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Architekt Wolfgang Christ im Interview Shoppingcenter: Schrittmacher fürs Herz der Stadt

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Piazza des Paseo Colorado

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat jüngst mehr Mut zur Monumentalität gefordert, gerade in der Handelsarchitektur. Die Architekten sollten vom Elfenbeinturm in den Kontrollturm wechseln. Was halten Sie davon?

Gar nichts, denn im Kontrollturm waren sie ja mal als Hohepriester der Moderne. Dieser Führungsanspruch ist in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit der Kritik an der Moderne zu Recht völlig zusammengebrochen. Was wir brauchen, ist eine solide Ausbildung und Teamfähigkeit. Und eine Baukultur des Konsums. Unsere Studenten müssen lernen, nachhaltige Orte und Räume für das Dienstleistungszeitalter zu bauen. Dann wären sie in der Lage, die Rolle auszufüllen, die bisher nicht besetzt ist: die des Experten für den Raum des Centers und der Stadt.

Wie ist die Entwicklung in anderen Ländern?

In den USA werden 50 Prozent des Einzelhandelsumsatzes in Shoppingcentern erwirtschaftet, in Deutschland sind es zehn Prozent. Shoppingcenter sind in den USA akzeptierter Teil der Alltagsarchitektur. Infolgedessen gibt es dort auch mehr Büros, die Shoppingcenter qualifiziert bauen. Ähnliches gilt für unsere europäischen Nachbarn. Architekturbüros wie die von Rem Koolhaas, Jean Nouvel, Herzog & de Meuron oder Ortner und Ortner waren sich nie zu schade, für den Handel zu bauen. Dies ist ein Hoffnungsschimmer.

Wodurch unterscheidet sich die neuere Center-Architektur von den Malls alten Stils?

Dadurch, dass sie sich zur Stadt und ihrem öffentlichen Raum hin öffnet. Der amerikanische Architekt Jon Jerde hat das Mitte der Achtzigerjahre zum ersten Mal demonstriert, mit der Horton Plaza in der Innenstadt von San Diego. Er nahm die bestehende Mall völlig auseinander, verzichtete auf eine Überdachung und entwickelte einen aus der toskanischen Hügelstadt abgeleiteten Raumtypus. In den Vordergrund treten Plätze, Balkone, Brücken und Treppenfiguren, also die Räume zwischen den Läden, die sich erst durch die Bewegung der Passanten, durch wechselnde Perspektiven und Standpunkte erschließen und nie komplett überblickt werden können. Eine höchst atmosphärische Architektur, die alle unsere Sinne anspricht und seit mehr als 20 Jahren bestens funktioniert.

Erinnert sie nicht fatal an Architektur von Ferienhotels und Clubanlagen?

Genau genommen erzählt Jerde die Geschichte der südkalifornisch-mexikanischen Baukultur, mit ihren Farben und ihrem besonderen Licht. Vor allem: Er zeigt, dass man auch mit einer Großfigur eine kleinteilige, spannungsvolle Raumkomposition schaffen kann, wie wir sie von den Klöstern des Mittelalters kennen.

Was können wir von Jon Jerde lernen?

Erstens: dass man mit einem Shoppingcenter eine Innenstadt wiederbeleben kann. Zweitens: dass das Shoppingcenter sich verändern muss, wenn es in die Stadt zurückkommt. Es muss sich radikal den Bedürfnissen und Bedingungen einer Innenstadt anpassen. Wir machen heute einen strategischen Fehler, wenn wir den suburbanen Erfolgstyp, die geschlossene Großfigur mit einer Mall in der Mitte, die ausschließlich auf eine automobile Kundschaft ausgerichtet ist, in die Innenstädte implantieren. Auf diese Weise holen wir ein Stück vorstädtische Kultur in das urbane Herz einer Stadt.

Hinkt die deutsche Debatte über Shoppingcenter hinter der internationalen Entwicklung her?

Nicht unbedingt, aber in den Niederlanden, etwa in Almere bei Amsterdam, und in Großbritannien gibt es Versuche, dieses traditionelle Korsett zu sprengen und den Handel wieder auf den öffentlichen Raum zu orientieren. Vorbild ist die Textur der gründerzeitlich parzellierten Stadt, der vertikal gegliederten Häuserzeilen mit ein- oder zweigeschossigen Läden, darüber Büros, Praxen und Wohnungen.

