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Atomausstieg Windkraft muss mehr Leistung bringen

Der Ausbau von Windkraftanlagen, eine tragende Säule der grünen Energiezukunft Deutschlands, wackelt gewaltig.

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Windkraftanlagen, aufgenommen Quelle: dapd

Windenergie ist die wichtigste alternative Energiequelle. Ihr Anteil am Strommix erhöhte sich in den ersten sechs Monaten des Jahres um knapp einen Prozentpunkt auf 7,5 Prozent. Doch von den Plänen der Bundesregierung, vor allem für die Offshore-Windparks, ist die Branche weit entfernt: Windparks vor den deutschen Nord- und Ostseeküsten sollen, so der politische Wille, bis zum Jahr 2020 rund zehn Gigawatt und bis 2030 sogar 20 bis 25 Gigawatt Windenergieleistung liefern – mehr als die Kapazität der 17 deutschen Kern- kraftwerke in Höhe von rund 20 Gigawatt.

Nur: Installiert sind davon bis heute erst 50 Mühlen mit mickrigen 200 Megawatt, also ein Prozent der angestrebten Ausbaupläne. Für Tempo sollen nun Vereinfachungen bei den Genehmigungsverfahren für Meereswindparks bringen. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) wird künftig einziger Ansprechpartner sein und über Anträge entscheiden.

Desinteresse der Stromkonzerne

Ob das den Durchbruch bringt, ist fraglich. Denn schleppende Genehmigungen können nicht schuld am fehlenden Ausbau sein: Laut BSH wurden seit 2001 insgesamt 27 Windparks mit insgesamt knapp 2000 Windenergieanlagen genehmigt. Das dürfte, je nach Größe der Windmühlen, locker der Leistung entsprechen, die bis 2020 geplant ist.

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    Im Klartext: Die Investitionen, nicht die Genehmigungen hinken hinterher. Das liegt unter anderem am Desinteresse der großen Stromkonzerne und Stadtwerke, jedenfalls bis zur Atomkatastrophe im März im japanischen Fukushima und den daraus resultierenden Folgen.

    So hat der Stadtwerkeverbund Trianel schon seit Juni 2008 die Genehmigung zum Bau und Betrieb des Windparks Borkum West II in der Nordsee in der Tasche. 80 Turbinen mit einer Leistung von insgesamt 400 Megawatt könnten dort längst Strom produzieren. Doch bis heute dreht sich dort kein einziger Rotor.

    Mehr Kohle mit Kernkraft

    Auch der Energieriese EnBW erwarb schon im März 2008 die Genehmigungen für den Bau des Windparks Baltic 1 in der Ostsee. Mehr als drei Jahre brauchte der Konzern, um das Minikraftwerk mit 21 Mühlen und einer Leistung von knapp 50 Megawatt ans Netz zu bringen.

    Zwei Gründe geben den Ausschlag für die Langsamkeit der großen Versorger und der Stadtwerke: Die Unternehmen fürchten zum einen, mit den aufwendigen und milliardenteuren Windkraftwerken zu wenig zu verdienen.

    Die Gewinne der abgeschriebenen Kohle- und Kernkraftwerke sind ungleich höher. Zum anderen wollten E.On, RWE & Co. offenbar vermeiden, mit eigenen Windmühlen ihren vorhandenen Kraftwerken Konkurrenz zu machen. Wenn Windmühlen das Stromnetz mit Elektrizität überfluten, müssten die Versorger hoch profitable Altmeiler sogar abschalten.

    Daumenschrauben des Gesetzgebers

    Der erste kommerzielle Offshore-Windpark Bard 1 liegt etwa neunzig Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum. Die Anlage soll bis auf achtzig Windkrafträder ausgebaut werden und eine Nennleistung von 400 Megawatt liefern. Quelle: dpa

    Nun soll der Gesetzgeber die Daumenschrauben anziehen und verhindern, dass sich Investoren begehrte Standorte reservieren, ohne das Projekt dann umzusetzen. Über genügend Anreize können sich Investoren kaum beklagen. Das reformierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sieht nun wahlweise eine Vergütung von 19 Cent statt bisher 13 Cent pro Kilowatt vor, die ein Windparkbetreiber für den eingespeisten Strom erhält.

    Dass der erhöhte Betrag nur für acht statt wie bisher für zwölf Jahre gilt, wird durch einen schnelleren Rückfluss der Investitionen aufgewogen. Streckt der Investor über zwölf Jahre, beträgt die Vergütung 15 Cent je Kilowattstunde. Zudem fördert ein neues Programm der KfW Bankengruppe über fünf Milliarden Euro die Finanzierung der ersten zehn Offshore-Windparks.

    Zehn Gigawatt zu wenig

    Zwar hätten die verschiedenen Anreize und Vereinfachungen Bewegung in die Branche gebracht“, sagt Michael Erler, Geschäftsführer Erneuerbare Energien beim staatlichen dänischen Energiekonzern Dong, dem Weltmarktführer bei Offshore-Windparks. „Doch vieles dauert immer noch zu lange.“

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      Experten der Unternehmensberatung wind:research in Bremerhaven kommen zu einer ernüchternden Prognose: Bleibt es beim momentanen Ausbautempo, fehlen 2030 fast zehn Gigawatt des geplanten Windstroms.

      Sogar einige der 15 aussichtsreichsten Windpark-Projekte könnten noch scheitern oder sich verzögern. Da die Planungs- und Bauzeit für einen großen Offshore-Park vier bis fünf Jahre beträgt, müssten ab 2015 bis zu fünf solcher Windparks jährlich in Betrieb gehen. Ob ein so gewaltiges Bauvolumen bis 2020 machbar ist, dahinter steht ein dickes Fragezeichen.

      Onshore-Windparks gut im Rennen

      Anders ist die Lage an Land, bei den Onshore-Windparks, auch wenn hier die Lockerung gesetzlicher Beschränkungen noch vielfach auf dem Papier steht. Die Landesregierungen von Baden-Württemberg und Bayern, wo es bisher kaum Windmühlen gibt, wollen stärker als von der Bundesregierung geplant den Windstrom ausbauen. Insgesamt haben die Landratten in der ersten Hälfte dieses Jahres 350 Windmühlen mit einer Leistung von 770 Megawatt neu installiert, rund 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

      Mit den nun vorhandenen knapp 28 Gigawatt fehlen nur noch sieben bis zu den geplanten 35 Gigawatt 2020, also nur 20 Prozent: ein Klacks im Vergleich zur 99-Prozent-Lücke bei den Offshore-Anlagen.

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