WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Atom-Katastrophe Zwischen Pietät und Profit

Seite 2/6

Zur Decke strecken Quelle: Laif

Am stärksten dürften sich die Gewichte in der Automobilindustrie verschieben. Die Unternehmensberatung IHS Global Insight geht davon aus, dass 2011 wegen der Unterbrechungen in der Lieferkette weltweit bis zu fünf Millionen Autos nicht produziert werden können. Von Mitte April an bekämen die Autobauer die Lieferprobleme verstärkt zu spüren. „Weil in der japanischen Autoindustrie die Produktion weiterhin stillsteht“, meint Aaron Bragman vom IHS-Büro in Detroit, „ist das, was wir gerade sehen, nur der Beginn einer langen Reihe von Problemen für die globale Autoindustrie.“

Zwar könnte die Japan-Krise mit einem möglichen Produktionsstillstand auch die Gewinne der hiesigen Autobauer im zweiten oder im dritten Quartal empfindlich schmälern. Langfristig allerdings hätten die Deutschen die Chance, zu den Gewinnern der Katastrophe zu gehören – so makaber das angesichts des Leids in Japan auch klingt. Denn die dortige Autoindustrie ist viel schwerer getroffen als die deutsche, auch weil sie wesentlich stärker von einheimischen Zulieferern abhängt. Wenn Toyota, Honda, Nissan, Mazda und Suzuki die Krise nicht schnell überwinden, dürften die deutschen Konkurrenten ihnen deshalb in Asien, dem großen Wachstumsmarkt der kommenden Jahre, Marktanteile abnehmen – allen voran der Volkswagen-Konzern, dessen Vorstandschef Martin Winterkorn Weltmarktführer Toyota vom Thron stoßen will.

Ausfall japanischer Konkurrenz

Diese heimlichen Hoffnungen hegen auch Unternehmen anderer Branchen. Seit Jahren etwa zieht der Augsburger Roboterhersteller Kuka den Kürzeren gegenüber dem japanischen Duo Fanuc und Yaskawa Electric, das mit einen Anteil von jeweils rund 20 Prozent den Weltmarkt dominiert. Kuka dagegen kommt nur auf 10 bis 15 Prozent. Zwar produzieren die Japaner südlich von Tokio, also in einiger Entfernung von der Krisenregion Fukushima. Doch der Großteil der Zulieferer sitzt über das Inselreich verteilt. Kuka-Finanzvorstand Stephan Schulak schloss deshalb unlängst auf der Bilanzpressekonferenz nicht aus, dass das „für uns ein Vorteil sein“ könne. „Wir werden aber nicht versuchen, deren Kunden aktiv anzusprechen, das wäre unlauter“, sagte Schulak.

Der Ausfall japanischer Konkurrenz könnte auch Kion mit seinen Gabelstaplern und anderer Lagertechnik helfen. Denn zu den wichtigsten Wettbewerbern der ehemaligen Tochter des Wiesbadener Linde-Konzerns zählen japanische Hersteller wie Nissan und Toyota. Kion bezieht für weniger als ein Prozent seiner Produkte wesentliche Teile aus Japan, darunter Benzinmotoren für einen Stapler. Gelingt es den Hessen, durchzustarten, könnten sie ihren Weltmarktanteil von 17 Prozent deutlich steigern, vor allem im Wachstumsmarkt China.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Befeuert werden der Wunsch und der Zwang, zu anderen Lieferanten zu wechseln, durch die anhaltende oder gar wachsende Strahlenbelastung in Japan. Bei einer Umfrage der Unternehmensberatung Kloepfel Consulting aus Düsseldorf befürchtete in der vergangenen Woche bereits etwa die Hälfte der befragten Unternehmen, dass eine Atomwolke Zulieferteile aus Japan verstrahlen könnte und die Produktion dadurch hierzulande beeinträchtigt würde. „Jede Werkzeugmaschine enthält zahlreiche Elektronikkomponenten mit Bauteilen, die aus der Region Fukushima kommen“, sagt Herbert Schmidt, Geschäftsführer des Werkzeugmaschinenhändlers Gläsener + Schmidt in Hohenschäftlarn bei München. „Derartige Teile müssen die Hersteller wegen der Gefahr einer Verstrahlung zurückweisen.“ Klar, dass dann die Produktion hierzulande schnell ruht.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%