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Architektur Blick zurück nach vorn

Seite 2/2

Dresdner Frauenkirche, nach Quelle: REUTERS

Inzwischen ist der Wiederaufbau beschlossene Sache.

Im April vergangenen Jahres verkündeten Bundesregierung und Berliner Senat, das Stadtschloss mit den drei Schlüter’schen Barockfassaden als Humboldt-Forum neu zu errichten, mit den außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Zentral- und Landesbibliothek. 2010 soll mit dem Schlossbau begonnen werden, 2015 die Einweihung sein. Dann werden die Spaziergänger Unter den Linden die Via triumphalis zwischen Brandenburger Tor und Schloss erleben können, eine Zeitreise, die durch ein Berlin der Jahrhundertwende führt.

Zuständig für den Bau von 21.000 Quadratmeter Fassadenfläche ist das Berliner Architekturbüro Stuhlemmer, ein Spezialist für historische Rekonstruktionen. Originaltreue heißt das oberste Gebot. „Eine Rekonstruktion muss so präzise wie möglich sein“, sagt Rupert Stuhlemmer, Senior-Chef des Büros, „die Proportionen, die Schnitte, aber auch die Materialien, die Farben, der Dekor müssen exakt dem ursprünglichen Gebäude entsprechen.“

Mit dem Wiederaufbau der Alten Kommandantur Unter den Linden 1 hat das Büro ein Probestück seiner Kunst vorgelegt. Der Bau bannt einen Geschichtsmoment: Berlin 1873/74. Die Steine der weißen Gründerzeitfassade sind aus demselben schlesischen Bruch, dem die Steine des Originals entnommen wurden. Schmuckelemente wie Löwenköpfe und Adler wurden nach dem Vorbild in Ton modelliert, in Gips abgegossen und Sandstein endgefertigt. „Die stimmen auf den Zentimeter“, sagt Stuhlemmer.

Für das Berliner Schloss ist sächsischer Sandstein vorgesehen, mit drei verschiedenen Härtegraden für den Sockel, die Gesimse und die Skulpturen. Nach zwölfjähriger Recherche hat Stuhlemmer an die 10.000 Unterlagen zusammengetragen, von einigen wenigen Originalteilen bis zu einer Fülle historischer Fotos. 4000 Zeichnungen stellen jeden einzelnen Sandstein dar, von vorn und von der Seite, von oben und unten. Doch bei aller Detailgenauigkeit, entscheidend, so Stuhlemmer, sei die Intention des Baumeisters, der „Geist des Gebäudes“.

Vier ästhetische Bedingungen

Hält diesen Geist die Fassade oder das Innere des Schlosses fest? Ende November werden die Ergebnisse des Architekten-Wettbewerbs veröffentlicht. Bautechnisch wird es ein „Gebäude des 21. Jahrhunderts“ sein, sagt Ullrich Schwarz.

Von einer Rückkehr des Preußentums könne keine Rede sein. Überhaupt sei Modernität keine Frage der Form. Wer sich an das Stilrepertoire des frühen 20. Jahrhunderts halte, sei nicht automatisch auf der „richtigen Seite“.

Für den Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt stellt sich hingegen die Frage, wie weit man das Spiel von Schein und Sein treiben könne, ohne gegen das Gebot der Authentizität zu verstoßen.

Er spricht von einer „gleitenden Skala“, die von verantwortungsbewussten Rekonstruktionen wie der Frauenkirche in Dresden bis zu Fiktionen reichen wie der posthumen Realisierung von Entwürfen Charles Rennie Mackintoshs oder Frank Lloyd Wrights. Was bei derlei Repliken verloren geht? Die „metaphysische Erfahrung“, die man im Angesicht von Gebäuden macht, die historisch gewachsen sind, die eigene Lebenszeit weit übersteigen und so auf die Hinfälligkeit unserer Existenz verweisen – und auf den Trost, der in der Dauerhaftigkeit menschlicher Werke liegt.

Pehnt vermisst einen „ungeschriebenen Kriterienkatalog“, der zulässige von verfehlten Rekonstruktionen unterscheidet.

Vier Bedingungen müssten erfüllt sein:

1. die Unberührtheit des Ortes, spätere Bebauungen dürfen auf dem betreffenden Grundstück nicht neue historische Tatsachen geschaffen haben,

2. die Existenz ausreichender Dokumente,

3. materielle Zeugnisse des zerstörten Baus auch im sichtbaren, aufgehenden Mauerwerk und

4. eine Nutzung, die sich mit dem alten Bild verträgt. Das Berliner Schloss, sagt Pehnt, erfülle allenfalls das zweite Kriterium. Pehnt sieht die Debatte um das Berliner und Potsdamer Schloss als Dokument einer Niederlage der zeitgenössischen Architektur, aber auch als Appell an die Architekten, besser zu werden und mehr Rücksicht zu nehmen auf den historischen Bestand.

Darin immerhin ist er mit Hans Kollhoff einer Meinung, für den die Besinnung auf eine erinnernde Ästhetik keineswegs rückwärtsgewandt ist. Entscheidend sei, welche Energien die Erinnerung freisetzen kann. Kollhoffs Blick zurück will Zukunftsperspektiven eröffnen: „Erinnerung kann höchst fortschrittlich sein.“ Er verteidigt das Rekonstruktionsbedürfnis als „notwendigen Schritt“ hin zu einer „selbstbewussten Architektur“, die sich dem Vergleich mit der Überlieferung stellt, „vor allem in ihrer baulichen Qualität – und die in Zukunft Rekonstruktionen überflüssig macht“.

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