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Architekt Wolfgang Christ im Interview Shoppingcenter: Schrittmacher fürs Herz der Stadt

Der Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ über Shoppingcenter als Schrittmacher fürs Herz der Stadt.

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Wolfgang Christ, Jahrgang 1951, studierte Architektur und Philosophie an der Technischen Hochschule Darmstadt. Seit 1993 ist er Professor für Entwerfen und Städtebau an der Bauhaus-Universität Weimar

WirtschaftsWoche: Herr Christ, alle drei Wochen entsteht in Deutschland ein Shoppingcenter. In einer Umfrage hingegen gestanden deutsche Architekten, dass sie am liebsten alle Shoppingcenter, Discounter und Urban Entertainment Center abreißen würden. Woher kommt diese Vernichtungslust?

Christ: Vordergründig aus dem Unbehagen an der standardisierten Formensprache dieser Architektur. Sie gilt als kommerziell, öde, gesichtslos. Dahinter steckt aber noch etwas anderes. Das Shoppingcenter wird als Niederlage verstanden im Kampf gegen die Amerikanisierung, sprich Modernisierung, unserer Städte. Dazu kommen die Ängste gegenüber der Globalisierung, die historisch schon immer von Handel und Händlern repräsentiert wurden und in Deutschland gerade in der Epoche des Warenhauses nationalistisch und antisemitisch geprägt wurden.

Und das sind Ressentiments, die heute tatsächlich noch fortwirken?

Durchaus. Es gibt da eine hochkomplexe Melange von Vorurteilen gegen eine mächtige urbane Großstruktur, die sich seit etwa zehn Jahren nicht mehr nur in Gewerbegebieten niederlässt, sondern in das Herz der europäischen Stadt vordringt. Center und Mall werden als eine fremde Kultur betrachtet, die unsere alteuropäische Identität bedroht.

Historisch spricht doch auch einiges dafür.

Nein, schon deshalb nicht, weil historisch gesehen die amerikanische und europäische Stadt keine Antipoden, sondern enge Verwandte sind. Ihre Urform ist der Marktplatz. Das erste Shoppingcenter ist 1954 in den USA in Northland bei Detroit von dem in Wien geborenen Architekten Victor Gruen entworfen worden, als Handelsplattform mit einem Kaufhaus in der Mitte, um das eingeschossige Läden, eine großzügige Fußgängerzone mit Plätzen und Grünanlagen arrangiert sind. Gruen hat versucht, typisch europäische Innenstadtqualitäten in die amerikanische Suburbia zu verlagern. Im Grunde verstand er sich als Nachbarschaftsplaner. Das Shoppingcenter sollte das Herz von Suburbia werden, zu Fuß erreichbar, umgeben von Wohnhäusern, Schulen und Kindergärten.

Von dieser Vision der Gemeinschaftsbildung ist aber so gut wie nichts geblieben.

Stattdessen hat sich mit der amerikanischen Autokultur in den Fünfzigerjahren ein fordistisches Modell durchgesetzt: das Shoppingcenter als Tankstelle für Lebensgüter des täglichen Bedarfs. Hinfahren, einkaufen, wegfahren. Übrig geblieben ist die Kiste auf der grünen Wiese, die wie ein Fließband aufgebaut ist. Um hohe Umschlagzahlen zu erreichen, sollte der Kunde schnell hindurchgeschleust werden; später galt das Gegenteil, die hohe Verweildauer in einer künstlichen Erlebniswelt.

Und dieser Centertyp gehört in den USA der Vergangenheit an?

Jedenfalls teilweise. Und dies vor allem im Zuge der Rückbesinnung auf die kompakte Stadt. Es war die sogenannte kreative Klasse – Künstler, Designer, Werbeleute –, die in den Neunzigerjahren die verlassenen Innenstädte wieder entdeckt hat. Für die ist Suburbia, mit Einfamilienhaus und stundenlangen Pendlerzeiten, kein geeignetes Biotop. Die braucht attraktive Treffpunkte. Und die gibt es nur in den Städten. Da sind die Bühnen der Lebensstilgesellschaft. In Europa haben wir einen vergleichbaren Fall in Manchester, wo zwischen 1996 und 2005 an die 20.000 Menschen in die zuvor unbewohnte City gezogen sind. Die suchen natürlich nach anspruchsvollen Einkaufsmöglichkeiten.

Und in Deutschland?

Ziehen die Bewohner, von Ausnahmen abgesehen, nach wie vor an den Stadtrand. Die viel beschworene Renaissance der Mitte ist empirisch nicht nachweisbar. Die einzige urbane Funktion, die in vielen Fällen ihren Schwerpunkt immer noch in der Innenstadt hat, ist der Handel.

Mit der Folge, dass sich unsere Innenstädte zunehmend in ganz gewöhnliche Shoppingcenter verwandeln werden?

