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Alte Autos als Anlage "Oldtimer-Fans restaurieren nicht mehr kopflos"

Andreas Hornig, technischer Leiter des meistbesuchten Automuseums der Welt - dem ZeitHaus in der Autostadt in Wolfsburg, über alte Autos als Geldanlage, den besonderen Reiz unrestaurierter Fahrzeuge, die Suche nach automobilen Raritäten – und sein berufliches Desinteresse an kubanischen Oldtimern.

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Andreas Hornig, Leiter des Oldtimer-Museums ZeitHaus in Wolfsburg

wiwo.de: Herr Hornig, steigert der 125-jährige Geburtstag des Autos auch ihre Besucherzahlen?

Hornig: In den Medien bekommt das Thema Oldtimer mehr Aufmerksamkeit. Doch schon vor diesem Autojubiläum besuchten jährlich mehr als eine Million Menschen das Zeithaus der Autostadt in Wolfsburg. Ich kann aber heute noch nicht sagen, ob die Besucherzahlen wegen des runden Geburtstags in diesem Jahr nochmals steigen werden.

Das Sammeln von alten Autos ist in Deutschland zu einem echten Geschäftszweig geworden. Rund sechs Milliarden Euro setzt die Oldtimer-Branche pro Jahr um. Ziehen auch die Preise für Oldtimer an?

Hornig: Ein altes Auto bietet eine gute Rendite, wenn es ein gefragtes und gesuchtes Modell ist. Da sind durchaus respektable Wertzuwächse pro Jahr möglich. Doch Renditegründe sollten beim Autosammeln nicht im Vordergrund stehen. Sie müssen eine Liebe zu alten Autos mitbringen, denn das Besitzen und Einsatzfähighalten von Oldtimern kostet Geld. Das reicht von Ausgaben für die Instandhaltung, Reparaturen und Unterbringung bis zu den Steuern und Versicherungen.

Auto-Sammeln eignet sich ihrer Meinung nach nicht so richtig als Geldanlage?

Hornig: Nun ja, seit der letzten Finanzkrise gibt es eine gewisse Flucht in haptische Werte. Autos sind physisch da, und ihre Besitzer haben auch noch Spaß damit. Aber man müsste sich im Markt sehr gut auskennen und Strömungen vorausahnen, um hier eine wirklich sichere Rendite zu erzielen.

Welche Arten von Autos sind unter Oldtimer-Fans derzeit besonders gefragt?

Hornig: Alles, was damals als chic und en vogue galt, ist heute ebenfalls angesagt. Ein Volkswagen Karmann Ghia, ob Coupé oder Cabriolet, ist heute immer noch schick und gesucht. In der Hochpreis-Liga, also ab Einstiegspreisen von rund einer halben Million Euro, sind Fahrzeuge wie einige Bentleys oder seltene Bugattis nach wie vor gefragt.

Was macht Autos, die mehr als 30 Jahre alt sind und deshalb Oldtimer-Status haben, besonders begehrt?

Hornig: Bei ganz alten Autos gilt: Je authentischer und originaler, desto besser. Da hat sich in den letzten Jahren die Szene um 180 Grad gedreht. Noch in den 1990er Jahren musste jeder Oldtimer aussehen wie ein Neuwagen oder ein Concours-Auto, das mit dem Wattestäbchen geputzt war. Wenn die Chrometeile nicht perfekt waren, fanden das die Leute nicht angemessen. Heute sind die gesuchtesten Fahrzeuge gut erhaltene Originale, die nahezu unberührt sind – oder deren Geschichte hundertprozentig dokumentiert ist.

Was heißt das genau?

Hornig: Am wertvollsten sind seltene Autos, bei denen klar ist, in welchem Zeitraum sie im Besitz welcher Familie waren, möglichst noch mit authentischen Fotos. Es gibt Autos, die wurden über 70 Jahre am Laufen gehalten, aber nie tiefgreifend restauriert. Die haben Charme und kommunizieren ihr Leben. Jede Beule, jeder Kratzer hat eine Geschichte. Auch unsere Gäste bleiben eher bei Fahrzeugen stehen, die natürlich patiniert sind. Da hat das Leder dann natürliche Struktur und es darf auch mal eine Naht nicht ganz in Ordnung sein. Das macht das Auto viel lebendiger.

