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AUB-Gewerkschaft Ex-AUB-Chef Schelsky: Brachialer Charme

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Mail von IOC-Vize Thomas Bach

Auch AUB-Geschäftsführer Gottfried Linn führt es auf Schelskys einnehmendes Wesen zurück, dass er einen sicheren Job als Bereichsleiter an der Bundeswehrakademie für Information und Kommunikation in Strausberg bei Berlin aufgab, um bei der AUB anzudocken: „Schelsky erklärt einem in einer Dreiviertelstunde die Welt, das ist beeindruckend“, erinnert sich Linn.

Im Nürnberger AUB-Hauptquartier allerdings verlor er alle Illusionen. Der durchschnittliche Mitgliederzuwachs „von wenigen 100“ pro Jahr sei „viel zu gering“, um die angestrebte Tariffähigkeit zu erlangen, befand Linn in einem Strategiepapier, das er 2000 schrieb. Betriebsklima und Kommunikation in der Geschäftsstelle seien „mangelhaft“. „Wünsche und Weisungen des Vorstands werden nur bedingt oder gar nicht umgesetzt“, beschrieb Linn das Dilemma in dem als „Verschlusssache“ deklarierten Dossier. Er forderte monatliche Gespräche zwischen Landesbeauftragten und Bundesgeschäftsstelle. Aber nicht mal das funktionierte. Wozu auch? Tatsächlich hatte nur einer was zu sagen bei den angeblich Unabhängigen: Schelsky. Linn fragte sich bald, warum Schelsky „überhaupt einen Geschäftsführer brauchte“. Das Strategiepapier ließ Schelsky in der Schublade verschwinden. Und Mike Bubner wurde, als er selbstständiger agierte, von Schelsky „angebrüllt und dann mit Nichtbeachtung bestraft“, erinnert sich der Brandenburger.

Patriarchalisch wie manche Familienunternehmer führte Schelsky die AUB

Patriarchalisch wie manche Familienunternehmer führte Schelsky die AUB. Kein Wunder, denn die Hauptamtlichen waren vom großen Vorsitzenden abhängig: Siemens hatte die frühere Praxis, AUB-Hauptamtliche wie Linn direkt unter Vertrag zu nehmen, Anfang des Jahrzehnts beendet. Stattdessen waren viele AUBler nun bei Schelskys Unternehmensberatung angestellt. Linn meinte also Schelsky, als er 2000 schrieb: „Ohne externe Finanzierung ist die AUB nicht überlebensfähig.“

Für die AUB-Insassen sah es so aus, als finanzierte überwiegend Schelsky die Organisation. Der ließ sie gerne in dem Glauben. Reich geerbt habe er, sagte Schelsky und lebte auf großem Fuß. So erwarb er 2004 im Ostseebad Lubmin für 251.000 Euro ein Haus und sanierte es für 400.000 Euro. Ein Anwesen in Kanada, eine Yacht und ein Segelboot gehörten ihm, auf Golftour ging der Sportfan mit Star-Trainer Craig Miller. Schelsky kaufte Antiquitäten und Gemälde. Über seine Firmen finanzierte er die Handball-Damen vom 1. FC Nürnberg, die Handballabteilung des VfB Forchheim in Oberfranken, Volleyballer aus Dresden.

Besonders in und um Greifswald hat Schelsky bis heute treue Fans. Die Beschäftigten des dortigen Elektronikdienstleisters Ml&s glauben fest daran, Schelsky habe ihre Jobs und sie vor der Arbeitslosigkeit gerettet. Der 300-Mann-Betrieb ist nur eine von mehreren früheren Siemens-Firmen, an denen Schelsky Anteile erwarb. Zu welchen Konditionen? Das ist bislang unbekannt.