Nicht zwangsläufig. Richtig ist: Seit Shoppingcenter in der gesamten EU in der Regel nur noch an städtebaulich integrierten Standorten genehmigt werden, investiert die Shoppingcenter-Industrie massiv in die Innenstädte. Innerhalb von drei bis fünf Jahren entsteht dann auf relativ großer Fläche ein massives Investment von zum Teil mehreren Hundert Millionen Euro, das kaum begleitet wird von vergleichbaren Investitionen in die restlichen Stadtfunktionen Wohnen, Arbeiten, Kultur et cetera.

Das heißt, die Shoppingcenter-Investoren sind allein auf der Bühne der Innenstadt. Mit welchen Folgen?

Sie sind nicht alleine, aber es bleibt im Wesentlichen der Handel, mit dem die Verantwortlichen der Stadt ihre zentralen Stadtlagen entwickeln können, und dabei überfordern sie deren Kräfte. Man erhofft sich durch die Konkurrenz eines Centers zum Beispiel eine Erneuerung des existierenden Handels, der dadurch gezwungen wird, qualitativ aufzurüsten, sich zu organisieren, endlich gemeinschaftlich zu handeln. Im Idealfall gewinnt die Innenstadt als Freizeit- und Einkaufsort, und daraus wiederum entsteht eine Nachfrage nach hochwertigem Wohnen. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Shoppingcenter auf die spezifischen Bedingungen vor Ort einlassen und stadttypische Anmutungen in ihr Konzept einbeziehen.

Was sagt Ihre Zunft, was sagen Architekten und Stadtplaner zu dieser Herausforderung?

Ach, den Architekten überlässt man immer öfter nur noch die Fassadengestaltung. Mir sagen versierte Handelsfachleute: Architekten und Stadtplaner haben keine Ahnung vom Handel. Das ist auch kein Wunder, Handelsarchitektur kommt in der Ausbildung an den Hochschulen überhaupt nicht vor. Die Architekten haben es versäumt, Kompetenzen aufzubauen, die es ihnen erlauben würden, mit den Profis des Handels auf Augenhöhe zu reden.

Piazza des Paseo Colorado

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat jüngst mehr Mut zur Monumentalität gefordert, gerade in der Handelsarchitektur. Die Architekten sollten vom Elfenbeinturm in den Kontrollturm wechseln. Was halten Sie davon?

Gar nichts, denn im Kontrollturm waren sie ja mal als Hohepriester der Moderne. Dieser Führungsanspruch ist in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit der Kritik an der Moderne zu Recht völlig zusammengebrochen. Was wir brauchen, ist eine solide Ausbildung und Teamfähigkeit. Und eine Baukultur des Konsums. Unsere Studenten müssen lernen, nachhaltige Orte und Räume für das Dienstleistungszeitalter zu bauen. Dann wären sie in der Lage, die Rolle auszufüllen, die bisher nicht besetzt ist: die des Experten für den Raum des Centers und der Stadt.

Wie ist die Entwicklung in anderen Ländern?

In den USA werden 50 Prozent des Einzelhandelsumsatzes in Shoppingcentern erwirtschaftet, in Deutschland sind es zehn Prozent. Shoppingcenter sind in den USA akzeptierter Teil der Alltagsarchitektur. Infolgedessen gibt es dort auch mehr Büros, die Shoppingcenter qualifiziert bauen. Ähnliches gilt für unsere europäischen Nachbarn. Architekturbüros wie die von Rem Koolhaas, Jean Nouvel, Herzog & de Meuron oder Ortner und Ortner waren sich nie zu schade, für den Handel zu bauen. Dies ist ein Hoffnungsschimmer.

Wodurch unterscheidet sich die neuere Center-Architektur von den Malls alten Stils?

Dadurch, dass sie sich zur Stadt und ihrem öffentlichen Raum hin öffnet. Der amerikanische Architekt Jon Jerde hat das Mitte der Achtzigerjahre zum ersten Mal demonstriert, mit der Horton Plaza in der Innenstadt von San Diego. Er nahm die bestehende Mall völlig auseinander, verzichtete auf eine Überdachung und entwickelte einen aus der toskanischen Hügelstadt abgeleiteten Raumtypus. In den Vordergrund treten Plätze, Balkone, Brücken und Treppenfiguren, also die Räume zwischen den Läden, die sich erst durch die Bewegung der Passanten, durch wechselnde Perspektiven und Standpunkte erschließen und nie komplett überblickt werden können. Eine höchst atmosphärische Architektur, die alle unsere Sinne anspricht und seit mehr als 20 Jahren bestens funktioniert.

Erinnert sie nicht fatal an Architektur von Ferienhotels und Clubanlagen?

Genau genommen erzählt Jerde die Geschichte der südkalifornisch-mexikanischen Baukultur, mit ihren Farben und ihrem besonderen Licht. Vor allem: Er zeigt, dass man auch mit einer Großfigur eine kleinteilige, spannungsvolle Raumkomposition schaffen kann, wie wir sie von den Klöstern des Mittelalters kennen.

Was können wir von Jon Jerde lernen?

