es selbst innerhalb der EU ist, zu einem internationalen Aufsichtsregime zu gelangen. Ein auf ökonomischen Prinzipien aufbauendes Gruppenaufsichtssystem und die Gewährleistung von limitierten Garantieerklärungen der Muttergesellschaft an die Tochterunternehmen (Group Support) ist sehr wichtig für ein gut funktionierendes Aufsichtssystem in Europa.

Der Staat muss einen Ordnungsrahmen schaffen

Die Herausforderung, eine stabilere Finanzwelt zu errichten, ist immens – aber ohne Alternative, wenn wir die Voraussetzungen dafür schaffen wollen, dass jeder selbstverantwortlich für sich und seine Angehörigen finanzielle Entscheidungen für die Zukunft treffen kann.

Man benötigt dazu kompetente, auf Nachhaltigkeit angelegte Betreuung. Das kann der Staat nicht regulierend abnehmen. Doch er muss den Ordnungsrahmen schaffen, damit Kunden faire, transparente sowie in seinem besten Interesse Wohlfahrt und Lebensqualität fördernde Problemlösungen von Finanzdienstleistern erhalten.

Wir sollten uns jetzt die Zeit nehmen, um unbefangen und sauber die Ursachen des Desasters zu analysieren.

Neben der Allianz Risiko- und Schadenforschung, die wir seit über sieben Jahrzehnten in der Industrieversicherung und seit mehr als 30 Jahren in der Verkehrssicherheit weltweit federführend betreiben, gehen wir jetzt einen Schritt voran.

Wir werden unvoreingenommen makro- und mikroökonomische Phänomene der Realwirtschaft erforschen, auch in ihrer Wechselwirkung mit den Bewegungen an den Kapitalmärkten.

Als erster Versicherer gründen wir eine neue Einheit, die volkswirtschaftliche Forschung und Unternehmensentwicklung unter einem Dach vereint. Sie soll eng mit der Wissenschaft und akademischen Nachwuchskräften zusammenarbeiten. Die Erkenntnisse werden mit der Öffentlichkeit geteilt und diskutiert.

Sie fließen in unser Geschäft ein, sodass Kunden und Mitarbeiter davon profitieren. Wir tun das aus dem Selbstverständnis heraus, zu den Nussbaumpflanzern zu gehören. Und weil wir nichts unversucht lassen wollen, damit diese Krise sich nicht wiederholt.

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