Während AUBler wie Linn und Bubner moderate Gehälter bezogen, soll Schelsky AUB-Rechtsanwältinnen in Nürnberg – Berufsanfängerinnen von Ende 20 – üppige fünfstellige Gehälter zugestanden haben. „Immer jünger wurden die Damen um ihn herum“, erinnern sich irritierte Weggefährten. Es war die Zeit, als Schelsky erkrankte, sich von seiner Frau trennte und seinen Lebensmittelpunkt nach Mecklenburg-Vorpommern verlegte. „Vor fünf, sechs Jahren hat er die Lust an der AUB verloren“, sagen Funktionäre über die Entfremdungsphase. Auf AUB-Probleme wollte Schelsky kaum mehr angesprochen werden. Ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen aus Nürnberg schotteten ihn bei AUB-Versammlungen gegenüber Kontakten nun regelrecht ab.

Als edler Spender gefiel sich Schelsky und überließ Kindergärten oder anderen sozialen Einrichtungen drei- und vierstellige Summen. Was davon aus seiner Privatschatulle kam und was von Siemens, ist kaum zu klären. „Wir alle hätten skeptischer sein müssen“, sagt Heinz-Jürgen Forstreuter selbstkritisch: Warum etwa beschäftigte die AUB ihre Mitarbeiter nicht selbst?

AUB-Strategiepapier aus dem Jahr 2000

Forstreuter ist AUB-Betriebsrat bei Nokia Siemens Networks in Düsseldorf und war dort vor der Gründung des deutsch-finnischen Joint Ventures freigestellter Betriebsrat der Siemens-Niederlassung. Vor fünf Jahren zappte der Rheinländer mal durch die TV-Sender. „Bei Eurosport lief Curling“, erinnert er sich und staunte: „Das deutsche Team trug das AUB-Logo auf den Trikots.“ Bei nächster Gelegenheit fragte Forstreuter, wieso die Arbeitnehmerorganisation in die Randsportart Geld steckt. Schelsky ließ ihn, sagt Forstreuter, einfach stehen: „Das geht dich nichts an.“

Wohin die Abhängigkeit führte, wurde im Februar 2007 klar: Schelskys Unternehmensberatung meldete nach dessen Festnahme Insolvenz an. Und die AUB-Hauptamtlichen bekamen kein Gehalt mehr.

Die AUB-Überlebenden organisierten sich 2007 neu und bemühen sich um einen Neustart – allerdings mit angezogener Bremse. Linn, den sie wieder zum Bundesgeschäftsführer machten, ist heute stolz darauf, dass die AUB mit reduzierter Mannschaft nun tatsächlich vom auf zwölf Euro erhöhten monatlichen Mitgliedsbeitrag und von den nach wie vor fließenden Seminareinnahmen lebt. Zum Vergleich: Die IG Metall fordert von ihren Mitgliedern ein Prozent des Brutto-Monatsgehalts.

Den Verdacht, die AUB zehre heimlich von versteckten Siemens-Gelddepots, bestreiten die Verantwortlichen vehement. „Die hat es nie gegeben“, sagt die frühere Schelsky-Stellvertreterin Ingrid Brand-Hückstädt, AUB-intern liebevoll „Brandy“ genannt. Aber nach wie vor steht die AUB im Schatten des ehemaligen Vorsitzenden: Bis heute trauen sich die Funktionäre nicht, Schelsky auszuschließen. Das ist offenbar ein so heißes Eisen, dass es der neue Vorstand um den Hamburger Airbus-Betriebsrat Rainer Knoob nicht anpackt. Betriebsräte wie Forstreuter, die in ihren Unternehmen nun um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen, sind „für einen Ausschluss, um mit der Vergangenheit klar zu brechen“. Denn trotz der Schelsky-Affäre glaubt Forstreuter, die Idee, Pluralität in Arbeitnehmervertretungen zu bringen, lasse sich retten.

Möglich, dass nach einem Rauswurf noch mehr Schelsky-Getreue die AUB verlassen. Sie hat derzeit weniger als 10.000 Mitglieder – noch. Durch die Aldi-Geschichte, sagt Geschäftsführer Linn, „gibt es wieder mehr Austritte“.

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