Und in den USA?

…ist die Transformation des Shopping- centers aus einer introvertierten, mallgestützten hin zu einer extrovertierten, straßengestützten Struktur in den vergangenen zehn Jahren vielerorts gelungen. An vielen innerstädtischen Standorten klassischer Malls sehen die Investoren nur zwei Möglichkeiten: die Mall brach fallen zu lassen oder sie komplett städtisch umzubauen. Es gibt in den USA kein großes Shoppingcenter-Unternehmen, das nicht eine mittel- bis lang- fristige Strategie der Umwandlung traditioneller Malls in Stadtcenter betreibt. Nur dann kann man auch sinnvoll eine Erhöhung der Einwohnerzahlen in der City erwarten.

Mit der Absicht, dass vor allem die Besserverdienenden zuziehen?

Sicher. Die müssen den Anfang machen, denn sie haben die Stadtzentren auch als Erste verlassen. Wenn sie zurückkommen, ziehen andere nach.

Dieser Trend ist doch auch in Deutschland längst erkennbar.

Ja, zum Beispiel in Leipzig, ansonsten aber eher in homöopathischen Dosen. Das ist nicht zu vergleichen mit einer Stadt wie etwa Chicago, wo allein zwischen 2000 und 2006 mehr als 48.000 Menschen in die City zurückgekehrt sind. Ein Plus von fast 50 Prozent. Das Shoppingcenter ist nur ein Baustein dieser Entwicklung. Nehmen Sie das Paseo Colorado in Pasadena, ein Shoppingcenter im Bestand einer ehemaligen Einkaufskiste. Es wirkt wie eine Fußgängerzone, mit Restaurants und Cafés in einer gründerzeitlichen Bebauung. 378 teure Wohneinheiten wurden auf das Center gesattelt. Warum? Weil ein solches Center sich langfristig nur dann rentiert, wenn viele Menschen zu Fuß oder mit der Straßenbahn dort hinkommen können, um einzukaufen oder einen Kaffee zu trinken.

Damit diese extrovertierten Shoppingcenter funktionieren, muss die Innenstadt also als Wohnstandort aufgewertet werden?

So ist es, und zwar so massiv wie das Center den Einzelhandel aufwertet. Leider passiert das bei uns zu wenig. Was ich vermisse, sind offensive Leitbilder. Die Städte müssten sagen, was sie schon mittelfristig wollen, wie viele Menschen in Zukunft in der Innenstadt wohnen sollen und welche Wohnqualität sie dort antreffen werden.

Wie machen es die Städte anderswo?

In den USA wird die Stadtentwicklung zwar vom Markt angetrieben, zugleich haben die Städte aber eine sehr starke Stellung. Außerdem hat es sich schlicht als renditeträchtig erwiesen, in traditionelle Innenstadtqualitäten zu investieren. Es gibt sogar Fälle, wo die Städte von den Investoren dazu überredet worden sind, statt eines Shoppingcenters ein Stadtcenter mit gemischten Nutzungen aufzubauen.

Würden Stadtcenter, wie Sie sie empfehlen, auch in kleineren oder mittleren deutschen Städten funktionieren?

Die Shoppingcenter-Industrie spricht von einer Mindestgröße von 10.000 Quadratmetern. Wenn man aber berücksichtigt, dass die Läden vor allem von der Qualität des öffentlichen Raums profitieren, wage ich die These, dass man auch mit weniger auskommt.

Für die Discounter und Fachmärkte scheint das nicht zu gelten.

Nein, deren Flächenverbrauch ist, bezogen auf die Grundstücksfläche, fünfmal höher als derjenige der Shoppingcenter. Bezogen auf die Verkaufsfläche sogar 30-mal höher. Da entstehen Megastrukturen mit ungeheurem Flächenverbrauch. Eigentlich ein Skandal. Trotzdem schreit niemand auf. Offensichtlich weil es sich um Ortsränder und die Zwischenstadt handelt. Noch nie in der Geschichte des Handels haben wir einen solchen baukulturellen Tiefpunkt erlebt.

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