Arbeitsmarkt Zeitarbeit korrigiert ihr Ausbeuter-Image

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Bernd Rath

Als wolle er klarmachen, dass die Freidemokraten es wirklich ernst meinen, ergänzte am vergangenen Dienstag Kolbs Fraktionskollege Pascal Kober: „Dass der Zeitarbeitnehmer auch nach einer angemessenen Einarbeitungszeit für die Montage der linken Autotür weniger bekommt als der Stammbeschäftigte für die rechte Autotür, ist nicht zu vermitteln.“

Die FDP treibt mit ihren Forderungen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor sich her. Die bastelt schon seit Anfang des Jahres an schärferen Regeln für die Zeitarbeit. Es drohen Restriktionen, die alle Zeitarbeitsunternehmen stärker an die Leine nehmen, also auch die, die sauber arbeiten.

Dass in seiner Branche aufgeräumt werden muss, fordert auch der Unternehmer Bernd Rath aus Schwäbisch Hall. Rath ist Inhaber des Zeitarbeitsunternehmens Bera mit derzeit 1000 Beschäftigten und einziger privatwirtschaftlicher Arbeitnehmerverleiher, der das Siegel Arbeit plus der Evangelischen Kirche in Deutschland führen darf.

„Es wird in vielen Unternehmen systematisch beschissen“, sagt Rath. Das Urlaubsgeld werde oft nicht auf Grundlage der tatsächlich geleisteten, sondern der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit berechnet und der Arbeitnehmer dabei betrogen. Oft nutzten Niederlassungsleiter auch renommierter Verleihunternehmen systematisch solche Spielräume und würden von den Zentralen nicht konsequent kontrolliert: „Man macht das mit den Leuten, die das Geschäft nicht kapieren.“

50 Prozent unkorrekte Verträge

So ging es auch einem jungen Mann, der gegenüber der WirtschaftsWoche seine Erfahrungen aus zehn Jahren Zeitarbeit bei einem halben Dutzend Verleihfirmen offenbarte. Jenseits der Hochglanzbroschüren ist es immer noch ein Hardcore-Geschäft. „Du musst flexibel sein bis zum Gehtnichtmehr“, sagt der Rheinländer: „Abends erfuhr ich den Einsatzort des nächsten Tages. Der lag so ungünstig, dass ich mit An- und Abreise per Bus und Bahn zwölf Stunden weg war, aber nur für sechs Stunden Nettoarbeitszeit bezahlt wurde. Bei einem Stundenlohn von 6,65 Euro waren das 39,90 Euro für einen ganzen Tag.

Für Feiertage setzte einer der Arbeitgeber des heute 31-Jährigen die Lohnfortzahlung willkürlich aus. In verschiedenen Unternehmen musste der Zeitarbeitsprofi, der inzwischen sein Fachabitur nachgemacht hat und unter 7,50 Euro pro Stunde nicht mehr antreten will, in einsatzfreien Phasen unter Druck Urlaub nehmen: „Dabei wird der Antrag so zurückdatiert, dass es aussieht, als sei der Urlaub freiwillig genommen worden.“

USG-People-Manager Schulz bestätigt, dass Tricksen immer noch zum Tagesgeschäft vieler Unternehmen gehört: „Dabei machen sich Manager, die Missstände dulden und keine systematischen Maßnahmen dagegen ergreifen, rechtlich angreifbar.“

Bei USG war Revisionschefin Sonja Greve vor sechs Jahren noch Einzelkämpferin. Jetzt steuert sie ein neunköpfiges Team, das mit Zugriff auf alle Unternehmensdaten und mit unangemeldeten Besuchen der Niederlassungen auffälligen Abweichungen nachgeht. Besonders genau wird hingesehen, so Greve, bei überproportionalem Wachstum der Filiale, bei einer Häufung von Kündigungen oder einer hohen Zahl von 400-Euro-Jobbern. Die werden oft auf dem Papier länger beschäftigt, als der tatsächliche Job dauert, um die Lohnzahlungen illegal auf längere Zeiträume zu verteilen. Bei 50 Prozent der geringfügigen Arbeitsverhältnisse stellte Greve Mängel und Unkorrektheiten fest – mit der Konsequenz, dass solche Jobs nun bei USG auf dem Index stehen.

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