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Atom-Katastrophe Zwischen Pietät und Profit

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Bei Bosch lotet eine Quelle: AP

Keinen großen Kopf über fehlende Teile machen sich die Manager des schwäbischen Anlagenbauers Dürr, falls er wegen ausbleibender Getriebe des japanischen Herstellers Nabtesco einige Lackieranlagen nicht ausliefern kann. Die Konkurrenz setzt bei den kritischen Teilen auf den gleichen Lieferanten und könnte auch nicht pünktlich liefern. „Unsere Wettbewerber könnten die Lücke nicht füllen, weil sie letztlich die gleichen Getriebe nutzen und damit die gleichen Probleme beim Bau hätten wie wir“, sagt ein Manager.

Bei den meisten Unternehmen indes überwiegt derzeit die Ratlosigkeit— auch weil die Zahl der Vorprodukte so gigantisch wie unüberschaubar ist. Bei Bosch in Stuttgart etwa loten Arbeitsgruppen seit Tagen aus, ob der Ausfall japanischer Zulieferer irgendwo im Konzern für einen Stillstand der Fließbänder sorgen könnte. Der weltgrößte Autozulieferer, der auch bei Haustechnik und Hausgeräten sowie bei Industrieanlagen zu den großen Spielern zählt, unterhält 36 eigene Standorte mit rund 8000 Mitarbeitern in Japan: „Wir haben dort über 550 Zulieferer, da ist es nicht ganz einfach, belastbare Zahlen zu bekommen“, sagt ein Insider. Über den Umfang der möglicherweise gefährdeten Zulieferungen hat die Bosch-interne Japan-Task-Force ebenfalls noch keinen detaillierten Überblick. Betroffen seien mehrere 100 000 Teile, heißt es.

Geringes Risikobewusstsein

So sehr sich die Unternehmen jetzt ins Zeug legen, Ersatz für fehlende Teile aus Japan zu finden – grundsätzlich offenbaren die Erfahrungen der vergangenen drei Wochen, dass die Mehrzahl die Katastrophe unvorbereitet getroffen hat. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergab vor kurzem, dass nur 29 Prozent der deutschen Unternehmen ein umfassendes Risikomanagementsystem für den Einkauf haben. In der Autoindustrie, die oft als Vorreiter gilt, sind es auch nur 36 Prozent. „Nur rund ein Drittel der Unternehmen ist auf eine mögliche Krise einigermaßen umfassend vorbereitet“, sagt Berater Kerkhoff.

Sven Marlinghaus, Partner der auf Lieferketten spezialisierten Unternehmensberatung Brainnet in Bonn, prophezeit darum größere Veränderungen im Risikomanagement. „Dabei geht es nicht um große Umstellungen und den Aufbau neuer Stäbe, sondern um eine andere Art zu denken, bei der Mitarbeiter über Abteilungsgrenzen hinweg die Probleme durchdenken und gemeinsam lösen.“

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    Wie dies funktioniert, zeigt die Firma Sick in Waldkirch im Schwarzwald. Das Familienunternehmen mit rund 750 Millionen Euro Jahresumsatz baut elektronische Geräte, die etwa Sicherheitsschranken steuern oder Rauchgas in Müllverbrennungsanlagen messen. Dazu verwendet Sick Prozessoren sowie Leucht- und Fotodioden von Toshiba und NEC aus Japan, deren Werke jetzt teilweise stillstehen.

    Genau darauf aber war das Unternehmen 100-prozentig vorbereitet. Denn Erdbeben zählen seit der Katastrophe in der Nähe von Kobe im südlicheren Teil Japans im Jahr 1995 zu den fest eingeplanten Risiken bei Sick. Deshalb halten die Schwarzwälder seitdem so viele Dioden und Prozessoren von Toshiba und NEC auf Lager, dass diese für drei Monate ausreichen. Als die Erde bei Fukushima bebte, orderte Sick sofort Teile für weitere drei Monate nach, sodass der Vorrat nun die Produktion eines halben Jahres abdeckt. Damit nicht genug. Jetzt lässt Vorstandschef Robert Bauer seine Einkäufer weltweit die Elektronikhändler nach den NEC- und Toshiba-Teilen abgrasen. Darüber hinaus ist er zuversichtlich, wenn nötig auch auf andere Lieferanten umsteigen zu können.

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