WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Atos Origin übernimmt Siemens kauft sich von IT-Sparte SIS frei

Siemens hat eine Lösung für seine jüngst ausgegliederte und notorisch defizitäre IT-Sparte SIS gefunden. Übernehmen wird sie der französische IT-Dienstleister Atos Origin. Er bekommt dafür nicht nur einen Milliardenauftrag. Unter dem Strich zahlt Siemens drauf.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
SIS-Beschäftigte bei einer Kundgebung: Die IT-Sparte war das Sorgenkind von Siemens. Quelle: dpa

ax/HB MÜNCHEN. Siemens lässt sich den Ausstieg bei SIS einiges kosten. "Insgesamt rechnet Siemens mit einer deutlich negativen Ergebniswirkung im Geschäftsjahr 2011", teilte der Technologiekonzern in der Nacht auf Mittwoch mit. Siemens steigt im Gegenzug bei Atos ein und versorgt die Franzosen mit einem satten Auftrag in Höhe von 5,5 Milliarden Euro für IT-Dienstleistungen in den nächsten sieben Jahren.

Ziel sei es, ein führendes IT-Unternehmen in Europa zu schaffen. Atos und SIS kommen zusammen auf einen Umsatz von 8,7 Milliarden Euro und fast 79 000 Mitarbeiter. Siemens bezifferte den Wert des eingebrachten Geschäfts auf 850 Millionen Euro. Das neue Unternehmen soll nächstes Jahr den Umsatz steigern und auf eine operative Marge von sechs Prozent kommen.

Die Trennung von SIS wird das Siemens-Ergebnis im laufenden Geschäftsjahr noch einmal erheblich belasten. Dennoch ist der Verkauf der kriselnden IT-Tochter ein Befreiungsschlag. Vorstandschef Peter Löscher hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass das Geschäft nach seiner Einschätzung nicht mehr ins Portfolio passt. Der Konzern will sich ganz auf die Sektoren Industrie, Medizin und Energie konzentrieren. Im abgelaufenen Geschäftsjahr erzielten die Sektoren denn auch ein operatives Rekordergebnis. SIS passt da nicht mehr recht ins Konzept des grünen Infrastruktur-Giganten - zumal die operativen Sektoren die für ihre Bedürfnisse notwendige Software oft lieber in Eigenregie entwickelten.

SIS (früher SBS) war seit Jahren das große Sorgenkind des Siemens-Konzerns. Mehrfach wurden die Strategie und das Management gewechselt. Doch unter dem Strich war die Lage stets trostlos. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2009/10 brach der Umsatz um zwölf Prozent auf knapp 4,2 Milliarden Euro ein. Der Verlust vor Steuern betrug - auch wegen der Restrukturierungskosten für den großen Stellenabbau in der Sparte - mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Immer wieder hatte Siemens in der Vergangenheit versucht, die Krisentochter loszuschlagen. Doch mal scheiteten die Verhandlungen mit dem deutschen Konkurrenten T-Systems in letzter Minute, mal zuckte Atos Origin im letzten Moment zurück. Dass sich die Franzosen nun doch für den Kauf entschieden, hat mehrere Gründe. Zum einen hat SIS seine Kostenposition durch den Abbau von 4200 Stellen deutlich verbessert. Zum anderen hübscht Siemens die Braut durch eine attraktive Mitgift auf.

2013 soll Atos mit SIS dann auf einen Umsatz von neun bis zehn Milliarden Euro kommen und eine Marge von sieben bis acht Prozent erreichen.

Ob der neue Konzern nun in der weltweiten Top-Liga mitspielen kann, ist unter Experten strittig. Siemens und Atos Origin sprachen gestern von einem "neuen europäischen IT-Champion". Der neue Konzern kommt auf einen Umsatz von 8,7 Milliarden Euro und 78 500 Mitarbeiter. Damit entsteht der siebtgrößte Anbieter von IT-Dienstleistungen weltweit. Bis 2013 sollen die Erlöse auf neun bis zehn Milliarden Euro steigen. Die operative Umsatzrendite soll dann bis zu acht Prozent betragen. Doch dürfte es nicht leicht werden, den Anschluss an Konkurrenten wie HP, IBM oder Accenture dauerhaft zu schaffen. Allerdings wird dies nicht mehr das Problem von Siemens sein - die Münchener werden künftig nur noch mit einer Minderheitsposition an Atos Origin beteiligt sein.

Siemens steigt bei den Franzosen mit 15 Prozent der Aktien ein und will mindestens fünf Jahre als Miteigentümer an Bord bleiben. "Im Zuge der Transaktion erhält Siemens rund 12,5 Millionen neue Aktien von Atos Origin mit einem aktuellen Wert von 414 Millionen Euro sowie eine fünf Jahre laufende Wandelanleihe über 250 Millionen Euro und eine Zahlung von rund 186 Millionen Euro in bar", hieß es. Dem Deal müssen noch die Kartellbehörden und die Atos-Aktionäre zustimmen. Im Juli 2011 soll die Transaktion abgeschlossen sein.

Auf die Beschäftigten kommen weitere Belastungen zu: Zusätzlich könnten 1750 Jobs bei SIS wegfallen, davon 650 in Deutschland, hieß es. Siemens hatte zuvor bereits den Abbau von 4200 der 35 000 SIS-Stellen angekündigt. Die Münchner stellen 250 Millionen Euro für die Integration und Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung.

Auch, wenn es einen weiteren Stellenabbau geben könnte: Die Arbeitnehmervertreter bei Siemens signalisierten ihre grundsätzliche Zustimmung. Es sei ein "tragfähiges industrielles Konzept" gegeben, hieß es in einer Mitteilung. Man erwarte nun aber, dass "die Einhaltung und Fortführung der bestehenden Tarifverträge und Vereinbarungen zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite gewährleistet" werde.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%