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Atom-Katastrophe Zwischen Pietät und Profit

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Containerschiffe im Hafen von Quelle: dpa

So ist der Logistiker Fiege aus Greven dazu übergegangen, für seine Kunden alle Waren aus Japan auf mögliche Kontamination zu überprüfen. Am Frankfurter Flughafen testet der Zoll seit vergangener Woche nicht nur Fracht, Gepäckstücke und Postsendungen aus Japan, sondern auch Sitze und Gepäckfächer in Passagiermaschinen auf Radioaktivität. Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd läuft seit Tagen nicht mehr die Häfen in Tokio, Yokohama und Nagoya an. Zuspitzen dürfte sich die Situation, wenn Mitte April die ersten Containerschiffe aus Japan in Deutschland anlanden. Hamburg hat bereits Kontakt mit dem Bundesamt für Strahlenschutz aufgenommen.

Noch immer spielt das fernöstliche Japan, trotz aller Produktionsverlagerungen in Schwellenländer wie Taiwan oder China, eine bedeutende Rolle bei vielen IT- und Hightech-Teilen, die als Schlüsselkomponenten in vielerlei Produkten stecken: im Auto, in Lackieranlagen, in Unterhaltungselektronik oder in Barcode-Lesegeräten. Flash-Speicherchips etwa, die in Digitalkameras, Tablet-Computern und Mobiltelefonen eingesetzt werden, kommen zu einem Drittel vom japanischen Elektronikgiganten Toshiba. Die goldglänzenden Siliziumscheiben, die sogenannten Wafer, aus denen Computerchips gefertigt werden, stammen sogar zu 72 Prozent aus japanischer Fertigung.

Phantasie und Improvisation

Nahmen die Abnehmer der Produkte das damit verbundene Risiko in den vergangen Jahren mehr oder weniger hin, bekommen sie nun die Kehrseite der Abhängigkeit zu spüren. Wegen der Nähe zum Epizentrum des gewaltigen Erdbebens vom 11. März musste etwa Toshiba die Fertigung im Werk Iwate im Nordosten Japans stoppen. Auch den Marktführern bei Silizium-Wafern, Shin-Etsu und Sumco, blieb nichts anderes übrig, als die Produktion in der Nähe von Fukushima anzuhalten.

Dass der Teilestrom aus Japan irgendwann einmal wieder fließt wie vor der Katastrophe, darauf allein wollen sich die Empfänger offenbar nicht mehr verlassen. In Frankreich rief Industrieminister Eric Besson eigens eine Art Krisenstab ins Leben, der klären soll, welche für die französische Industrie wichtigen Teile aus Japan kommen und welche von ihnen einen Stillstand auslösen können. Auslöser war, dass bei PSA Peugeot Citroën die Bänder wegen fehlender Teile aus Japan stillstanden. Nun soll die Runde klären, wie die Regierung den Unternehmen bei der Suche nach Ersatz für kritische Komponenten und der Finanzierung eines möglichen Produktionsstillstands helfen kann.

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    Phantasie und Verve der Einkäufer in den Unternehmen zeigen allerdings, dass dies auch ohne staatliche Hilfe geht. Beim Opel-Werk in Eisenach etwa fehlten vor vor zwei Wochen Motorensteuerungen aus Japan. Das Erdbeben hatte die Fabrik des Lieferanten Hitachi beschädigt, weswegen bei Opel zwei Schichten zur Produktion des Kleinwagens Corsa ausfielen. Ein europäisches Krisenteam der General-Motors-Tochter machte nach aufreibenden Recherchen schließlich eine Fabrik von Hitachi in den USA ausfindig. Per Luftfracht traf eine Ladung der begehrten Teile schließlich in Eisenach ein, und die Bänder konnten wieder anlaufen.

    Aufs regelrechte Improvisieren verlegte sich der Ventilatoren- und Motohersteller EBM-Papst im baden-württembergischen Mulfingen. Dem Unternehmen fehlt zwar bis heute ein Schaltnetzteil für Kälte- und Klimaanlagen. Doch selbst ist der Mann: Ein Team von Ingenieuren habe sich mit einem „Riesenaufwand“ und „in Nachtschichten“ daran gemacht, vorhandene Leiterplatten für die benötigen Zwecke umzubauen, sagt EBM-Chef Hans-Jochen Beilke. Der Clou: EBM Papst bedient sich vorübergehend einer Sorte von Bauteilen, die früher in den Motoren steckte. „Die Leistungsfähigkeit ist dadurch weiterhin sichergestellt, und die Produkte können ausgeliefert werden“, so Beilke.

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