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Architektin Zaha Hadid im Interview „Beton ist sexy“

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Ihre am Computer entworfenen Zeichnungen kosten in Galerien bis zu 50.000 Euro. Wollen Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere Ihre gesamte Wertschöpfungskette versilbern? Blödsinn. Geld steht nicht im Vordergrund. Zeichnungen habe ich schon zu Beginn meiner Laufbahn in Galerien gezeigt, einfach um die Komplexität meiner Arbeit deutlich zu machen. Und mit Design beschäftige ich mich schon seit 20 Jahren, ich habe damals Möbel für ein Haus in London entworfen. Zugegeben, dieser Bereich hat sich im vergangenen Jahr sehr gut entwickelt, wir beschäftigen ein eigenes Designteam, vor Kurzem haben wir ja auch ein Auto entworfen. Aber ich will nicht auf Biegen und Brechen überall meinen Zaha-Hadid-Stempel draufdrücken. Egal, ob Design oder Architektur: Mir geht es um Konzepte, um Herausforderungen – sei es im Umgang mit neuen Produkten, Formen, Materialien. So haben Sie auch Beton salonfahig gemacht. Ja, es ist wirklich unglaublich, was man heute mit diesem Material alles anfangen kann. Wenn ich nur etwa an einige Wände in der BMW-Fabrik in Leipzig denke – die sind aus Spezialbeton und fühlen sich fast samtig an. Irgendwie sexy. Wie kriegen Sie das hin? Das fängt mit Computern und Software an. Wir haben eine eigene Software entwickelt, die es uns möglich macht, viel plastischer, komplexer und flexibler zu planen als noch vor ein paar Jahren. Für das Phaeno-Zentrum in Wolfsburg etwa haben wir eine Stahlkonstruktion entwickelt, deren Ausbuchtungen aussehen, als wären sie von einem Magneten angezogen – ohne modernste Soft- und Hardware undenkbar. Wir können sogar ganze Modelle dreidimensional ausdrucken, Materialien testen, für ganz neue Aufgaben einsetzen und in ganz individuelle Formen bringen. Diese Freiheit im Umgang mit scheinbar so unflexiblen Werkstoffen kommt meiner Vorstellung von zeitgemäßer Architektur sehr entgegen. Sie verbringen also viel Zeit vorm Computer. Nein, ich hatte schon immer eine Aversion gegen diese Kisten. Ich kann Computer einfach nicht bedienen. Und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Dann arbeiten Sie immer noch mit Skizzenblock? Leider nicht mehr so oft wie ich es gerne täte. Mir fehlt einfach die Zeit. Ich bin vor allem am Telefon oder sitze im Flugzeug. Wir haben schließlich rund 50 Projekte gleichzeitig laufen, mehr als 200 Mitarbeiter zu koordinieren. Und jeder – ob Kunden oder Mitarbeiter – will irgendwann etwas von mir wissen. Hier geht es nicht um plötzliche architektonische Geistesblitze, sondern vor allem um organisieren, planen und delegieren. Also sind Sie inzwischen mehr Managerin als Architektin? Nein, so schlimm ist es noch nicht. Auch wenn ich nicht mehr jedes Detail selbst machen muss, so beschäftige ich mich doch intensiv mit allgemeinen architektonischen Fragestellungen, Grenzen der Architektur und ihre Bedeutung für die spezifische Sprache unseres Büros – was ist eine Wand, was ein Fußboden, können Häuser schweben? So privilegiert konnten Sie nicht immer arbeiten... Nein, ich galt ja lange Zeit als so was wie die Papiertigerin unter den Architekten, frei nach dem Motto: ,Netter Entwurf, aber nichts zum Bauen‘. Da bin ich – und ich möchte das keinesfalls als billige Anbiederei verstanden wissen – Deutschland wirklich dankbar, dass das nicht mehr so ist. Ob zuletzt das BMW-Werk in Leipzig oder Phaeno-Zentrum in Wolfsburg – die Deutschen sind mutig. Wie erklären Sie sich das? Vielleicht liegt es ja an der deutschen Architekturtradition. Mies van der Rohe, Gropius, die ganze Bauhaus-Bewegung – Deutschland hat viele gute Architekten hervorgebracht. Auch wenn im Moment ein wenig Stillstand eingetreten scheint. Woran machen Sie das fest? Schauen Sie doch nur nach Berlin. Ein trauriges Kapitel – und das sage ich nicht nur, weil ich hier noch keine architektonischen Duftmarken setzen konnte. Ich mag Berlin sehr, bin dort öfter als in jeder anderen Stadt. Aber hier wurde eine große Chance vertan, Berlin atmet den Geist der Vergangenheit – ein Neandertal der Architektur. Also waren Sie damals gar nicht so sehr erstaunt, dass ausgerechnet in Weil am Rhein Ihr erstes Projekt zu Stein wurde – mitten in der badischen Provinz? Ach, zumindest im Rückblick nicht. Meine Erfahrung ist: In den Metropolen passiert doch kaum mehr etwas, die wichtigen Entwicklungen finden mittlerweile eher in der Peripherie statt. So wie jetzt bei Ihrem aktuellen Projekt in Aachen, wo Sie ein Energieforschungslabor für die Hochschule bauen? Ja, hoffentlich. Ich mag Städte mit einem über die Jahrhunderte gewachsenen Neben- und Übereinander verschiedener architektonischer Schichten, das finde ich spannend. Dazu schon wieder eine wuchtige Kathedrale... ...und Nonnen auf der Straße... Jetzt hören Sie schon auf mit Ihren Nonnen! Aber ich muss zugeben: Etwas Entscheidendes haben sie mich doch gelehrt – und das gebe ich auch meinen Studenten immer wieder mit auf den Weg. Und das ist? Unbedingt an sich selbst zu glauben – dann wird auch was aus einem.

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