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Atomkatastrophe Industrie bangt um japanische Zulieferungen

Nach dem Erdbeben befürchten europäische und amerikanische IT- und Autounternehmen einen Produktionsstopp.

Arbeiter bei Ford Quelle: REUTERS

Die Hersteller von Computerchips, Hardware, Autos, Flugzeugen – alle warten sehnlich auf Nachrichten aus Japan. Ironischerweise offenbart gerade die Krise die Spitzenstellung des Landes als Exporteur hochwertiger Komponenten für Unternehmen weltweit. Während Japan mit den Folgen des schwersten dort jemals gemessenen Erdbebens kämpft, läuft auch vom Silikon Valley über Stuttgart bis nach Südkorea die Krisenplanung: Produktionsmanager brüten über Fertigungsplänen, suchen nach Ersatzlieferanten und Wegen, steigende Preise aufzufangen.

Das Land könnte Wochen brauchen, um Produktionsausfälle aufzuholen, schätzt die Investmentbank Barclays Capital. Wegen des Ausfalls der havarierten Reaktorkomplexe in Nordostjapan waren die Versorger des Landes gezwungen, in verschiedenen Regionen immer wieder zeitweise den Strom abzuschalten. Ansässige Unternehmen wie Sanyo Electric und Toshiba haben daher ihre Produktion zurückgefahren, um Strom, Wasser und Material zu sparen. Bleibt die Fertigung weiter in den April hinein beeinträchtigt, werden die Auswirkungen auch im amerikanischen Seattle zu spüren sein. „Ein paar Wochen kommen wir noch zurecht, aber danach weiß ich nicht“, sagt James F. Albaugh, Präsident von Boeing Commercial Airplanes. Japanische Unternehmen liefern 35 Prozent des neuen Flugzeugs 787 Dreamliner.

Engpässe befürchtet

Die Fabriken des Landes stellen rund ein Fünftel der Halbleiter und 40 Prozent der elektronischen Bauteile weltweit her, belegen Daten des zu Crédit Agricole gehörenden Brokerhauses CLSA Asia-Pacific Markets. Sony fertigt zehn Prozent aller Akkus für Laptops, und andere japanische Unternehmen dominieren den Markt für Chemie zur Chipherstellung. „Je höher man in der Wertschöpfungskette geht, desto größer wird der Markanteil japanischer Spezialmaterialien“, sagt Tony Tseng, Analyst bei Bank of America Merrill Lynch in Taiwans Hauptstadt Taipeh.

Am 14. März, dem Montag nach dem Erdbeben, verteuerte sich ein Gigabit DDR3-DRAM-Speicher um sieben Prozent auf 1,11 Dollar. Dies zeigen Daten von DRAMeXchange, einer zum Marktforschungsunternehmen TrendForce aus Taipeh gehörenden Webseite, die aktuelle Preise für diesen und andere in der Elektronikbranche als Referenz dienende Chips veröffentlicht. Der Tagespreis für 4-Gigabit-NAND-Flashspeicher, die in Smartphones, Tablett-PCs und Digitalkameras verbaut werden, zogen an dem Montag um 17 Prozent an.

Toshiba produziert 25 Prozent aller NAND-Flashchips welteit. Am 14. März stellte das Unternehmen in Werken und Büros in Regionen, die von Stromabschaltungen betroffen waren, zeitweise den Betrieb ein. Sollten sich längerfristige Ausfälle ereignen, wäre ein „fast apokalyptischer Engpass“ die Folge, sagt Jim Handy, Analyst beim auf die Halbleiterbranche spezialisierten Marktforscher Objective Analysis in Los Gatos, Kalifornien.

Taiwan Semiconductor Manufacturing und United Microelectronics, die weltgrößten Auftragsfertiger von Computerchips, dürften die Gewinnschätzungen für das zweite und dritte Quartal verfehlen, heißt es in einem am 14. März erschienenen Bericht von Goldman Sachs. Die für die Halbleiterherstellung nötigen Siliziumwafer aus japanischer Fertigung fehlten, schreiben die Analysten Donald Lu, Evan Xu und Hu Lingling. Der südkoreanische Elektronikanbieter Samsung und der taiwanesische Smartphonehersteller HTC suchen Unternehmensangaben zufolge nach alternativen Bezugsquellen, um Engpässe in der Produktion zu vermeiden.

Bei großen Unternehmen wie Taiwan Semiconductor Manufacturing reichen die Vorräte der in der Chipherstellung eingesetzten chemischen Produkte gewöhnlich für vier bis sechs Wochen. Sollten Lieferungen aus Japan ausfallen, wäre dies daher vorerst kein Unglück. Doch niemand weiß, wann die Unternehmen dort die Probleme überwunden haben. Warren Lau, Analyst bei Samsung Securities in Hongkong, warnt davor, dass Apple und andere Unternehmen länger anhaltende Verzögerungen zu spüren bekämen. „Wenn die Japaner nicht liefern können“, sagt Lau, „dann bekommt niemand das iPad 2.“

Autobauer sind noch auf der sicheren Seite

Die Lage bei hochwertigen Autoteilen aus Japan ist momentan weniger besorgniserregend. Bei Ford läuft die Belieferung mit Nickel-Metallhydrid-Akkus durch den japanischen Hersteller Sanyo bisher problemlos, teilte das Unternehmen mit. Die Akkus werden für die Fertigung der Hybridvariante des US-Modells des Ford Fusion in Mexiko benötigt. Der schwedische Autohersteller Volvo, der inzwischen zur chinesischen Zhejiang Geely Holding Group gehört, kauft rund zehn Prozent seiner Teile in Japan ein. Zunächst sei die Produktion nicht beeinträchtigt, sagt Unternehmens-sprecher Per-Ake Froberg. „Aber für später müssen wir sehen“

Die Lieferung von Batterien, Blu-ray-Discs und Magnetköpfen für Festplattenlaufwerke könnte durch das Erdbeben und Stromabschaltungen ebenfalls beeinträchtigt werden, schreibt das Marktforschungsunternehmen TrendForce. „Aber in Wirklichkeit wissen die Unternehmen nicht in vollem Umfang, was passiert ist“, sagt der Volkswirt Kim Hill vom Center for Automotive Research in Ann Arbor, Michigan. „Ein Auto lässt sich nicht aus 97 Prozent der Teile bauen. Man braucht so ziemlich alle.“

Fazit: Nach dem großen Erbeben in Japan befürchten Technologie- und Autounternehmen weltweit Preiserhöhungen und Lieferunsicherheit.

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