Erstens: dass man mit einem Shoppingcenter eine Innenstadt wiederbeleben kann. Zweitens: dass das Shoppingcenter sich verändern muss, wenn es in die Stadt zurückkommt. Es muss sich radikal den Bedürfnissen und Bedingungen einer Innenstadt anpassen. Wir machen heute einen strategischen Fehler, wenn wir den suburbanen Erfolgstyp, die geschlossene Großfigur mit einer Mall in der Mitte, die ausschließlich auf eine automobile Kundschaft ausgerichtet ist, in die Innenstädte implantieren. Auf diese Weise holen wir ein Stück vorstädtische Kultur in das urbane Herz einer Stadt.

Hinkt die deutsche Debatte über Shoppingcenter hinter der internationalen Entwicklung her?

Nicht unbedingt, aber in den Niederlanden, etwa in Almere bei Amsterdam, und in Großbritannien gibt es Versuche, dieses traditionelle Korsett zu sprengen und den Handel wieder auf den öffentlichen Raum zu orientieren. Vorbild ist die Textur der gründerzeitlich parzellierten Stadt, der vertikal gegliederten Häuserzeilen mit ein- oder zweigeschossigen Läden, darüber Büros, Praxen und Wohnungen.

Und in den USA?

…ist die Transformation des Shopping- centers aus einer introvertierten, mallgestützten hin zu einer extrovertierten, straßengestützten Struktur in den vergangenen zehn Jahren vielerorts gelungen. An vielen innerstädtischen Standorten klassischer Malls sehen die Investoren nur zwei Möglichkeiten: die Mall brach fallen zu lassen oder sie komplett städtisch umzubauen. Es gibt in den USA kein großes Shoppingcenter-Unternehmen, das nicht eine mittel- bis lang- fristige Strategie der Umwandlung traditioneller Malls in Stadtcenter betreibt. Nur dann kann man auch sinnvoll eine Erhöhung der Einwohnerzahlen in der City erwarten.

Mit der Absicht, dass vor allem die Besserverdienenden zuziehen?

Sicher. Die müssen den Anfang machen, denn sie haben die Stadtzentren auch als Erste verlassen. Wenn sie zurückkommen, ziehen andere nach.

Dieser Trend ist doch auch in Deutschland längst erkennbar.

Ja, zum Beispiel in Leipzig, ansonsten aber eher in homöopathischen Dosen. Das ist nicht zu vergleichen mit einer Stadt wie etwa Chicago, wo allein zwischen 2000 und 2006 mehr als 48.000 Menschen in die City zurückgekehrt sind. Ein Plus von fast 50 Prozent. Das Shoppingcenter ist nur ein Baustein dieser Entwicklung. Nehmen Sie das Paseo Colorado in Pasadena, ein Shoppingcenter im Bestand einer ehemaligen Einkaufskiste. Es wirkt wie eine Fußgängerzone, mit Restaurants und Cafés in einer gründerzeitlichen Bebauung. 378 teure Wohneinheiten wurden auf das Center gesattelt. Warum? Weil ein solches Center sich langfristig nur dann rentiert, wenn viele Menschen zu Fuß oder mit der Straßenbahn dort hinkommen können, um einzukaufen oder einen Kaffee zu trinken.

Damit diese extrovertierten Shoppingcenter funktionieren, muss die Innenstadt also als Wohnstandort aufgewertet werden?

So ist es, und zwar so massiv wie das Center den Einzelhandel aufwertet. Leider passiert das bei uns zu wenig. Was ich vermisse, sind offensive Leitbilder. Die Städte müssten sagen, was sie schon mittelfristig wollen, wie viele Menschen in Zukunft in der Innenstadt wohnen sollen und welche Wohnqualität sie dort antreffen werden.

Wie machen es die Städte anderswo?

In den USA wird die Stadtentwicklung zwar vom Markt angetrieben, zugleich haben die Städte aber eine sehr starke Stellung. Außerdem hat es sich schlicht als renditeträchtig erwiesen, in traditionelle Innenstadtqualitäten zu investieren. Es gibt sogar Fälle, wo die Städte von den Investoren dazu überredet worden sind, statt eines Shoppingcenters ein Stadtcenter mit gemischten Nutzungen aufzubauen.

Würden Stadtcenter, wie Sie sie empfehlen, auch in kleineren oder mittleren deutschen Städten funktionieren?

Die Shoppingcenter-Industrie spricht von einer Mindestgröße von 10.000 Quadratmetern. Wenn man aber berücksichtigt, dass die Läden vor allem von der Qualität des öffentlichen Raums profitieren, wage ich die These, dass man auch mit weniger auskommt.

Für die Discounter und Fachmärkte scheint das nicht zu gelten.

Nein, deren Flächenverbrauch ist, bezogen auf die Grundstücksfläche, fünfmal höher als derjenige der Shoppingcenter. Bezogen auf die Verkaufsfläche sogar 30-mal höher. Da entstehen Megastrukturen mit ungeheurem Flächenverbrauch. Eigentlich ein Skandal. Trotzdem schreit niemand auf. Offensichtlich weil es sich um Ortsränder und die Zwischenstadt handelt. Noch nie in der Geschichte des Handels haben wir einen solchen baukulturellen Tiefpunkt erlebt.

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