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Atomausstieg Die Stunde der Lobbyisten

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Prämisse nicht erfüllt

Bei allem Bohei um den Netzausbau als Voraussetzung für das Erneuerbare-Energie-Zeitalter verschweigen viele Protagonisten jedoch, dass eine andere Prämisse nicht erfüllt wird: die Grundlastfähigkeit der neuen Energien. Wirtschaft und Privathaushalte sind auf eine kontinuierliche Stromversorgung angewiesen. Kernenergie kommt auf eine gesicherte Leistung von 93 Prozent der installierten Leistung, so die Deutsche Energie-Agentur (Dena), bei Braunkohle sind es 92 Prozent und bei Steinkohle 86 Prozent. (In Nordrhein-Westfalen fordern einige SPD-Landtagsabgeordnete bereits einen Wiedereinstieg in die Steinkohleförderung.)

Bei Windrädern gibt es dagegen wegen der hohen Wetterabhängigkeit nur eine gesicherte Leistung von sechs Prozent, die Fotovoltaik bringt es sogar nur auf anderthalb Prozent. Das Ziel, die Atomkraftwerke als Lastenesel der Stromwirtschaft zu ersetzen, ließe sich folglich nur durch einen grotesken Aufbau von Windrädern und Sonnenkollektoren kompensieren.

Das politische Ausweichargument, man müsse deshalb die Speicherkapazitäten ausbauen, entpuppt sich als windelweich. Denn gegen den Bau neuer Talsperren in Naturschutzgebieten laufen die Wutbürger Sturm.

Etwa im Hotzenwald bei Freiburg, wo das Schluchseewerk einen Stausee samt Pumpspeicherwerk anlegen will. Mit einer Leistung von 1400 Megawatt könnte die Anlage genauso viel Strom liefern wie ein Atomkraftwerk. Doch gegen das seit bald 15 Jahren geplante Projekt gibt es heftigen Widerstand; die Anwohner fürchten Baulärm und eine Beeinträchtigung des Landschaftsbildes.

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    Ohne solche Speicher droht den Stromnetzen bald der GAU. Schon jetzt kommt das weniger leistungsfähige Netz im Nachbarland Polen gefährlich in die Bredouille, wenn in Deutschland die Sonne scheint und gleichzeitig Wind weht. Bei einer Verdoppelung der Stromkapazitäten ist ein Kollaps programmiert, denn auch zu viel Strom birgt eine ernsthafte Gefahr für die Stabilität der Verteilernetze. Doch darüber sprechen Lobbyisten und Politiker nicht gern.

    Stringenter und ehrlicher wirkt da Handwerkspräsident Otto Kentzler, der in Berlin seit Jahren für die energetische Gebäudesanierung wirbt. Die sorge für sinkende Heizkosten und nütze dem Klimaschutz – und beschert seinen Maurern, Dachdeckern und Heizungsinstallateuren Aufträge in Milliardenhöhe. „Wir verkaufen Energie mit eingebautem gutem Gewissen“, sagt der Handwerkspräsident und schwärmt von Niedrigenergiehäusern mit Dämmung und Wärmetauschern.

    Zu 90 Prozent wirtschaftlich

    Dummerweise hatte sich die Bundesregierung von Kentzlers Begeisterung nicht anstecken lassen, als sie im Herbst 2010 ihr jüngstes Energiekonzept beschloss. Statt die staatliche Förderung auf gut zwei Milliarden Euro wie im Jahr 2009 zu verstetigen, ließ sich die Regierung Merkel bei der energetischen Gebäudesanierung nur zu der Leerformel „im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten“ bewegen. In diesem Jahr sollen es noch 940 Millionen Euro sein. Doch auch dieser Betrag wackelt, weil ein Teil aus der Brennelementesteuer kommen soll, deren Aufkommen aber seit dem Atom-Moratorium fraglich geworden ist.

    Seit dem Japan-Schock stehen die Chancen für eine Aufstockung der Sanierungshilfen aber wieder gut. Umweltminister Röttgen brachte vorige Woche eine Summe von zwei Milliarden Euro ins Spiel. Der Minister muss hier handeln, um sein Klimaschutzziel trotz eines vorzeitigen Abschaltens der Atommeiler doch noch zu erreichen. Und da auf den Gebäudebereich rund 40 Prozent des deutschen Energieverbrauchs entfallen, sind hier „die Potenziale zur Energie- und CO2-Einsparung gewaltig“, heißt es im Umweltministerium.

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