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Aquafarming Fatale Lust auf Shrimps

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Sauberes Wasser ist wichtig

Auf den Tisch kommen die Quelle: dapd

Der Chinese Lin Daoli, ein kleiner hagerer Mann mit steilen Sorgenfalten auf der Stirn, spricht im Gegensatz zu Bauer Cai Huaguang sofort von der Umweltverschmutzung, die seine Zucht auf Hainan bedroht. "Das Dreckwasser der Städte und Industrie, und hier vor allem die Rückstände aus der Landwirtschaft, Dünger und Pestizide, verseuchen die Lebensgrundlage der Shrimps – und bedrohen unsere Existenz", beklagt der Farmer. Er zeigt auf die braune Brühe, die an seinen Anlagen vorbeifließt. Auch in den Zuchtbecken selbst sammelt sich der Dreck. Die Abwässer gelangen zurück in den Wasserkreislauf und verschlimmern die Situation weiter. "Unser Wasser hier ist inzwischen wirklich schmutzig", sagt er. Es gebe einfach zu viele Aqua-Farmen an den Küsten. "Alle pumpen ihr Schmutzwasser in die Kanäle und vergiften damit die übrigen Farmen."

Inzwischen haben viele Farmer in der Yingbin-Bucht allerdings verstanden, dass sie besser auf ihr Wasser achtgeben müssen, wenn sie weiterhin am weltweiten Krabbenhunger verdienen wollen. Bauer Lin Daoli und seine Nachbarn setzen deshalb auf Mischwirtschaft. Neben den Shrimpsteichen bauen die Farmer in einigen Bassins Seegras an, das viele der überschüssigen Nährstoffe aus den Garnelenbecken absorbieren kann. Seegras bringt auf dem Markt kaum etwas ein, doch wenn alle mitmachen, verbessert sich die Wasserqualität und sichert so das Geschäft mit der Shrimpszucht. Die ersten Betriebe stellten sogar schon auf Biostandards um.

Andere gehen noch unkonventionellere Wege, um ihren Shrimps sauberes Wasser zu bieten. Schlagzeilen machte in China kürzlich ein Züchter aus Zhangjiang, auf dem Festland gegenüber von Hainan. Um seine aus Hawaii importierten Edel-Garnelen-Larven erfolgreicher aufzuziehen, importierte er ihren Lebensraum gleich mit. Die 81 Tonnen hawaiianisches Meerwasser, die er bestellt hatte, passierten den Zoll ohne Schwierigkeiten.

Aus den Skandalen zu Beginn des Jahrtausends haben aber vor allem die Thailänder gelernt. Die Regierung erließ strenge Vorschriften und verschärfte die Kontrollen. Sureerath Hongrath und ihr Mann Prayoon gingen noch einen Schritt weiter. Sie stellten die Produktion von Shrimps auf Bio um. Ihre Farm ließen sie nach den Kriterien des deutschen Ökoverbandes Naturland zertifizieren. Das ist ein besonderes Verfahren, welches jeder durchlaufen muss, der mit einem speziellen Siegel dokumentieren möchte, dass er soziale und ökologische Standards einhält. Die von Naturland gelten als streng, allerdings ist der Verband nicht der einzige, der auf diesem Gebiet aktiv ist. Allein in Europa gibt es 19 Initiativen dieser Art.

Die Thailänder Sureerath und Prayoon Hongrath gründeten ihre Farm 1985. Heute zählt sie mit 143 Teichen zu den ganz Großen im Lande. Vater Prayoon gilt als der Shrimps-Papst in Thailand, Sohn Kritsadaund unterstützt seine Eltern bei der Verwaltung des Familienbetriebes: "Wir sorgen uns derzeit wegen der weltweiten Wirtschaftskrise", teilt er mit. "Wir hoffen aber, dass uns die Bioproduktion wachsende Geschäfte in Europa verschafft."

"Auch in anderen Ländern hat sich vieles verbessert", sagt Stefan Bergleiter, der bei Naturland für die Aquakultur zuständig ist. Nicht selten kämen Farmer den Ökostandards sogar recht nahe. Aber es würden noch immer viele Kompromisse geschlossen. So habe die EU im vergangenen Jahr zwar endlich eine neue Bioverordnung erlassen, die erlaube aber zum Beispiel die einmalige Zugabe von Antibiotika, auch wenn die Tiere gar nicht krank seien.

