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Arcandor-Insolvenz Berggruen sammelt Karstadt ein

Die Zitterpartie für die rund 25.000 Karstadt-Mitarbeiter hat ein Ende: Der Privatinvestor Nicolas Berggruen kauft die insolvente Handelskette und will alle 120 Warenhäuser weiterführen. Doch taugt der Sohn des Berliner Kunstsammlers Heinz Berggruen, wirklich zum Karstadt-Retter? Wer der Käufer ist, wie es weiter geht und was jetzt auf die rund 25.000 Karstadt-Beschäftigten zukommt.

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Nicolas Berggruen (r) und Quelle: dpa

Vor fast einem Jahr hat die Essener Warenhauskette Karstadt Insolvenz angemeldet. Nun steht ein Käufer fest: Der 48-jährige Privatinvestor Nicolas Berggruen übernimmt das traditionsreiche Unternehmen mit 25.000 Mitarbeitern und 120 Filialen. Darauf verständigte sich am Montag der Karstadt-Gläubigerausschuss nach einer achtstündigen Sitzung in Essen. Bis Mittwoch soll nun ein Kaufvertrag unterschrieben werden, damit am Donnerstag das Amtsgericht Essen den Verkauf und das Inkrafttreten des Insolvenzplans besiegeln kann. Damit wäre Karstadt endgültig gerettet.

Berggruen kündigte nach der Entscheidung an, er wolle den Warenhausriesen attraktiver und interessanter machen. Gemeinsam mit den Beschäftigten werde er im kommenden Jahr das 130-jährige Jubiläum von Karstadt feiern, versprach Berggruen. Und das wichtigste: Es werde keinen weiteren Arbeitsplatzabbau geben.   "Wir präsentierten das beste Geschäftskonzept, die am stärksten unternehmerisch ausgerichtete Strategie, und wir bieten die höchsten Chancen für nachhaltigen Erfolg", tat der künftige Karstadt-Eigner per Pressemitteilung kund.

Kleines Kunststück

Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg gab sich derweil gewohnt zurückhaltend. Er sprach von einem wesentlichen Schritt für die Warenhauskette. Tatsächlich ist dem Insolvenzverwalter und seinem Team ein kleines Kunsstück gelungen. Noch zum Jahreswechsel hatte kaum jemand in der Branche damit gerechnet, dass es Görg gelingen würde, einen Insolvenzplan vorzulegen und einen Käufer zu finden. Nun komme es darauf an, so Görg, die Kunden in die Warenhäuser zu bringen.

Der Vertrag mit Berggruen soll so schnell wie möglich unterzeichnet werden. Im August solle er dann rechtsverbindlich werden. Unter anderem muss noch das Bundeskartellamt den Zuschlag an den Investor billigen - und dieser muss offensichtlich weiter mit Highstreet um die Mieten der Warenhäuser pokern. Denn die Vermieter der Warenhäuser, das Konsortium Highstreet um die US-Investmentbank Goldman Sachsen, scheinen nicht zu weiteren Konzessionen bei den Mieten bereit zu sein, wie Berggruen sie gefordert hatte: "Wir bleiben unverändert bei den Konditionen unseres Angebots", betonte ein Highstreet-Sprecher. Auch Highstreet hatte für Karstadt geboten und galt lange Zeit als Favorit. Berggruen teilte mit, er erwarte In den kommenden Verhandlungen, dass "alle Beteiligte aktiv auf den Abschluss der weiteren Vereinbarungen hinarbeiten", damit "wir bald mit der richtigen Arbeit beginnen können, nämlich Karstadt wieder auf Kurs zu bringen.“

Vermieter gefordert

Wie Berggruen das Unternehmen allerdings ohne weitergehende Sparmaßnahmen sanieren will, ist fraglich. Bei den Arbeitenehmern will Berggruen nicht sparen und wenn sich die Vermieter weiter sträuben sollten, könnte Karstadt in ein paar Jahren wieder in die Verlustzone rutschen. Ohnehin sind die Details des Rettungsplans noch wage, Erfahrung im Einzelhandel bringt der Investor nicht mit. 

Berggruen, Sohn des während der Nazi-Diktatur emigrierten Berliner Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen, investiert weltweit in Immobilien und andere Branchen wie etwa erneuerbare Energien. Eigenen Worten zufolge legt er dabei Wert auf langfristige Engagements. Seine Beteiligungsgesellschaft basiere "auf einem langfristigen, wertorientierten Gedankengut und nimmt häufig Positionen ein, die im Gegensatz zur vorherrschenden Marktmeinung stehen".

Für sein Karstadt-Angebot hatte sich Berggruen als Partner den weltweit aktiven Textilunternehmer Max Azria ins Boot geholt. Er wolle dem Konzern "frische und attraktive Perspektiven" eröffnen, hatte Berggruen angekündigt. Ihm gehe es darum, die "Kultmarke Karstadt" und die 25.000 Arbeitsplätze zu retten. Ob das gelingt, muss sich zeigen. Immerhin hat Berggruen Erfahrung mit Sanierungen gesammelt: Ende 2007 hatte Berggruen wesentliche Teile des in die Insolvenz gegangenen Möbelherstellers Schieder aus Westfalen übernommen und fortgeführt.

Erbittertes Bieterrennen

Der Entscheidung des elfköpfigen Karstadt-Gläubigerausschusses waren dramatische Wochen vorausgegangen. Immer wieder war das Votum der Karstadt-Gläubiger verschoben worden. Gerüchte hatten Ungewissheit über die Zukunftsperspektiven der bundesweit 120 Karstadt-Warenhäuser geschürt. Bis zur letzten Minute hatte es auch am Montag noch ein erbittertes Bieterrennen um Karstadt gegeben. Nach Angaben des Sprechers von Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg, Thomas Schulz, hatte sich noch Berggruen und der deutsch-schwedische Investor Triton ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Triton hatte Zugeständnisse sowohl von den Vermietern als auch von den Arbeitnehmern gefordert. Vor allem Verdi hatte sich gegen Triton gesperrt und sich schon im Vorfeld der Gläubigerausschussitzung auf Berggruen festgelegt. 

Kaufhof geht leer aus

In Lauerstellung lag auch der Handelsriese Metro, der auf einen Zusammenschluss seiner Warenhauskette Kaufhof mit attraktiven Karstadt-Häusern gehofft hatte. Ist Berggruens Karstadt-Übernahme tatsächlich in trockenen Tüchern, muss Metro diese Pläne wohl begraben und einen Käufer für die Kaufhof-Kette finden, die der Konzern zum Verkauf gestellt hat.

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