Sind Sportautos in der Oldtimer-Szene gefragter als Cabriolets?

Hornig: Grundsätzlich sind Cabriolets immer etwas gefragter. Wenn man sich das Hobby Auto-Sammeln zulegt, möchte man das genießen – möglichst bei gutem Wetter. Bei Cabrios ist das Fahrerlebnis unter diesen Umständen meist etwas größer. Ansonsten sind es Autos wie die Porsche-Modelle 356 und 911 oderEngländer wie ein Austin Healey 3000 oder Jaguar E-Type, die besonders gerne gekauft werden. Das sind Nachkriegsfahrzeuge, die verhältnismäßig einfach instand zu halten sind, weil ihre Ersatzteilversorgung gut ist. Und sie haben gute Rallye-Qualitäten. Mit deren Fahrleistungen können sie ganz gut im modernen Verkehr mitschwimmen.

Können sich nur wohlhabende Zeitgenossen Oldtimer leisten?

Hornig: Ganz im Gegenteil. Das Gros der Oldtimer-Nutzer sind Menschen mittleren Einkommens. Die Gründe, sich ein altes Auto zuzulegen, sind häufig emotional und nicht rational. Oldtimer-Fans kaufen sich ihre Fahrzeuge, weil sie in einem solchen Auto geboren wurden, ihre Jugend darin verbracht haben, oder weil ihr Vater oder Onkel ein solches Auto hatte. Manche wollen auch einfach ihr erstes Auto wiederhaben. Oder sie wollen sich jetzt ein Modell kaufen, das sie bereits vor 30 Jahren haben wollten, sich aber erst jetzt leisten können.

Was hat sich in den letzten zehn Jahren bei Oldtimer-Sammlern verändert?

Hornig: Die Szene ist deutlich professioneller geworden. Und die Menschen restaurieren nicht mehr kopflos drauf los, sondern überlegen bereits beim Aussuchen ihrer Fahrzeuge, was sie haben wollen. Heute sieht man mehr Anzeigen für unfallfreie Fahrzeuge mit Originallack. Das ist immer der bessere Kauf als mehrfach lackierte Fahrzeuge. Natürlich gibt es noch die emotionalen Spontankäufe. Aber die Menschen informieren sich viel stärker als früher. Sie wissen über Marktpreise Bescheid und überlegen vorher, was das Fahrzeug im Unterhalt kostet. An der goldenen Regel des Oldtimer-Kaufs ist schon was dran: Kauf immer das beste Auto, das auf dem Markt ist – weil dann kaufst Du am günstigsten. Und behalte Dir trotzdem stets ein Reserve-Budget in der Hinterhand.

Das Herumbasteln an alten Autos zahlt sich finanziell also nicht aus?

Hornig: Es gibt Käufer, die kaufen einen preisgünstigen Oldtimer, den wir nach dem Schulnotensystem mit 3-4 bewerten, in der Hoffnung, ihn günstig instand setzen zu können. Das böse Erwachen ist dann vorprogrammiert: Wegen der vielen Arbeitsstunden kommt so ein Auto viel teurer, als sich von vorne herein ein gut erhaltenes Auto zuzulegen, in das bereits andere investiert haben. Die meisten Oldtimer, die wir heute auf der Straße sehen, bewegen sich im Zustand 2-3. Das sind dann Fahrzeuge, die mit mittelmäßigem Aufwand zum Laufen gebracht wurden. Die meisten Käufer kalkulieren aber auch ein, welchen Wert ihr Fahrzeug im vollrestaurierten Zustand haben würde.

Wo finden Sie die Autos für Ihre Sammlung?