"Trotzdem ist es ein Fortschritt, dass es nun endlich eine europaweite gesetzliche Regelung für Fische und Krustentiere aus der Aquakultur gibt", sagt Bergleiter. Der Naturland-Fachmann weiß, wie weit der Weg noch ist, bis ein merklicher Teil der Garnelenproduktion nach Ökostandards erfolgt. Gerade einmal 30 Zuchtbetriebe hat Naturland weltweit zertifiziert. Und das ist immerhin noch mehr als jeder andere Ökoverband.

Ein weiterer einflussreicher Mitspieler in dieser Bewegung ist die Umweltorganisation WWF. Dort hoffen die Experten, demnächst die Ergebnisse einer globalen Initiative präsentieren zu können.

Der WWF fungiert als Geburtshelfer für eine weitere Organisation, die – ähnlich wie die EU – dafür sorgen will, dass es bei der Fisch- und Krabbenzüchtung in Becken und Teichen nach sozialen und ökologischen Regeln zugeht. Derzeit ringen Wissenschaftler, Umweltschützer sowie Menschenrechtler mit Vertretern aus Industrie und Regierungen noch um Details. "Bis zum Ende des Jahres", so hofft Heike Vesper, Fischereiexpertin beim WWF, "wird es die neuen Standards geben."

Schon einmal hatte der WWF mit einer solchen Initiative Erfolg. Es ging darum, der rücksichtslosen Meeresfischerei Einhalt zu gebieten. Inzwischen klebt auf immer mehr Verpackungen das Siegel des MSC. In der Langform heißt das Marine Stewardship Council . Wer ein so gekennzeichnetes Produkt kauft, kann sicher sein, dass er nicht zur Überfischung beiträgt.

"Fischereibetriebe und der Handel beobachten diese Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit", sagt Heike Vesper. Und das, obwohl die Fischbranche nach den Skandalen mit eigenen Initiativen dafür gesorgt hat, dass bei ihren Lieferanten bestimmte Regeln eingehalten werden. Doch dabei geht es hauptsächlich um Qualität und Hygiene, nicht um die Umwelt oder soziale Aspekte. Vor allem aber: Für den Verbraucher bleibt dieses Engagement der Industrie undurchsichtig.

Wie aber kann man erkennen, ob ein Produkt ökologisch keinen Schaden angericht hat und bei der Produktion Sozialstandards eingehalten wurden? "Das", sagen Heike Vesper und Stefan Bergleiter von Naturland übereinstimmend, "geht eben nur über eine Kennzeichnung."

Besonders rigoros agiert dabei die Umweltorganisation Greenpeace. Sie zertifiziert zwar keine Betriebe, überwacht aber Handel und Produzenten. Sie nimmt sich seit 2007 regelmäßig die Einkaufspolitik von elf Handelsketten vor und prüft deren Kriterien bei der Beschaffung von Fischprodukten.

Der jüngste Test fiel erfreulich positiv aus – zumindest für Fische. Garnelen hingegen kommen ziemlich schlecht weg. Weil Greenpeace noch strengere Kriterien anlegt als andere Öko- und Umweltverbände, hält die zuständige Fachfrau Iris Menn den Konsum von Shrimps für "grundsätzlich nicht vertretbar". Sie macht nur wenige Ausnahmen: Dazu zählen die von Naturland in Thailand und Bangladesch zertifizierten Farmen. Heike Vesper vom WWF glaubt hingegen, dass man mit Perfektionismus nicht weit kommt. Sie sagt: "Wir müssen in der Summe einen hohen Effekt erzielen."

Zahlen über den Markt zeigen, wie viel es noch zu tun gibt. Laut einer aktuellen Studie von Naturland und dem Beratungsunternehmen Organic Services geben die Verbraucher weltweit satte 60 Milliarden Euro für Fische und Krustengetier aus Aquakulturen aus. Aber nicht einmal ein Prozent davon fließt in Bioprodukte.

Dieser Artikel ist zuvor erschienen auf Zeit online 

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