Hornig: Da gibt es eigentlich nur eines: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Wir sind in der Szene bekannt dafür, dass wir im Zeithaus die automobilen Meilensteine ausstellen, unabhängig von der Marke. Da kommt es natürlich vor, dass Händler und Privatiers uns ansprechen und uns Oldtimer anbieten. Gelegentlich kommen auch Museumsbesucher auf mich zu und fragen, ob wir Interesse an ihrem Oldtimer hätten. Manchmal finde ich Autos aber tatsächlich auch über eBay – wie etwa vor kurzem einen bestens erhaltenen VW Käfer aus dem Jahr 1956.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Fahrzeuge aus?

Hornig: Die Autos müssen in unser Konzept passen. Das Fahrzeug muss einen Meilenstein der Mobilität darstellen – sei es technologisch, im Design oder der Produktionsweise.  Dann sehen wir uns an, ob der Old- oder Youngtimer zum Beispiel das erste oder letzte Fahrzeug der Serie war, das diesen Trend ausgelöst hat

Wie funktioniert der Ankauf konkret?

Hornig: Wenn uns ein Auto angeboten wird, bekommen wir oft  Fotos zugeschickt. Doch auf Fotos können sie längst nicht alles erkennen. In einem persönlichen Gespräch versuchen wir, von den Besitzern möglichst viel über das Fahrzeug und seine Historie zu erfahren. Dann diskutieren wir das Fahrzeug im Museum mit mehreren Experten. Im nächsten Schritt sehe ich mir das Auto vor Ort an, danach schicke ich einen unabhängigen Sachverständigen. Anschließend  sprechen wir über den Preis – und wenn wir uns einigen können, wird das Fahrzeug erworben. Sie sehen also, das ist ein recht langer Weg, der uns andererseits vor Fehlkäufen gut schützt.

Sind für Sie da noch so richtige Schnäppchen drinnen?

Hornig: Nein. Der Markt ist mittlerweile sehr professionell. Vor kurzem haben wir einen Porsche 911 Turbo aus dem Jahr 1982 gekauft. Der Besitzer hat sein Auto wie seinen Augapfel gehütet. Als er verstorben war, rief mich seine Witwe an und bot mir das Auto an. Sie wollte etwas über 40.000 Euro für das Fahrzeug haben. Auf meine Frage, wie sie denn auf den Preis komme, sagte sie, sie hätte im Porsche-Zentrum angerufen. Die hätten ihr den Marktwert mitgeteilt. Die Menschen informieren sich, bevor sie ihre Fahrzeuge anbieten.

Landen echte Raritäten auch auf verschlungenen Wegen im Zeithaus?

Hornig: Selten, aber doch: Vor kurzem haben wir einen Cisitalia 202 SC von 1950 angeboten bekommen. Das Auto steht in Argentinien, das ist nicht gerade um die Ecke. Über Volkswagen haben wir Kontakte in das Land. Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir einen Gutachter nach Argentinien geschickt, der hat das Auto bewertet. Seit letzter Woche steht der Wagen in Südamerika auf dem Volkswagen-Gelände, weil wir das Auto gekauft haben.

In welchen Ländern werden Sie üblicherweise fündig?

Hornig: Der Oldtimer aus Argentinien ist ein Ausnahmefall. In der Regel sind Autos aus Übersee für uns nicht von Interesse. Europa ist für uns ein guter Markt, wie auch Skandinavien. Gerade aus Nordschweden kommen gut erhaltene Autos, weil dort im Winter kein Salz gestreut wurde. Auch die Schweizer wussten schon immer, was gut ist, und haben manche Autos gut weggestellt. Das sind unsere Hauptmärkte.

Viele Kuba-Reisende bewundern die amerikanischen Straßenkreuzer der 1950er-Jahre, die noch im Land herumfahren. Sind diese Autos auch für sie als Oldtimer-Museum interessant?

Hornig: Nein, überhaupt nicht. Das sind schöne Autos der 1950er und 1960er-Jahre mit toller Optik, doch nach unserer Definition sind da keine automobilen Meilensteine dabei. Aufgrund der Mangelwirtschaft sind die Autos meist nicht in einem guten Zustand. Mitunter werden sie am Leben erhalten, indem andere Motoren oder Achsen eingebaut wurden. Da steht die Nutzungsfähigkeit vor der Erhaltung des Originalzustands – und das ist für uns dann weniger von Interesse.

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